Zeitschrift

Europa in Baden-Württemberg

50 Jahre - ein Panorama

Garnisonsstadt Tübingen
1945-1992

Von Martin Kramer 


  Europa in Baden-Württemberg
Inhaltsverzeichnis

 
 

  

Zunächst entschieden die französischen Truppen den Wettlauf nach Stuttgart im April 1945 für sich. Aber schon Anfang Juli mussten sie sich unter amerikanischem Druck auf eine Linie südlich der Autobahn Karlsruhe-Ulm zurückziehen. Während die Amerikaner Nordbaden und Nordwürttemberg zum Land Württemberg-Baden zwangsvereinigten, ließen die Franzosen die alten Landesgrenzen bestehen, nur Hohenzollern wurde aus der preußischen Konkursmasse zum südlichen Württemberg geschlagen. Zwei Länder entstanden: Württemberg-Hohenzollern und Südbaden.

 

Alfred Döblin
(Stettin 1878-1957
Emmendingen)

»Wir blickten alle gespannt zur Tür, als Döblin hereinbegleitet wurde. Ja, da war er, der kleine, bebrillte Mann. Einige begannen bereits, in die Hände zu klatschen. Aber plötzlich wurde es still. Der Mann, der dort an der Tür erschien, hatte das Gesicht Döblins, aber es war ein französischer Major in Uniform. Die Hände sanken verblüfft herab.«

Der Schriftsteller Günther Weisenborn, seit den 20er Jahren ein Bewunderer Döblins, 1947. In: Alfred Döblin 1878-1978, Marbach 1978, S. 430

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Das militärische Oberkommando für die gesamte französische Besatzungszone unter General Koenig residierte in Baden-Baden. Rheinaufwärts wurden in den wichtigsten badischen Städten Truppen stationiert. In Württemberg-Hohenzollern erkoren die neuen Herren Südwestdeutschlands Tübingen zum militärischen (und politischen) Mittelpunkt. Einerseits verfolgte die französische Besatzungsmacht eine rigorose, harte Linie (vgl. S. 14-17: Deutsche und Franzosen im Südwesten), andererseits demonstrierte sie die große Kulturnation. Bereits im Oktober 1945 eröffnete der Militärgouverneur von Südwürttemberg, General Widmer, die Universität wieder. An den Gymnasien begann der Fremdsprachenunterricht selbstverständlich mit Französisch. Von Baden-Baden aus versuchte Alfred Döblin, seit 1936 französischer Staatsbürger, Brücken zwischen französischer und wiedererwachender deutscher Kultur zu schlagen. Entscheidend beteiligt war er an der Neugestaltung der Rundfunklandschaft des Südwestens, die bis zur Fusion von SWF und SDR 1998 die Besatzungszeit widerspiegelte: Südwestfunk für Südwürttemberg, Südbaden und die Pfalz, Radio Stuttgart beziehungsweise SDR für Nordwürttemberg und Nordbaden.

 

Carlo Schmid
(Perpignan 1896-1979 Bonn)

Völkerrechtstudium
in Tübingen und Frankfurt

Landgerichtsrat und
Privatdozent in Tübingen

1946 Präsident des
Staatssekretariats von Württemberg-Hohenzollern

MdB 1949-72

Bundestagsvizepräsident
1949-66 und 1969-72

Seit 1969 Koordinator für die deutsch-französische Zusammenarbeit

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Widerstände und Ressentiments bei den »Besetzten« wurzelten allerdings tief. Das lag nicht nur an den einschneidenden Maßnahmen der französischen Militärverwaltung, den Demontagen, den »Verschleppungen« arbeitsfähiger Männer nach Frankreich, sondern auch am festgefügten Bild vom »Erbfeind Frankreich«, das bis weit in die Großvätergeneration zurückreichte. Ein Blick über die amerikanisch-französische Zonengrenze, die nur mit Sondergenehmigungen zu passieren war (s. Dokument S. 18), zeigt, dass auch dort die Vorurteile noch immer »deutschtümelten«.

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Chirurgische
Universität und Poliklinik
Tübingen

Tübingen den 14.5.45


Bestätigung

für Herrn Bergmann Seeles und Frau Luise Seelos, wohnhaft in Tübingen zur Vorlage bei der Zollgrenzkontrolle.

Herr Seelos stand bei uns wegen eines Uleus ventrieuli vom 12.4. bis 9.5.48 in stationärer Beobachtung.
Da er sich von Herrn Prof. Bender in Esslingen operieren lassen möchte, bitten wir, ihn diesbezüglich ohne Schwierigkeit in die Zonengrenze passieren lassen zu wollen.

Frau Luise Seelos wurde bei uns am 10.Okt.47 operiert und erhielt bis jetzt 2 Serien-Rö. Bestrahlungen.
Da unser Bestrahlungsgerät infolge Röhrendefekt bis zur Beschaffung einer neuen Röhre ausfällt, bitten wir, sie zur II. Strahlenbehandlung für 14 Tage bis 3 Wochen in der RöAbtlg. des Städt.Krhs. Esslingen bei Herrn Dr.med.habil. Desehendorf nach seiner fernmündlichen Zusage ohne Schwierigkeit die Zonengrenze passieren lassen zu wollen.

Während Frankreich im besetzten Deutschland selbstverständlich, wenn auch widerwillig, als große Kulturnation anerkannt wurde, hatten die amerikanischen Kulturoffiziere der Information Control Division (ICD) in der amerikanischen Besatzungszone gegen das tief sitzende Vorurteil zu kämpfen, dass die USA kultur- und traditionslos seien. Beispielhaft zeigt sich das am Widerstand gegen unliebsame Filmvorführungen. Selbst von den Amerikanern eingesetzte Bürgermeister versuchten ungeniert zu zensieren oder zu verbieten. 

Warum die Deutschen Humphrey Bogart in »Der Malteser Falke«, dem ersten Hollywoodfilm in württembergisch-badischen Kinos 1945, nicht sehen wollten:

»Die deutsche Propaganda hat während des Krieges betont, Amerika sei unter anderem ein Land der Gangster. Dieser Film zeigt, wie der Hauptdarsteller die Auto­­rität der Polizei vorführt. Die Hauptdarstellerin spielt eine Figur aus der Unterwelt. Es finden drei Morde statt. Und die Polizei ist nicht in der Lage, die Verbrecher zu verhaften«.

Wochenbericht der Militärregierung Nord-Baden vom 10.11.1945, zit. nach: Ulrich Bausch, in: Stuttgarter Zeitung, 30. Juli 1992, S. 27

Zwischen Feindseligkeit und Gleichgültigkeit

In der kleinen Universitätsstadt Tübingen dominierten zunächst die Franzosen Stadtbild und Alltagsleben. Sie beschlagnahmten viele über die ganze Stadt verstreute Gebäude und Wohnungen und benutzten die Kasernen, soweit sie nicht beschädigt waren, sofort weiter. Bis in die 60er Jahre waren in Tübingen 2000 Soldaten, Unteroffiziere und Offiziere mit ihren Familienangehörigen stationiert. In öffentlichen Paraden demonstrierten die Franzosen militärische Präsenz. Erst als ab 1955 in der Südstadt, jenseits der Steinlach, Wohnquartiere für die französischen Soldaten entstanden, ging die Präsenz im öffentlichen Leben zurück. Die beschlagnahmten Wohnungen und Villen wurden nach und nach zurückgegeben. Dafür entwickelte sich in den Augen vieler Tübinger die Südstadt zum »besetzten Gebiet«. Dort gab es alles, was die Soldaten und ihre Angehörigen brauchten, unter französischer Regie: eine Schule, den Supermarkt »Economat« und eine Apotheke. Schwere Panzer kurvten durch die engen Straßen und hinterließen an den Bordsteinen ihre Spuren.
Mit der Kernstadt von Tübingen jenseits des Neckars hatte dieses Viertel wenig zu tun. Natürlich gehörten französische Militärfahrzeuge zum Straßenbild, erkannte man die Zivilfahrzeuge französischer Soldaten nicht nur am Fahrzeugtyp, sondern an den blauen Nummernschildern. Und nicht zu übersehen und zu überhören waren die Rudel junger, kurzgeschorener Wehrpflichtiger, die nach Dienstschluss durch die Altstadt zogen. Die Franzosen waren da, aber man nahm sie nicht (mehr) wahr.

Französische Wohnhäuser in der Südstadt

Die Mansardenzimmer waren bis in die 70er Jahre bei Studentinnen begehrt.
Anstatt Miete zu bezahlen mussten sie die Kinder der Offiziersfamilien betreuen und bei gesellschaftlichen Anlässen als Bedienung aufwarten.

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Das Kasernentor war eine hermetische Grenze, bewacht von einem Posten in Stahlhelm und in weißen Gamaschen. Was hinter dem Schlagbaum lag, blieb verborgen. Allenfalls aus den umliegenden Häusern konnte man beispielsweise in den riesigen Innenhof der Loretto-Kaserne blicken, auf dem sich aber im Laufe der Zeit immer weniger Leben zeigte. Einmal im Jahr öffneten sich die Tore für einen Tag der offenen Tür, »Franzosen-Kirmes« genannt. Für Kinder eine Gelegenheit auf militärischem Gerät herumzuklettern und für Erwachsene billig einzukaufen: zum Beispiel kartonweise den als typisch geltenden »Vin Mousseux« und Zigaretten.

Familiäre Kontakte zwischen Franzosen und Deutschen waren die Ausnahme, selbst wenn man nebeneinander wohnte. Das lag gewiss nicht nur an den Sprachbarrieren, sondern auch an der hohen Fluktuation. Wehrpflich­tige waren in der Regel nur ein Jahr in Tübingen, Offiziere zwei Jahre.

Eine wirkliche Beziehung zu Frankreich entstand weniger über die Garnison, sondern eher über die Städtepartnerschaft mit Aix en Provence. Durch diese »jumelage« gelangte in den 60er und 70er Jahren französische Lebensart an den Neckar. Bekannt und beliebt war in studentischen Kreisen das Feinkost-Geschäft Kohla in der Collegiums-Gasse, in dem man selbst noch die ausgefallensten Zutaten für die französische Küche bekommen konnte, bevor in den 80er und 90er Jahren McDonalds und Pizzerien die Innenstadt eroberten. Die französische Garnison wurde dadurch noch mehr ins militärische Ghetto abgedrängt.

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»Franzosenkirmes« 1977

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Offizielle Begegnungen

Beim Verlassen der Südstadt passierte man, gleich nach dem Überqueren der Bahnlinie über die so genannte »Blaue Brücke«, zwei wichtige Institutionen der französischen Garnison. »Foyer« und Offizierskasino. Letzteres lag wunderbar ruhig an der Einmündung der Steinlach in den Neckar. Schon der Baustil zeigte, dass es älter als die französische Garnison war; tatsächlich diente es schon zu Zeiten der deutschen Garnison als gesellschaftliches Zentrum für die Offiziere. Kasinos sind exklusive Institutionen, die dem zivilen Bürger den Zutritt verwehren. Es sei denn, er ist hoch offiziell eingeladen. Ganz anders das etwas entfernt, an der lärmenden Hauptverbindung zwischen Süd- und Nordstadt gelegene »Foyer«. In img8.gifdiesem typischen Zweckbau aus den 50er Jahren gab es ein französisches Restaurant und ein Kino. Zutritt hatten ursprünglich nur französische Soldaten, die Gendarmerie kontrollierte sogar. Später wurde das Foyer allgemein zugänglich und entwickelte sich damit vor allem für jene Tübinger zum Geheimtipp, die wirklich französisch essen wollten.

Eine Begegnungsmöglichkeit auf höchster gesellschaftlicher Ebene war die »Tübinger Deutsch-Französische Gesellschaft«, seit 1961 ein eingetragener Verein, dem nahezu 1000 Mitglieder angehörten: französische Berufsoffiziere und Tübinger Honoratioren. Bekannt und berühmt waren die Bälle im »Museum« oder auf dem Schloss sowie andere Festivitäten, zu denen die Franzosen gegebenenfalls die logistische Unterstützung lieferten: Zelte, Tische, Bänke und sonstiges Material, das sich ein Verein normalerweise nicht leisten konnte. 1952 initiierte der damalige Oberbürgermeister Mülberger Einladungen an französische Soldaten Weihnachten in deutschen Familien zu feiern. Obwohl diese Aktion »Weihnachtsfranzosen« bis zum Abzug der Truppen beibehalten wurde, die Südwestpresse immer wieder dazu aufrief und darüber berichtete, blieb sie doch eine Randerscheinung. Nie konnte sie den Eindruck des Verordneten, fast Zwanghaften ganz abstreifen. Engere familiäre Bande, wie französisch-deutsche Ehen, die auf diese Weise angebahnt wurden, blieben die seltene Ausnahme.

Epilog

img9.gifNach der Wiedervereinigung wurden 1991/92 die im Südwesten stationierten französischen Truppen zum größten Teil abgezogen, die Militärstandorte aufgelöst, alle Liegenschaften zurückgegeben. Über die Nutzung des überraschend frei gewordenen Wohn- und Geländeraumes wurde heftig gestritten und diskutiert, da er vielfältige Begehrlichkeiten weckte. In die beim Bahnhof gelegene Thiepval-Kaserne zogen Bosnien-Flüchtlinge ein. Sie war bereits Anfang der 80er Jahre von den Franzosen geräumt worden und hatte seither ein Sammellager für Asylbewerber und Aussiedler beherbergt. Die Kaserne am Burgholz, Richtung Reutlingen, wurde zum Teil in Studentenwohnungen umgewandelt. Die Loretto-Kaserne veränderte ihr Gesicht vollständig. Der Innenhof wurde mit Büros, Läden und Wohnungen überbaut, ehemalige Kasernengebäude werden von der Volkshochschule genutzt.

Ein langfristiges städtebauliches Konzept versucht aus dem bisher einseitig militärisch genutzten Gebiet ein enges Nebeneinander von Wohnen, Arbeiten und Dienstleistung zu entwickeln. Besonders wichtig ist die Verbesserung der Verkehrsanbindung an die Kernstadt, um aus dem einstigen Stiefkind unter den Stadtteilen ein innerstädtisches Quartier mit der entsprechenden sozialen, schulischen und kulturellen Struktur zu machen.

Als »französisches Viertel« von Tübingen nimmt diese Planung bereits konkrete Gestalt an. Wobei »französisch« inzwischen eher eine Lebensart meint und weniger die Erinnerung an die Zeit der französischen Garnison.

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Das Areal der ehemaligen Loretto-Kaserne in der Tübinger Südstadt: einstige Kasernengebäude - zum Teil noch renovierungsbedürftig - mit moderner Bebauung kontrastierend. 

Der rührige Verein »Kultur im französischen Viertel« veranstaltet diesen Sommer eine Filmreihe zum Thema »Stadt im Film« an verschiedensten Orten im Viertel. Und was die Sache zusätzlich interessant macht: nicht kommerziell und perfekt durchorganisiert, sondern mit dem Aufruf, Getränke und Sitzgelegenheiten selbst mitzubringen.
Und für Notfälle gibt's ja genügend Kneipen mit kulanten Wirtinnen im Viertel: Bei Regen bietet die Panzerhalle Zuflucht für Filmprojektor und Publikum«.

Stadtmagazin Tübingen / Reutlingen, August 2001, S. 8

 

 


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