Zeitschrift

Europa in Baden-Württemberg

50 Jahre - ein Panorama


Fünf Porträts

Güllü Özmen


  Europa in Baden-Württemberg
Inhaltsverzeichnis

 

  

img10.gif 

geb. 1982 in Laupheim, Abitur 2002 am Pestalozzi-Gymnasium in Biberach.

Seit 1995 ist sie Stipendiatin der Markelstiftung Stuttgart. Die Stiftung vergibt seit 1985 Stipendien und Ausbildungsbeihilfen an begabte Jugendliche aus der ausländischen Wohnbevölkerung Baden-Württembergs.

Mein Großvater gehört der ersten Generation der Gastarbeiter an. Bevor er nach Deutschland kam, lebte er mit seiner vielköpfigen Familie in einem kleinen Dorf in Sinop am Schwarzen Meer. Er hatte Schwierigkeiten damit, seine Familie versorgen zu können und verschuldete sich. Also entschied er sich, im Ausland zu arbeiten. Damals hieß es: »In Deutschland gibt es Arbeit und man kann dort gut Geld verdienen!« Also ab nach Deutschland.

Da er keine offizielle Einladung zur Gastarbeiterschaft hatte, probierte er, über Jugoslawien nach Deutschland zu kommen. Dort wurde er von den Grenzbeamten abgefangen und in die Türkei zurückgeschickt. Schließlich lud ihn sein Bruder, der bereits in Österreich lebte, zu sich ein. Ein Jahr arbeitete mein Großvater in Österreich. Mit Hilfe von Freunden und Bekannten wurde er nach Deutschland eingeladen. Somit erreichte er 1970 endlich sein Ziel.

Hier wurde er freundlich aufgenommen und fand schnell eine Arbeitsstelle als Bauarbeiter, später in einer Holzfabrik. Seine eigentliche Absicht war es, so wie die aller Gastarbeiter, eine Zeit lang in Deutschland zu arbeiten, dann aber wieder in sein Heimatland zurückzukehren. Nach und nach holte er seine Söhne hierher, darunter meinen Vater, der erst 15 Jahre alt war. Gemeinsam wollten sie Geld für das geplante Haus in der Türkei sparen, worin sie nach ihrer Rückkehr wohnen sollten. Aus dieser Absicht, Geld zu sparen, wurden mehrere Jahre, sogar Jahrzehnte.

Seine Söhne wurden in der Türkei verheiratet und Enkelkinder kamen auf die Welt. Seine Schwiegertöchter halfen ihrer Schwiegermutter auf dem Feld in der Türkei, während die Söhne mit ihrem Vater in einer Firma in Deutschland arbeiteten. Jedes Jahr fuhren sie ein- bis zweimal in das Heimatland, um Familie und Freunde wieder zu sehen. Es wurden Fahrgemeinschaften gebildet, um hohe Fahrtkosten zu vermeiden. Der sonstige Kontakt zur Familie bestand aus Briefen, da telefonische Verbindungen in ein kleines Dorf in der Türkei noch nicht möglich waren. Meine Mutter hat die damaligen Briefe meines Vaters bis heute noch aufbewahrt.

Mit der Zeit hielt mein Vater die Sehnsucht nach meiner Mutter und seinem neugeborenen Sohn nicht mehr aus und holte sie beide zu sich. Mit einem Teil des gesparten Geldes kauften sie sich ein kleines Haus und begannen gemeinsam ein neues, nicht allzu leichtes Leben in einem fremden Land. Zwar gelang es meinem Vater durch die Hilfe seiner deutschen Arbeitskollegen sich zu verständigen, jedoch tat sich meine Mutter sehr schwer damit. Besonders problematisch wurde es für sie, nachdem sie weitere Kinder bekam. Wurden sie einmal krank und waren auf ärztliche Hilfe angewiesen, musste sie auf meinen Vater warten, der wiederum musste sich ein paar Stunden freinehmen, um einen Arzt aufsuchen zu können, bevor die Praxis schloss.

Ein weiteres Problem tauchte auf, als die Kinder schulpflichtig wurden. Die Sprachschwierigkeiten führten zu Problemen in der Schule. Für die dortigen Lehrer waren wir Ausländer und alle gleich schlecht. Unterschiede zwischen erfolgreichen und schlechten Schülern wurden nicht wahrgenommen. Man beschränkte sich auf Hauptschulen. Sogar Sonderschulen wurden ausländischen Kindern nahezu aufgedrängt, obwohl es meist nicht an der Leistung, sondern an der deutschen Sprache mangelte. Hätte mein Vater damals nicht seine Rechte erkämpft, so wäre der Traum einer glänzenden Karriere von vorneherein geplatzt. All' seine Kinder haben die angemessene Leistung letztendlich mit Auszeichnungen vollbracht.

Als der älteste Sohn 18 wurde, kamen weitere Probleme auf. Finanziell ging es uns recht gut, da wir aber bereits sieben Kinder waren, meinte das türkische Konsulat, dass das Haus zu klein für eine neunköpfige Familie sei. Mein Bruder werde seinen Pass nur dann erhalten, wenn wir das Haus ausbauen oder uns ein größeres Haus leisten. Unsere Nachbarin war mit dem Ausbau nicht einverstanden, obwohl es sich für sie nur um Millimeter gehandelt hätte. Also kauften wir ein großes Haus und zogen 1991 um. Wir gerieten zum ersten Mal in Deutschland in ernsthafte Schulden. In Miete wohnen konnten wir nicht, denn es war nicht leicht mit sieben Kindern eine Wohnung in geeigneter Größe zu finden. Durch die finanzielle Unterstützung meiner Brüder gelang es meinem Vater, die Schulden unter Kontrolle zu bekommen.

Heute kommt die Familie besser klar. Meine Mutter machte trotz Schreib- und Leseschwierigkeiten ihren Führerschein. Einige der Kinder haben bereits ihre Ausbildung hinter sich und sind zum Teil sogar selbstständig.

Natürlich gibt es Probleme innerhalb der Familie heute noch. Kinder ausländischer Herkunft haben große Probleme damit, sich auf irgendeine Weise zu identifizieren. Sie leben zwischen zwei verschiedenen Kulturen und Religionen und besitzen zudem zwei gegensätzliche Lebenseinstellungen. Ein Spagat zwischen zwei Welten sozusagen. Für Eltern war es selbstverständlich, dass ihre Kinder die eigene Kultur und vor allem die Religion übernehmen. Dabei konnten sich viele nicht mit den traditionellen Werten identifizieren. Dies führte zu Streitfällen und Meinungsverschiedenheiten in der Familie. Viele ausländische Jugendliche wollen genauso leben wie ihre deutschen Altersgenossen, das heißt abends ausgehen und sich mit Freunden amüsieren. Das blieb vor allem türkischen Mädchen untersagt. In dieser Hinsicht hatten es die ersten Kinder der Familie am schwersten. Es gibt jedoch immer mehr Eltern, die lernen, ihren Kindern mehr Freiheiten zu lassen, so auch meine Eltern.

Ich finde, man sollte nie versuchen, sich zwischen der einen oder anderen Kultur zu entscheiden. Besser ist es, beide miteinander zu verbinden, um so für sich das Beste bestimmen zu können.

 

 


Copyright ©   2002  LpB Baden-Württemberg   HOME

Kontakt / Vorschläge / Verbesserungen bitte an: lpb@lpb-bw.de