Europa in Baden-Württemberg 50 Jahre - ein Panorama Garnisonsstadt
Tübingen Von Martin Kramer |
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Zunächst entschieden die französischen Truppen den Wettlauf nach Stuttgart im April 1945 für sich. Aber schon Anfang Juli mussten sie sich unter amerikanischem Druck auf eine Linie südlich der Autobahn Karlsruhe-Ulm zurückziehen. Während die Amerikaner Nordbaden und Nordwürttemberg zum Land Württemberg-Baden zwangsvereinigten, ließen die Franzosen die alten Landesgrenzen bestehen, nur Hohenzollern wurde aus der preußischen Konkursmasse zum südlichen Württemberg geschlagen. Zwei Länder entstanden: Württemberg-Hohenzollern und Südbaden.
Das militärische Oberkommando für die gesamte französische Besatzungszone unter General Koenig residierte in Baden-Baden. Rheinaufwärts wurden in den wichtigsten badischen Städten Truppen stationiert. In Württemberg-Hohenzollern erkoren die neuen Herren Südwestdeutschlands Tübingen zum militärischen (und politischen) Mittelpunkt. Einerseits verfolgte die französische Besatzungsmacht eine rigorose, harte Linie (vgl. S. 14-17: Deutsche und Franzosen im Südwesten), andererseits demonstrierte sie die große Kulturnation. Bereits im Oktober 1945 eröffnete der Militärgouverneur von Südwürttemberg, General Widmer, die Universität wieder. An den Gymnasien begann der Fremdsprachenunterricht selbstverständlich mit Französisch. Von Baden-Baden aus versuchte Alfred Döblin, seit 1936 französischer Staatsbürger, Brücken zwischen französischer und wiedererwachender deutscher Kultur zu schlagen. Entscheidend beteiligt war er an der Neugestaltung der Rundfunklandschaft des Südwestens, die bis zur Fusion von SWF und SDR 1998 die Besatzungszeit widerspiegelte: Südwestfunk für Südwürttemberg, Südbaden und die Pfalz, Radio Stuttgart beziehungsweise SDR für Nordwürttemberg und Nordbaden.
Widerstände und Ressentiments bei den »Besetzten« wurzelten allerdings tief. Das lag nicht nur an den einschneidenden Maßnahmen der französischen Militärverwaltung, den Demontagen, den »Verschleppungen« arbeitsfähiger Männer nach Frankreich, sondern auch am festgefügten Bild vom »Erbfeind Frankreich«, das bis weit in die Großvätergeneration zurückreichte. Ein Blick über die amerikanisch-französische Zonengrenze, die nur mit Sondergenehmigungen zu passieren war (s. Dokument S. 18), zeigt, dass auch dort die Vorurteile noch immer »deutschtümelten«.
Während Frankreich im besetzten Deutschland selbstverständlich, wenn auch widerwillig, als große Kulturnation anerkannt wurde, hatten die amerikanischen Kulturoffiziere der Information Control Division (ICD) in der amerikanischen Besatzungszone gegen das tief sitzende Vorurteil zu kämpfen, dass die USA kultur- und traditionslos seien. Beispielhaft zeigt sich das am Widerstand gegen unliebsame Filmvorführungen. Selbst von den Amerikanern eingesetzte Bürgermeister versuchten ungeniert zu zensieren oder zu verbieten.
Zwischen Feindseligkeit und Gleichgültigkeit
In der kleinen Universitätsstadt Tübingen dominierten
zunächst die Franzosen Stadtbild und Alltagsleben. Sie beschlagnahmten viele
über die ganze Stadt verstreute Gebäude und Wohnungen und benutzten die
Kasernen, soweit sie nicht beschädigt waren, sofort weiter. Bis in die 60er
Jahre waren in Tübingen 2000 Soldaten, Unteroffiziere und Offiziere mit ihren
Familienangehörigen stationiert. In öffentlichen Paraden demonstrierten die
Franzosen militärische Präsenz. Erst als ab 1955 in der Südstadt, jenseits der
Steinlach, Wohnquartiere für die französischen Soldaten entstanden, ging die
Präsenz im öffentlichen Leben zurück. Die beschlagnahmten Wohnungen und Villen
wurden nach und nach zurückgegeben. Dafür entwickelte sich in den Augen vieler
Tübinger die Südstadt zum »besetzten Gebiet«. Dort gab es alles, was die
Soldaten und ihre Angehörigen brauchten, unter französischer Regie: eine
Schule, den Supermarkt »Economat« und eine Apotheke. Schwere Panzer kurvten
durch die engen Straßen und hinterließen an den Bordsteinen ihre Spuren.
Das Kasernentor war eine hermetische Grenze, bewacht von einem Posten in Stahlhelm und in weißen Gamaschen. Was hinter dem Schlagbaum lag, blieb verborgen. Allenfalls aus den umliegenden Häusern konnte man beispielsweise in den riesigen Innenhof der Loretto-Kaserne blicken, auf dem sich aber im Laufe der Zeit immer weniger Leben zeigte. Einmal im Jahr öffneten sich die Tore für einen Tag der offenen Tür, »Franzosen-Kirmes« genannt. Für Kinder eine Gelegenheit auf militärischem Gerät herumzuklettern und für Erwachsene billig einzukaufen: zum Beispiel kartonweise den als typisch geltenden »Vin Mousseux« und Zigaretten. Familiäre Kontakte zwischen Franzosen und Deutschen waren die Ausnahme, selbst wenn man nebeneinander wohnte. Das lag gewiss nicht nur an den Sprachbarrieren, sondern auch an der hohen Fluktuation. Wehrpflichtige waren in der Regel nur ein Jahr in Tübingen, Offiziere zwei Jahre. Eine wirkliche Beziehung zu Frankreich entstand weniger über die Garnison, sondern eher über die Städtepartnerschaft mit Aix en Provence. Durch diese »jumelage« gelangte in den 60er und 70er Jahren französische Lebensart an den Neckar. Bekannt und beliebt war in studentischen Kreisen das Feinkost-Geschäft Kohla in der Collegiums-Gasse, in dem man selbst noch die ausgefallensten Zutaten für die französische Küche bekommen konnte, bevor in den 80er und 90er Jahren McDonalds und Pizzerien die Innenstadt eroberten. Die französische Garnison wurde dadurch noch mehr ins militärische Ghetto abgedrängt.
Offizielle Begegnungen
Beim Verlassen der Südstadt
passierte man, gleich nach dem Überqueren der Bahnlinie über die so genannte
»Blaue Brücke«, zwei wichtige Institutionen der französischen Garnison. »Foyer«
und Offizierskasino. Letzteres lag wunderbar ruhig an der Einmündung der
Steinlach in den Neckar. Schon der Baustil zeigte, dass es älter als die
französische Garnison war; tatsächlich diente es schon zu Zeiten der deutschen
Garnison als gesellschaftliches Zentrum für die Offiziere. Kasinos sind
exklusive Institutionen, die dem zivilen Bürger den Zutritt verwehren. Es sei
denn, er ist hoch offiziell eingeladen. Ganz anders das etwas entfernt, an der
lärmenden Hauptverbindung zwischen Süd- und Nordstadt gelegene »Foyer«. In
Eine Begegnungsmöglichkeit auf höchster gesellschaftlicher Ebene war die »Tübinger Deutsch-Französische Gesellschaft«, seit 1961 ein eingetragener Verein, dem nahezu 1000 Mitglieder angehörten: französische Berufsoffiziere und Tübinger Honoratioren. Bekannt und berühmt waren die Bälle im »Museum« oder auf dem Schloss sowie andere Festivitäten, zu denen die Franzosen gegebenenfalls die logistische Unterstützung lieferten: Zelte, Tische, Bänke und sonstiges Material, das sich ein Verein normalerweise nicht leisten konnte. 1952 initiierte der damalige Oberbürgermeister Mülberger Einladungen an französische Soldaten Weihnachten in deutschen Familien zu feiern. Obwohl diese Aktion »Weihnachtsfranzosen« bis zum Abzug der Truppen beibehalten wurde, die Südwestpresse immer wieder dazu aufrief und darüber berichtete, blieb sie doch eine Randerscheinung. Nie konnte sie den Eindruck des Verordneten, fast Zwanghaften ganz abstreifen. Engere familiäre Bande, wie französisch-deutsche Ehen, die auf diese Weise angebahnt wurden, blieben die seltene Ausnahme. Epilog
Ein langfristiges städtebauliches Konzept versucht aus dem bisher einseitig militärisch genutzten Gebiet ein enges Nebeneinander von Wohnen, Arbeiten und Dienstleistung zu entwickeln. Besonders wichtig ist die Verbesserung der Verkehrsanbindung an die Kernstadt, um aus dem einstigen Stiefkind unter den Stadtteilen ein innerstädtisches Quartier mit der entsprechenden sozialen, schulischen und kulturellen Struktur zu machen. Als »französisches Viertel« von Tübingen nimmt diese Planung bereits konkrete Gestalt an. Wobei »französisch« inzwischen eher eine Lebensart meint und weniger die Erinnerung an die Zeit der französischen Garnison.
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