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Migration

  • Glaubensflüchtlinge: Waldenser
  • Schwabenzüge nach Russland, Polen und in die Donauländer
  • Auswanderung nach Nordamerika im 18. und 19. Jahrhundert
  • Zweiter Weltkrieg - erzwungene Migration: NS-Umsiedlungsaktion Neue Heimat für die Vertriebenen
  • Migration nach Deutschland: Gastarbeiter 1955 - 2000  - Migration heute


Heft  45 - 2002

 



 

Inhaltsverzeichnis

 

Auswanderung nach Nordamerika im 18. und 19. Jahrhundert

 

2. Neue Heimat in Amerika – Massenauswanderung im 19. Jahrhundert 

Von Eva Maria und Wilhelm Lienert  

Bereits Ende des 17. Jahrhunderts fanden Deutsche in Nordamerika ihre neue Heimat, im 19. Jahrhundert sind aber richtiggehende »Auswanderungswellen « feststellbar, die mindestens zwei bis drei Jahre anhielten. 1800–1803 ist die erste Welle zu verzeichnen, 1816/17 nach den Not- und Hungerjahren folgte die zweite, weitere sind 1832/33, 1847 bis 1854, 1864–1867 und dann wieder 1880–1883 festzustellen. Insgesamt wanderten in den siebzig Jahren zwischen 1820 und 1890 etwa fünf Millionen Deutsche nach Amerika aus. Dies heißt, dass etwa 30 % aller Einwanderer nach Amerika aus Deutschland kamen. 

Dennoch – mit Zahlen zu arbeiten ist kritisch, zu zersplittert war Deutschland, zu unterschiedlich sind die Zeiträume, die in heutigen Tabellen verglichen werden, zu unsystematisch ist das Material gesammelt worden. Die »Buchführung« über die Auswanderer lag häufig bei den Pfarrämtern, wer bei Nacht und Nebel »entwich«, ist oft nicht erfasst. Dennoch seien einige Daten genannt, um die Größenordnung zu umreißen, wenn wir von Auswanderung aus dem Südwesten sprechen. W. Boelcke zählt in der »Sozialgeschichte Baden-Württembergs von 1800–1989« für die Zeit zwischen dem Wiener Kongress und der Reichsgründung 400 000–430 000 Auswanderer allein aus Württemberg, für Baden werden in den zehn Jahren um 1850 über 130 000 Auswanderer genannt. Südwestdeutschland erlebte in jenen Jahren den Verlust von 13 % der »mittleren Bevölkerung« (Boelcke, S. 154). 

Auch unter allen deutschen Auswanderern machten die Bürger aus dem Südwesten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts über ein Drittel aus. Für 1835–39 wurden 36,8% ermittelt, 1865–69 waren es noch 13,8 %, was aber durch die Zunahme von Auswanderern aus anderen Landesteilen zu erklären ist (Moltmann, 1979, S. 22). Württemberger und Badener sind auch in dieser Zeit in »schon gewohnter Zahl« abgewandert. 

 

Die List’sche Untersuchung in Neckarsulm 

Erste gesicherte Erkenntnisse über die Motive der Auswanderer liegen uns aus der Zeit von 1817 vor, als Friedrich List im Auftrag des württembergischen Königs in Heilbronn, Weinsberg und Neckarsulm Auswanderer befragte, heute eine unschätzbare Geschichtsquelle. 

Als Motive der Auswanderer (vgl. M1 und M2) gelten zu allen Zeiten wirtschaftliche Not, oft die Sorge ums nackte Überleben, so war das Jahr 1817 z. B. das dritte Jahr in Folge, das der bäuerlichen Bevölkerung Missernten brachte. Aber Lists detaillierte Auflistung nennt daneben explizit sechs Bereiche, in denen auswanderungswillige Bürger über die »mangelhaften Institutionen des Staates« klagen. Dies sind unerschwingliche Auflagen und Steuern, teils infolge der Kriegsereignisse, teils begründet aus schlechter Haushaltsführung und Korruption auf Gemeindeebene, persönliche Bedrückungen des »gemeinen Mannes« durch Ortsvorsteher und Beamte, überhöhte Schreibgebühren für jede Amtshandlung, Langsamkeit der Justiz im Zwangsvollstreckungswesen, Wildschäden und Willkür der Forstbeamten und letztlich Unterdrückung durch Grundherren. So mussten viele Bürger zusehen, wie ihr Vermögen beständig – trotz fleißiger Arbeit – schrumpfte und sie konnten sich ausrechnen, wann es aufgebraucht sein würde. Die meisten sahen ihr Heil in der Auswanderung, da sie jeden Glauben an eine Besserung der Verhältnisse im Lande verloren hatten. 

 

Der Bürgerrechtsverzicht 

Durch Erbteilung waren die Höfe zunehmend unwirtschaftlich geworden, von der Bevölkerung wurden hohe Steuern und zahlreiche Dienste verlangt, die Verwaltung war kaum in der Lage, in Notzeiten wie bei den Missernten nach 1815 Hilfe zu leisten. Dagegen wurden Auswanderungsanträge liberal behandelt. Trotzdem war das Sich-Herauslösen aus der Heimat keine einfache Angelegenheit. Wer einfach »nach Amerika entwich«, wie oft in den Gemeindeprotokollen angegeben, kam zwar schneller aus dem Land, war aber ohne die nötigen Papiere zumindest bis zum Erreichen des Schiffes zum Untertauchen verurteilt. Wer den offiziellen Weg beschritt, brauchte die Erlaubnis der Regierung, den Pass vom Oberamt, die Sichtvermerke der Durchreiseländer (die seit 1817 vom nötigen Reisegeld abhingen), er durfte keine Schulden hinterlassen, was auch die Steuern mit einschloss. Zudem musste die Auswanderungsabsicht in der Presse bekannt gemacht werden, damit sich Gläubiger melden konnten und wer kurzfristiger abreisen wollte, brauchte einen Bürgen, der für eventuelle Schulden aufkommen sollte. Besitzverhältnisse, und damit auch oft Erbschaftsfragen, mussten geregelt werden, zurückbleibendes Gut wurde verkauft oder versteigert, auf das Bürgerrecht musste verzichtet werden. Die Auswanderung einer Familie war also ein Abschied für immer. 

 

Reise über Land und Meer 

Während von Württemberg, dem Lauf der Donau folgend, vor 1820 oftmals Südosteuropa das Ziel der Auswanderer war (vgl. Kapitel II), zogen die Badener auf dem Rhein zu den Atlantikhäfen und damit weiter nach Amerika. Wer diesen Fluss auch nur ein Stück weit nutzte, konnte von Köln in späteren Jahren mit der Bahn Bremen oder Hamburg erreichen, viele überquerten auch gleich den Rhein und steuerten Le Havre an. Bis 1817 war die Auswanderung nach Amerika relativ billig, die Überfahrtskosten mussten nicht im Voraus bezahlt werden (M3). Die Auswanderungswilligen konnten die Passage kostenlos nutzen und wurden in Philadelphia oder Baltimore von den Kapitänen an amerikanische Farmer »vermittelt«, d. h. sie arbeiteten einige Jahre ihre Überfahrtskosten ab. Die damalige Bezeichnung »white slaves« trifft nicht den Sachverhalt, denn die Einwanderer waren rechtlich den Einheimischen gleichgestellt und nach Ableistung ihrer Arbeitsverpflichtung freie Menschen. Viele Auswanderer sahen in diesem »Redemptioner-System« durchaus Vorteile, mussten sie sich doch nicht sofort in einem fremden Land mit anderer Sprache auf sich allein gestellt zurechtfinden. Sie konnten sich darauf verlassen, dass sie in den ersten Jahren Unterkunft und Arbeit hatten und sich allmählich einleben konnten. Es waren meist junge Leute, vor allem Männer, Mitte oder Ende Zwanzig – welche Zukunftsaussichten hätte ihnen das Leben in ihrer Heimat beschert? 1817 geriet wegen der immens steigenden Zahl von Neuankömmlingen das Redemptioner-System aus den Fugen, die Arbeitskontrakte wurden für immer längere Zeit geschlossen, um bei sinkenden Preisen für die Arbeitskraft noch den Preis für die Schiffspassage zu erzielen. Dies rief die amerikanischen Behörden auf den Plan, die eine gesetzliche Regelung für diesen Markt vorsahen und den raffgierigen Kapitänen das Geschäft verdarben. So bestanden seit dieser Zeit die meisten Kapitäne auf einer vorherigen Bezahlung der Überfahrt, was sich im Lauf der Jahre auch durchsetzte. Problematisch wurde es für diejenigen Auswanderungswilligen, die 1817 in Amsterdam und Antwerpen festsaßen und weder Geld für die Überfahrt noch für die Rückkehr hatten und nicht mehr kostenlos mitgenommen wurden. Ihnen blieb nur der Weg zurück in die »alte« Heimat, aus der sie nicht immer im Guten weggezogen waren und wo sie nun als Bettler wieder ankamen. 

Erst in den 1860er-Jahren setzten sich die Dampfschiffe auf der Nordatlantikroute durch. Vorher wurde die Überfahrt auf Segelschiffen unternommen, ein zeitlich ungewisses Unterfangen. Die Fahrt konnte in acht Wochen glücken, das Schiff konnte aber auch drei Wochen vor den Azoren in einer Flaute liegen. Unzählig sind die Briefe, die von den Beschwernissen der Reise berichten, von unzureichender Versorgung mit Nahrungsmitteln, von verfaultem Wasser, von Stürmen und vor allem von den unzumutbaren Verhältnissen im Zwischendeck. Die Passagiere waren eingezwängt auf engstem Raum, Waschmöglichkeiten gab es kaum, frische Luft kam wenig durch die Luken – und bei Sturm wurden diese geschlossen, der Angstschweiß der vielen Menschen vermischte sich mit dem Geruch, den Seekrankheit hinterlässt. Langeweile führte zu Aggressionen, ebenso wie die Kontakte zwischen jungen Männern und Frauen an Bord zu Konflikten führten. Und während bei jedem Sturm an Bord Verzweiflung herrschte und sich die Passagiere wünschten, nie ihre Heimat verlassen zu haben, war an jedem sonnigen, ruhigen Tag die Hoffnung auf eine goldene Zukunft zu spüren (M5M7). 

 

Gelockt, geflohen, abgeschoben 

Neben den wirtschaftlichen Gründen für die Auswanderung sind religiöse Gründe zu nennen, die meist ganze Gemeinschaften zum Abzug bewogen. Politische Gründe waren nur kurzzeitig nach der gescheiterten Revolution von 1848 vorherrschend. 

Ein Hauptfaktor für die Auswanderung ist aber auch der bestehende briefliche Kontakt mit schon Ausgewanderten (M8M10). Sie machten oft Hoffnung auf ein besseres Leben, schilderten Amerika in besten Farben oder ließen auch nur das herauslesen, was der Sehnsüchtige herauslesen wollte. Und wer eine Adresse hatte, an die er sich wenden konnte, reiste schon unbesorgter. Viele Gemeindeprotokolle belegen eine richtiggehende »Familienzusammenführung «, wenn Frau und Kinder nachgeholt werden, wenn Geschwister den vorher Ausgewanderten nachzogen oder die 68-jährige Mutter ihrem Sohn folgte. Doch nicht alle gingen freiwillig. Viele Gemeinden dachten ökonomisch und erkannten, dass es besser sei, die Dorfarmen mit Fahrgeld nach Amerika auszustatten, anstatt sie über Jahre hinweg in der eigenen Gemeinde zu unterstützen. Auch Straftäter wurden direkt aus dem Gefängnis abgeschoben und schwer erziehbare Waisenknaben schienen mit 14 Jahren bereits alt genug für die Ausweisung in die neue Welt (M4). 

 

Am Ziel 

Wie haben sich nun die Ausgewanderten in Amerika eingelebt, etabliert? Allgemein lässt sich sagen, dass die, welche in Gruppen kamen, zusammenblieben, die, welche ihren Familienangehörigen nachzogen, sich in deren Nähe niederließen. Pennsylvania mit den Auswanderern aus der Kurpfalz ist wohl das bekannteste Beispiel aus dem 17. Jahrhundert (vgl. Kapitel III. 1). Kuhnerts Untersuchung dokumentiert anschaulich, wo es deutsche »Hochburgen« gab. 

Viele der Auswanderer aus Südwestdeutschland, deren Briefwechsel dokumentiert ist, zog es nach Cincinnati und St. Louis zu Verwandten 
(vgl.M9), etliche blieben in New York. Auch hier muss einschränkend gesagt werden, dass nur die erste Zeit nach der Ankunft verfolgt werden kann. Wohin es die Emigranten nach einigen Jahren verschlug, ob sie sich in den Städten des Ostens dauerhaft ansiedelten, ob sie Farmland im mittleren Westen suchten, um wieder wie zu Hause Landwirtschaft zu betreiben, dies kann nur am Einzelschicksal verfolgt werden. Sicher waren auch Badener und Württemberger unter den Tausenden, die auf dem Oregon-Trail nach Westen zogen, die nach 1849 in Californien nach Gold schürften oder die den Homestead-Act nutzten, für wenig Geld 160 acres »Staatsland« (1 acre = 0,4 ha = 4000 qm) erwarben und auf Jahre hinaus zwar auf eigener Scholle, aber in den Grassodenhäusern in Kansas lebten. (M11a,b) zeigen die Einwanderung in die USA insgesamt sowie zwischen 1821 und 1980, aufgeschlüsselt nach Herkunftsländern.

 

Literatur

Adams, Willi Paul (Hrsg.): Die deutschsprachige Auswanderung in die Vereinigten Staaten. Berlin 1980 

Auf Auswandererseglern. Berichte in Zwischendecks- und Kajütpassagieren (sic). Bremerhaven 1976 

Boelcke, Willi: Sozialgeschichte Baden-Württembergs 1800–1989.Stuttgart 1989 

Helbich,Wolfgang (Hrsg.): Briefe aus Amerika. Deutsche Auswanderer schreiben aus der neuen Welt 1830–1930. München 1988 

Kuhnert, Reinhard: Deutsche Einwanderer in die USA – Unterrichtsmaterialien für die Sekundarstufe I, in: Englisch-Amerikanische Studien. Münster 1984 

Landesarchivdirektion Baden-Württemberg (Hrsg.): USA und Baden-Württemberg in ihren geschichtlichen Beziehungen. Stuttgart 1976 (mit zahlreichen Einzelbildern von Auswanderern, u. a. Astor, Sutter, von Struve, Hecker, Frasch) 

Moltmann, Günter: Aufbruch nach Amerika. Friedrich List und die Auswanderung aus Baden und Württemberg 1816/17. Dokumentation einer sozialen Bewegung. Tübingen 1979 

Schelbert, Leo/Rappolt, Hedwig: Alles ist ganz anders hier. Auswandererschicksale in Briefen aus zwei Jahrhunderten. Olten 1977

Waibel, Barbara: Auswanderung vom Heuberg 1750–1900. Hrsg. vom Geschichtsverein für den Landkreis Tuttlingen, Bd. 2. Trossingen o. J.

Lokalgeschichtliche Veröffentlichungen in den Archiven oder bei den Stadtverwaltungen von Balingen, Filderstadt, Freiburg, Göppingen, Offenburg, Rottweil, Schramberg, Spaichingen, Tuttlingen (ohne Anspruch auf Vollständigkeit). Zeitschriftenbeiträge in: 

a) »Badische Heimat«, Registerbände Bd. 56 (1976) und Bd. 65 (1987) 

b) »Die Ortenau« enthält Texte zur Auswanderung: 1968/69, 1977, 1986, 1988, 1989 

c) Zeitschrift des Breisgau-Geschichtsvereins »Schau-ins-Land«, Bd. 116 (1997), Bd. 106 (1987), Bd. 100 (1981) 

 

 

 


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