Zeitschrift

Migration

  • Glaubensflüchtlinge: Waldenser
  • Schwabenzüge nach Russland, Polen und in die Donauländer
  • Auswanderung nach Nordamerika im 18. und 19. Jahrhundert
  • Zweiter Weltkrieg - erzwungene Migration: NS-Umsiedlungsaktion Neue Heimat für die Vertriebenen
  • Migration nach Deutschland: Gastarbeiter 1955 - 2000  - Migration heute


Heft  45 - 2002

 



 

Inhaltsverzeichnis

 

Auswanderung nach Nordamerika im 18. und 19. Jahrhundert

 

1. Neuländer, Menschendiebe und Seelenverkäufer: Auswanderung in die englischen Kolonien Nordamerikas im 18. Jahrhundert 

Von Ulrich Maier 

Noch bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts zogen die meisten Auswanderer aus dem deutschen Südwesten nicht nach Nordamerika, sondern nach Russland, Polen oder in die Donauländer. Auswanderung nach Nordamerika hat es aber auch schon im 18. Jahrhundert gegeben. In den Hafenstädten Heilbronn und Mannheim begann für Zehntausende die lange Reise über Rotterdam in die Neue Welt. Mit Beginn des amerikanischen Unabhängigkeitskriegs war dieser Weg dann allerdings für Jahrzehnte versperrt, so dass sich zwei Zeiträume der Amerikaauswanderung abgrenzen lassen: Die erste Phase erstreckte sich auf das 18. Jahrhundert bis auf sein letztes Viertel, die zweite begann nach dem Ende der napoleonischen Kriege, dauerte das ganze 19. Jahrhundert hindurch an und reichte bis in das 20. Jahrhundert in die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Danach gingen die Auswandererzahlen deutlich zurück.

Meist wird die Gründung von Germantown 1683 durch 13 Familien Krefelder Mennoniten als Beginn der deutschen Einwanderung in Amerika bezeichnet. Doch schon fünf Jahre früher ließen sich Pfälzer Hugenotten in der Nähe von New York nieder. Sie bauten 1678 die Siedlung »New Paltz«. Auch das ist typisch für die Auswanderung dieses Zeitabschnitts: Flüchtlinge, die aus Glaubensfragen vertrieben worden waren und im protestantischen Südwestdeutschland Aufnahme fanden, tendierten zur Weiterwanderung in die klassischen Auswanderungsländer. Das gilt für Hugenotten und Waldenser ebenso wie für Schweizer Mennoniten und Salzburger Protestanten. Insgesamt bildeten sie aber nur einen kleinen Teil der Auswanderer aus Südwestdeutschland. 

Aus der südlichen Kurpfalz, Baden-Durlach und dem nördlichen Württemberg kamen bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts die meisten Auswanderer in die Neue Welt, so dass man in Amerika bald alle deutschen Auswanderer als »Palatines« bezeichnete. 1775 machten die Deutschen mit 110 000 Bewohnern fast ein Drittel der Gesamtbevölkerung Pennsylvaniens aus.

 

Was trieb die Leute aus dem Land?

Wie kommt es, dass in Südwestdeutschland, das noch wenige Jahrzehnte zuvor Einwanderungsgebiet war, um die Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert Auswanderung im großen Stil einsetzte? Die Pfalz, Württemberg und Baden hatten nach den verheerenden Verwüstungen und Bevölkerungsverlusten während des Dreißigjährigen Krieges Glaubensflüchtlinge aus Frankreich, dem Piemont, Österreich und Wallonien aufgenommen (vgl. Kapitel I)

Schweizer Mennoniten und auch Wirtschaftsflüchtlinge aus dem gesamten Alpenraum besiedelten die verwüsteten Dörfer. Auch hatte Südwestdeutschland zu Beginn des 18. Jahrhunderts längst noch nicht die Bevölkerungszahlen vor dem Dreißigjährigen Krieg erreicht. 

Die Gründe für die erste große Auswanderungswelle zu Beginn des 18. Jahrhunderts sind vor allem in den schwierigen politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen zu suchen. Auch nach dem Dreißigjährigen Krieg war das Land an Rhein, Neckar, Donau und Bodensee nicht zur Ruhe gekommen. Die zahlreichen Reichskriege gegen Frankreich dauerten mit kurzen Unterbrechungen von den Siebzigerjahren des 17. bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts. Die südliche Kurpfalz und die angrenzenden Regionen, d.h. der größte Teil des heutigen nördlichen Baden- Württembergs, war Aufmarschgebiet der kaiserlichen Armeen gegen Frankreich, Durchmarschgebiet österreichischer Truppen zwischen den habsburgischen Niederlanden und den vorderösterreichischen Landen zwischen dem Breisgau und Oberschwaben, aber dieser Landstrich war auch direkt vom Krieg betroffen. 1688 drangen die Franzosen bis zum Neckar vor, fünf Jahre später sanken 40 Städte und Dörfer bei einem erneuten Vorstoß der Franzosen in Schutt und Asche, darunter Marbach, Backnang, Großbottwar und Beilstein. Die kaiserlichen Heere belasteten die Gemeinden durch Einquartierungen und Requirierung von Nahrungs- und Futtermitteln (M1). (Zu den Hauptmotiven der Auswanderer im 19. Jahrhundert vgl. Kapitel III. 2)

Im 1706 veröffentlichten »Goldenen Buch« der Auswanderung des Eschelbronner Pfarrers Josua Harrsch, der sich Josua Kocherthal nannte, werden die Hauptmotive der Auswanderer genannt: Franzosenangst, Angst vor Plünderung, auch durch die Reichsarmeen, und Hoffnung auf ein »gelobtes Land« jenseits des großen Meeres (M2). Dieses Buch hatte eine ungeheuere Wirkung. Es erschien bereits 1709 in vierter Auflage und fand vor allem in der Kurpfalz, aber auch im angrenzenden Baden, Württemberg und weit darüber hinaus Verbreitung. Im Jahre 1709 machten sich 13 000 Auswanderer aus dieser Region nach Amerika auf, in den folgenden Jahren bis zu 8000 pro Jahr, vorwiegend Kleinhandwerker, Weingärtner, Tagelöhner mit meist nur wenig Grundbesitz. In der Zeit zwischen 1749 und 1753 waren darunter ca. 25 000 Württemberger, obwohl in Württemberg Auswandererwerbung nach dem Gesetz verboten war. Nicht verhindern konnte die herzogliche Regierung allerdings, dass sich in den Reichsstädten, vor allem in Ulm und Heilbronn, Agenten britischer Maklerfirmen niederließen, um von dort aus die Werbung auch in das Herzogtum Württemberg hineinzutragen.

 

Das Geschäft mit der Werbung 

Das Geschäft mit der Auswandererwerbung war einträglich. Die Werber erhielten für jeden Geworbenen von ihren Auftraggebern eine Kopfprämie (M9). Gemeinsam mit den Reedereien waren die Auswandereragenturen bemüht, jedes Schiff mit genügend Auswanderungswilligen auszulasten. Besonders aktiv war Friedrich Heerbrand in Heilbronn, Agent des britischen Maklers John Dick, der sich in Rotterdam niedergelassen hatte. Von Heilbronn aus versorgte Heerbrand seine Leute, die im Herzogtum illegal wirkten, mit Werbematerial (M4). 

Ein Blick in die Auswandererwerbeschriften zeigt die Strategie: Die Auswanderung sollte als wohl organisierte Unternehmung und die Ansiedlung in Amerika als Garant für eine glückliche Zukunft erscheinen (M3). Kein Wort davon, dass Neuschottland (heute Nova Scotia, an Kanadas Ostküste) noch völlig unerschlossen war und man noch ständig mit Indianerüberfällen rechnen musste (M12). 

Die zunehmenden Auswandererzahlen behagten der württembergischen Regierung überhaupt nicht. Man befürchtete einen Verlust von Volksvermögen. 

Württembergische Untertanen hatten aber das Recht des »freien Zuges«. Deshalb konnte die Auswanderung nicht einfach untersagt werden. So erließ man Verbote, den zurückgelassenen Besitz der Auswanderer zu kaufen. Im Jahr der ersten Massenauswanderung 1709 heißt es in einem herzoglichen Erlass Eberhard Ludwigs an seine Amtleute, dass wer trotz aller Ermahnungen dennoch auswandern wolle, davon ausgehen müsse, dass er seine Güter niemandem verkaufen könne. Den Untertanen wurde nämlich verboten, Besitztümer von Auswanderern käuflich zu erwerben.

 

Die Überfahrt 

Die organisierte Schiffsreise begann in Heilbronn oder Mannheim, wo sich auch die Auswanderer vom Oberrhein trafen. Dann fuhr man auf dem Rhein nach Rotterdam. Erst später, in der zweiten Phase der Amerikaauswanderung nach 1815, gewannen die Häfen in Frankreich an Bedeutung für die Auswanderer, vor allem Le Havre. 

Bereits diese erste Phase war äußerst beschwerlich und langwierig. Unzählige Grenzkontrollen hielten die Reisenden auf und ließen ihre Vorräte schmelzen (M6). Viele von ihnen waren bereits in Rotterdam völlig mittellos, konnten aber dank des seit 1728 nachweisbaren »Redemptioner- Systems« auch ohne Reisegeld in die Neue Welt gelangen. 

Zeitweise gelangten bis zu 75 % der Auswanderer auf diese Weise in das Land ihrer Träume. Sie verpflichteten sich, in Amerika das Reisegeld abzuverdienen und begaben sich in eine »Dienstknechtschaft« auf Zeit (M8). 

Diese Möglichkeit öffnete der organisierten Schlepper- und Schleuserkriminalität Tür und Tor (M9). Die Vermittlung solcher unglücklicher Auswanderer nach ihrer Ankunft an amerikanische Interessenten nannte man dann auch recht deutlich »Deutschenhandel« 
(M10). In der zweiten Phase der Massenauswanderung, nach 1815, wurde dieses Verfahren verboten. Nur noch diejenigen, welche ihr Reisegeld selbst aufbringen konnten, wurden von den Auswandererschiffen mitgenommen (vgl. dazu auch Kapitel III. 2)

Die Reisebedingungen auf den Atlantikschiffen schildert der Enzweihinger Schulmeister Gottlieb Mittelberger recht anschaulich. 1750 fuhr er mit einer Auswanderergruppe von Heilbronn nach Pennsylvanien. Er sollte eine in Heilbronn gebaute Orgel nach Philadelphia bringen und dort aufbauen. Eine große Zahl von Quellen bestätigen seine Angaben, so dass sein Bericht durchaus als realistisch anzusehen ist. Viele Auswanderer erreichten ihr Ziel nicht und starben während der strapaziösen mehrwöchigen Überfahrt (M6). Die Verhältnisse auf den überfüllten Schiffen des 18. Jahrhunderts glichen ohne Übertreibung denen der »Boatpeople« unserer Tage (M7). Erst als sich um die Mitte des 19. Jahrhunderts Dampfschiffe auf der Nordatlantikroute durchgesetzt hatten, verbesserten sich die Bedingungen der Überfahrt für die Auswandere  entscheidend  

 

Die Aufnahme 

Die Lebensbedingungen in den englischen Kolonien Nordamerikas waren unterschiedlich. Städtisches Leben hatte sich an der Ostküste bereits ausgebildet (M13). 

Für Handwerker bestanden hier gute Möglichkeiten, eine Existenz aufzubauen. Bauern mussten meist in die Grenzregionen ziehen und das Land, das sie erwerben konnten, mühsam urbar machen. Dabei waren sie noch lange den Gefahren der Wildnis ausgesetzt (M11,M12). Pioniergeist war gefragt. 

Äußerst skeptisch betrachtete die einheimische Oberschicht die Einwanderung der »Pfälzer« (M14). Benjami  Franklin empfand Angst vor einer drohenden Überfremdung  und forderte eine rasche Akkulturation. Selbst wenige Jahre zuvor ausgewanderte deutsche »Pilgerväter «, wie die Pastoren Mühlenberg, Brunnholz und Handschuh befürchteten gesellschaftliche Verwerfungen. In einem gemeinsamen Bericht von 1754 schrieben sie  

»Es kommen nun in diesen Jahren unter den viel Tausenden Kolonisten viele freche, verkehrte und unruhige Köpfe mit herein, solche, die in Europa weder Gott noch der Welt und geistlichen Obrigkeiten haben Gehorsam leisten wollen; Männer, die mit keinem Nachbar haben friedlich wohnen können; Leute, die den Müßiggang und ein unmäßiges Leben gelebt und geführt und nur auf List und Ränke denken, wie sie hier ohne Arbeit reich und hochangesehen werden können.« (Charnitzky,1997, S. 148)

Erstaunlich weitsichtig und fortschrittlich dachte dagegen  der Verfasser eines Artikels, der am 21. August 1816 im »Essex Register« in Salem, Massachusetts, erschien: 

»Die Auswanderung ist ein Vorgang von solchem Ausmaß  dass sie für die Lebensweise der Menschheit ein neues Zeitalter einleitet. Jede Familie wird, derjenigen Abrahams gleich, danach Ausschau halten, auf welchem Teil der bewohnbaren Erde sie sich niederlässt, um den Ort zu finden, wo die Lebensgewohnheiten den Wünschen am ehesten entsprechen. Die Bevölkerung wird sich – wie der Markt – daran orientieren, wo das Leben den höchsten Wert, die größte Sicherheit und die längste Dauer hat, und die Mehrheit wird lernen, die Minderheit zu respektieren.« (Zit. n.: U. Maier, 2002, S. 162) 

 

Literatur

Charnitzky, Jürgen (Hrsg.): Gottlieb Mittelbergers Reise nach Pennsylvanien im Jahr 1750 und Rückreise nach Deutschland im Jahr 1754. Sigmaringen 1997 

Cronau, Rudolf: Drei Jahrhunderte deutschen Lebens in Amerika. Eine Geschichte der Deutschen in den Vereinigten Staaten. Berlin 1909 

Ehmer, Hermann: Die Auswanderung aus Südwestdeutschland nach Nordamerika, in: Haselier, Günther (Hrsg.): USA und Baden- Württemberg in ihren geschichtlichen Beziehungen. Stuttgart 1976 

Fertig, Georg: Lokales Leben, atlantische Welt. Die Entscheidung zur Auswanderung vom Rhein nach Nordamerika im 18. Jahrhundert. Osnabrück 2000 

Hippel,Wolfgang v.: Auswanderung aus Südwestdeutschland. Studien zur württembergischen Auswanderung und Auswanderungspolitik  im 18. und 19. Jahrhundert. Industrielle Welt  Band 36, Stuttgart 198  Maier, Ulrich: Auf nach Neuschottland, in: Archivnachrichten 22  Mai 2001, Quellenbeilage Moltmann, Günter (Hrsg.): Aufbruch nach Amerika. Stuttgart 1989 Rehs, Michael und Haager, Hans-Joachim: Wurzeln in fremder Erde. Zur Geschichte der südwestdeutschen Auswanderung nach Amerika. Stuttgart 1984 

Maier, Ulrich: Auf nach Neuschottland, in: Archivnachrichten 22,
Mai 2001, Quellenbeilage

Moltmann, Günter (Hrsg.): Aufbruch nach Amerika. Stuttgart 1989

Rehs, Michael und Haager, Hans-Joachim: Wurzeln in fremder
Erde. Zur Geschichte der südwestdeutschen Auswanderung nach
Amerika. Stuttgart 1984

 

 

 

 


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