Zeitschrift

Migration

  • Glaubensflüchtlinge: Waldenser
  • Schwabenzüge nach Russland, Polen und in die Donauländer
  • Auswanderung nach Nordamerika im 18. und 19. Jahrhundert
  • Zweiter Weltkrieg - erzwungene Migration: NS-Umsiedlungsaktion Neue Heimat für die Vertriebenen
  • Migration nach Deutschland: Gastarbeiter 1955 - 2000  - Migration heute


Heft  45 - 2002

 



 

Inhaltsverzeichnis

 

Auswanderung nach Nordamerika im 18. und 19. Jahrhundert

 

Materialien

 

M1  Frondienste und Vetternwirtschaft 

»Ich habe ungefähr 350 Gulden mit meinem Weibe zusammengebracht und habe mich seither als Taglöhner genährt. Mein Schultheiß hat mich sehr gedrückt und mich namentlich zweimal in den Turm gesperrt, weil ich nicht bei der Jagdfron erschienen bin, was mir unmöglich gewesen ist, da ich jedesmal an einer Fußkrankheit, welche ich mir im Russischen Feldzug durch Frost zugezogen, darnieder gelegen bin. Einzig deswegen gehe ich fort und es gehen noch mehrere aus diesem Grund. Der Schultheiß und Bürgermeister halten zusammen, denn sie sind Vettern, und die anderen Magistratspersonen halten auch mit, weil sie alle zusammen verwandt sind.« 

So schilderte Jakob Hampf aus Eglosheim (OA Ludwigsburg) 1815 vor Friedrich List die Gründe für seine Auswanderungsabsicht. Aus: Moltmann, Günter: Aufbruch nach Amerika. Friedrich List und die Auswanderung aus Baden und Württemberg 1816/17. Dokumentation einer sozialen Bewegung. Tübingen 1979, S. 130 f.; © 2002 Wunderlich bei Rowohlt, Reinbek

 

M2  Weitere Auswanderungsgründe, die von Friedrich List genannt werden

a) »Die Abgaben der Bauern sind unsäglich. In dieser teuren Zeit hat man mich noch gepfändet und ich habe im Zorn meine Güter verkauft. Dann habe ich auch befürchtet, wenn ich jetzt nicht gehe, so komme ich vollends um mein Sach und könne dann erst recht nicht fort.« Jakob Klein von Dettingen, 58 Jahre, 3 Kinder, besitzt ungefähr 1000 Gulden im Vermögen. 

Aus: Moltmann, 1979, S. 136 

b) »Man hat mich Schulden halber verklagt und wenn ich gepfändet werde, bin ich ruiniert und muss fortziehen. Es warten viele in meinem Ort auf den Verkauf, und mein Ortsvorsteher selbst hat mir den Vorschlag gemacht, nach Amerika zu ziehen, weil sein eigener Schwiegersohn Güter neben den meinen hat.« Christian Schwarz von Sülzbach. 

Aus: Moltmann, 1979, S. 158 

 

M3  Anzeigen von Auswandereragenturen und Schiffslinien

 

Abbildung aus: Waibel, Auswanderung vom Heuberg 1750–1900, hrsg. vom Geschichtsverein für den Landkreis Tuttlingen, Bd. 2. Trossingen, o. J., S. 50 (Heuberger Bote 1879) 

 

M4  Abschiebung statt Fürsorge

»Der Gesamtgemeinderat versammelt sich heute, um über die Verhältnisse des dieses Jahr konfirmierten Knaben Johannes Weigele von Eckwälden, Stiefsohn des Johannes Thudium, Webers, zu beraten, da er Gegenstand der öffentlichen Fürsorge ist. … Dieser Johannes Weigele ist ein völlig verwahrloster Knabe bei völliger Armut und Arbeitsscheu der Eltern, indem er nur zum Bettel angehalten wurde und hat alle daraus entspringenden Untugenden angenommen, insbesondere schon mehrere Diebstähle begangen. Nach seiner Konfirmation machte man einen Versuch, ihn bei einem Meister das Weberhandwerk erlernen zu lassen. Es fand sich aber keiner, der ihn aufgenommen hätte, weil er in der ganzen Gegend schlecht prädiziert (angesehen) ist. Da nun derselbe noch ein väterliches Vermögen hat, so wurde beraten und beschlossen, denselben nach Amerika zu senden und demselben noch von der Gesamtgemeindekasse 15 Gulden zu geben, indem aber von keinem weiteren ein Anspruch gemacht werden darf, nur in diesem Fall, da doch zu befürchten wäre, dass er in kurzer Zeit die Gemeinde mehr kosten würde.«

Protokoll der Sitzung des Gesamtgemeinderats der Gemeinde Eckwälden, OA Göppingen vom 30. Juli 1853. Aus: Geschichte regional, Heft 1/1979, S. 85 f.; © Kreisarchiv Göppingen 2002 

 

M5  Überfahrt erster Klasse 

1. Oktober 1853: »Unser Kämmerchen ist schmal und lang, wir schlafen in Kojen übereinander, die aber so schmal sind, dass unsere Matratzen auf beiden Seiten herauf gehen und wir wie in einer Backmulde liegen. Die Kinder liegen eins oben und eins unten; die dadurch gewonnenen Kojen sind angefüllt mit einem Kleiderkoffer, einem Weißzeugkoffer (Bettwäsche) und sämtlichen Lebensmitteln, berechnet auf 10 Wochen. Schinken, Butter, Schmalz, Käs, Zwiebeln, Äpfel, überhaupt die verschiedensten Gerüche. In dem übrigen schmalen Raum stehen die Geschirrkisten und die Proviantkiste, die gleichzeitig als Tisch dient. Wir mussten alle unseren Scharfsinn aufbieten, um die vielen Rucksäcke, Hutschachteln, Mäntel, Schirme usw. unterzubringen und uns doch noch bewegen zu können. Die Nacht war sehr stürmisch. Kein Licht zum Ausziehen, und wenn die Türe zu ist, ist es stockfinster. Über unseren Köpfen der Hasenstall, Hühner, Enten, Gänse und Gott weiß was noch alles; neben uns, nur durch ein Brett getrennt, zwei Schweine, sechs Hammel, 100 Hühner, eine Kuh. Machen Sie sich einen Begriff von diesem Konzert und diesem Geruch! Es ist ein entsetzlicher Aufenthalt, und dabei sagen unsere Mitreisenden, wir seien im Himmel gegenüber denen im Zwischendeck. Da ist es schauerlich, ein ganzes Heer von Kindern von drei Wochen alten an. 

Unreinlichkeit, Gestank und Hitze zum Ersticken, je vier auf einem Schargen, man macht sich keine Vorstellung. Um keinen Preis der Welt möchten wir so die Überfahrt machen. Pauline will oft fast verzweifeln darüber, aber wir werden uns noch über vieles hinwegsetzen lernen.« 

Den 7. Oktober 1853: »Wieder heftiger Regen. … Wie sehnte ich mich jetzt nach einer Tasse Kaffee. … In der Küche geht es zu wie in der Hölle. Stellen Sie sich eine ganz kleine Küche vor und 300 hungrige Menschen, die schon vier Tage gar nichts Gekochtes hatten! Was das für ein Gedränge ist! Männer und Weiber schlagen, treten und schimpfen sich, jedes will zuerst hin. … Sie schälten Kartoffeln und richteten die Schnitze in den Topf, morgens neun Uhr, allein es ist zwei Uhr und wir warten immer noch vergebens auf Essen. Karl Lang steht schon zwei Stunden mit der Schmalzpfanne drüben, kann aber nicht hin. Die Kinder hätten jetzt Appetit, warten aber geduldig.« 

Hier enden die Tagebuchaufzeichnungen. Das Segelschiff brauchte insgesamt 45 Tage für die Überfahrt von Le Havre nach New Orleans. 

Aus dem Tagebuch der Gaildorfer Arztgattin Karoline Rösch. Ihr Mann hatte für 300 Gulden extra eine sogenannte »Einzelkabine« gebucht – worin 10 Personen untergebracht waren. Aus: Gaildorfer Rundschau, »Extrablatt« vom 8. 11. 1995, S. 15. Verfasst von Hans König

 

M6  Auswanderer aus Baden und Württemberg im Zwischendeck

 

Abbildung aus: Moltmann, 1979, S. 280. Wunderlich Verlag. © Rowohlt, Reinbek 2002 (Original im Musée de la Marine, Paris)

 

M7  Ankunft in Amerika

Abbildung aus: Schulz, Karin: Hoffnung Amerika. NWD-Verlag Bremerhaven, S. 156 © 2002 Förderverein Deutsches Auswanderermuseum Bremerhaven

 

M8  Amerika – die Hölle?

»Hierher zu kommen rat ich niemandem. Arbeitslose Leute sind hier sehr viele, in New York bei 30 000. Die heutige Zeitung enthält die ersten Cholerafälle in St. Louis. Alle bis jetzt gemachten Erfahrungen und alles, was ich Gelegenheit hatte zu hören von solchen, die länger im Lande sind, gehen dahin und, oh dass ich es einem jeden in die Ohren schreien könnte, dass jeder zu Hause bleiben möchte. Denn obgleich viel Land auf Menschenhände wartet, so muss ein Farmer, wenn er bestehen will, ein wahres Einsiedlerleben führen, wenn er nicht ordentlich Geld mitbringt, um Land aus zweiter und dritter Hand zu kaufen. Was dann mit diesen Landverkäufen für schändlicher Betrug getrieben wird und wie mancher Auswanderer, der wegen seinem Mangel an Sprachkenntnis an die Geschäftsleute und Unterhändler gebunden ist, um sein Hab und Gut geprellt wird, ist nicht auszusprechen. Denn da kaufen sie oft Land von Leuten, die nicht den geringsten Anspruch auf das verkaufte Land haben. Hier herrscht neben der Cholera jetzt auch das Goldfieber, veranlasst durch die Schilderungen von Kaliforniens Schätzen, und es wandern viele dorthin aus.« 

Bericht eines Auswanderers, der 1849 mit dem Segelschiff von Le Havre nach New Orleans fuhr und dann nach St. Louis weiter reiste. Aus: Schelbert, Leo/Rappold, Hedwig: Alles ist ganz anders hier. Walter-Verlag, Olten 1977, S. 232–235. © Patmos Verlag, Düsseldorf 2002 

 

M9  Amerika – das gelobte Land!

»Wir haben uns um eine eigene Wohnung umgesehen und alle nötigen Möbel gekauft, einen schönen eisernen Kochherd und einen eisernen Heizofen und wohnen jetzt so nobel als je einer in Deutschland. Ich arbeite wirklich in einem Pferdestall und habe neun Pferde zu besorgen. Diese Pferde habe ich bloß morgens zu putzen und einzuspannen, zu füttern brauche ich sie nicht und bin dann bis 9 Uhr fertig. Ich verdiene in diesem Stall monatlich 25 Dollars nebst Kost, die morgens besteht in zwei- bis dreierlei Fleisch, Butter, Weißbrot und nie ohne Honig, danach Kaffee. Von Mittag und Abend will ich nicht reden. Kurz: in Amerika hat ein armer Mann bessere Kost als in Deutschland mancher Herr. Mein Sohn Adelbert hat gleich Arbeit bekommen in einer Brauerei. Er wurde krank, nachdem ihm die Arbeit auch zu hart war. Jetzt arbeitet er in einer anderen Brauerei, vielleicht bloß 200 Schritt von unserer Wohnung. Er verdient 50 Dollar, später bekommt er noch mehr.«

Aus einem Brief von John Beck, Auswanderer aus Waldmössingen an seine Verwandten im Schwarzwald, wie er jetzt (1883) in St. Louis lebt. 

Aus: 1000 Jahre Waldmössingen 994–1994. Hrsg. von der Großen Kreisstadt Schramberg 1994, S. 125

 

M10  Das bessere Leben

»Ich könnte nicht mehr draußen (in Deutschland) sein. Die deutsche Arbeit mit dem deutschen Geschirr wäre mir nicht mehr passend, und die deutsche Kost könnte ich auch nicht mehr essen! Schwarzes Brot ohne Butter und das ganze Jahr ohne Fleisch und des morgens keinen Kaffee, das würde meinem Maul nicht mehr schmecken. Wir essen nicht trocken Brot. Wenn ich zurückdenke an meine Erziehung und sehe, wie es hier meine Kinder haben, dann bin ich meinem Schöpfer dankbar, dass ich hier bin. Arbeiten muss ich zwar hart, aber Lebensmittel im Überfluss.« 

Aus einem Brief von Johann Georg Ziller, Weber aus Großsüßen bei Göppingen, der 1854 im Alter von 33 Jahren ausgewandert ist, an den Pfleger seines Vermögens (Brief von 1865). Aus: Geschichte regional, Heft 1, S. 85, Göppingen 1979. Zitiert nach: Ziegler Walter: Von Siezun bis Süßen. 1971, S. 270

 

M11a

Aus: Hoerder/Knauf, Aufbruch in die Fremde, Ed. Temmen, 1992,
S. 130

 

M11b

Aus: Hoerder/Knauf, Aufbruch in die Fremde, S. 129

Quelle: Ellis Island Museum, New York

 

 

 


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