Zeitschrift

Europa in Baden-Württemberg

50 Jahre - ein Panorama


Fünf Porträts

Svetlana Efimova


  Europa in Baden-Württemberg
Inhaltsverzeichnis

 

  

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ihr Mann, ihre Tochter auf der Reise von Samara nach Deutschland in Moskau kurz vor der Abfahrt des Zuges, 1996

Am 26. November 1996 sind wir in Deutschland angekommen. Das Erste, was uns im Kopf schwirrt: Wir sind auf einem anderen Planeten gelandet. Alles war fremd: Architektur, Leute, Sprache, sogar der Himmel und die Sonne sahen ganz anders aus. Jeder Anfang ist schwierig, und wir waren keine Ausnahme.

Aber zuerst meine Vorgeschichte. Ich bin russische Jüdin und komme aus der Stadt Samara in Russland. 1992 erfuhren wir, dass die deutsche Regierung russische Juden im Rahmen der Kontingentflüchtlinge nach Deutschland eingeladen hat. Wir haben viel über die deutsche Geschichte gelesen, meine Eltern haben die deutsche Sprache gelernt, ich habe Deutsch in der Schule und auf der Universität gelernt und konnte gut übersetzen. Trotzdem fiel uns die Entscheidung sehr schwer. Ich war verheiratet, unsere Tochter war vier Jahre alt. Die Heimat zu verlassen, wenn man schon 30 Jahre alt ist, mit einem kleinen Kind in die Ungewissheit, ist nicht so einfach. Das Einzige, was uns in der deutschen Botschaft in Moskau versprochen wurde, war ein Zimmer in einem Wohnheim und ein sechsmonatiger Sprachkurs. Eines Tages haben wir uns entschieden. Wir, ich und mein Mann, haben die Universität absolviert und waren Physiker von Beruf. »Mit der guten Ausbildung haben wir eine gute Chance« - so waren unsere Hoffnungen. In Deutschland sind wir mit vier Taschen angekommen, zwei davon waren voll mit russischen Büchern, |  eine mit dem Spielzeug unserer Tochter.

Als wir nach der Einwanderung wieder zu »uns selbst gekommen« waren, haben wir erkannt, dass es in Deutschland viele Tausende von Ausländern gibt. Die Wirklichkeit war ganz anders, als wir uns sie vorgestellt haben. Die erste Schwierigkeit: die Sprache. Es gibt sehr viele Dialekte und sie haben uns trotz unserer Kenntnisse der deutschen Sprache durcheinander gebracht. Die Sprachkurse waren sehr gemischt organisiert, einige Teilnehmer konnten überhaupt kein Wort Deutsch, die anderen haben fließend gesprochen. Die sechs Monate sind so schnell wie in einem Flug vorbeigegangen, wir wurden sicherer, hatten aber noch Schwierigkeiten bei den Unterhaltungen.

Wenn ich mich jetzt daran erinnere, hatten wir vor unserer Ausreise keine Ahnung, wie man hier in Deutschland lebt. Viele Kleinigkeiten, über die andere sich keine Gedanken gemacht haben, waren für uns manchmal unlösbar. Und wir konnten nirgendwo die Antworten finden, nur durch eigene Fehler und Erfahrungen. Jeden Tag standen wir unter Stress. Ich finde es sehr schade, dass so wenig Möglichkeiten für die Integration der Zuwanderer vorhanden sind. Die andere Schwierigkeit: das Misstrauen der deutschen Arbeitgeber gegenüber russischen Arbeitnehmern. Natürlich ist es sehr schwer, die für einen Arbeitgeber passenden Personen herauszufiltern. Es ist jedoch paradox, wenn einerseits russische Fachkräfte als hochgebildet geschätzt, andererseits aber die eigenen, manchmal weniger qualifizierten Arbeitskräfte bevorzugt werden. Als Folge davon verlieren beide Seiten. Mit der Zeit gehen die Fachkenntnisse verloren, die Unternehmen beklagen einen Mangel an hochqualifizierten Arbeitnehmern. So war das auch bei uns. Unsere Diplome wurden anerkannt, aber die Suche nach der Arbeit war erfolglos. Ohne deutsche Papiere, deutsche Zeugnisse ging es einfach nicht. Wir versuchten immer optimistisch zu bleiben. Inzwischen habe ich eine Stelle als Bügelfrau gefunden. Erst als mein Mann hier eine Umschulung gemacht und deutsche Zeugnisse »in der Hand hatte«, konnte er eine Stelle als Softwareingenieur finden.

Jetzt, vier Jahre nach der Einwanderung, fühlen wir uns hier wohl, wir sind nicht enttäuscht, dass wir unser Leben um 180 Grad drehen mussten, nur unsere Sprache fehlt uns ein bißchen. Zuhause sprechen wir Russisch und haben eine große Bibliothek mit russischen Büchern. Unsere Tochter spricht und schreibt in zwei Sprachen. Unser Leben hat sich stabilisiert. Wir haben viele nette Leute kennen gelernt, die mit Tat und Rat immer für uns da sind. Natürlich läuft noch nicht alles glatt, aber:

Wenn Dir's in Kopf und Herzen schwirrt,
Was willst Du Bessres haben,
Wer nicht mehr liebt und nicht mehr irrt,
Der lasse sich begraben.
Johann Wolfgang von Goethe 

 


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