Zeitschrift

Migration

  • Glaubensflüchtlinge: Waldenser
  • Schwabenzüge nach Russland, Polen und in die Donauländer
  • Auswanderung nach Nordamerika im 18. und 19. Jahrhundert
  • Zweiter Weltkrieg - erzwungene Migration: NS-Umsiedlungsaktion Neue Heimat für die Vertriebenen
  • Migration nach Deutschland: Gastarbeiter 1955 - 2000  - Migration heute


Heft  45 - 2002

 



 

Inhaltsverzeichnis

 

Einleitung

 

Deutschland - ein Einwanderungsland

 

»Deutschland braucht Zuwanderinnen und Zuwanderer.« Mit dieser lapidaren Feststellung beginnt der Bericht der Zuwanderungskommission, die unter der Leitung von Prof. Dr. Rita Süssmuth getagt und im Sommer 2001 ihre Ergebnisse vorgelegt hat. Weiter heißt es in der Einleitung zum Abschlussbericht: »Faktisch ist Deutschland seit langem ein Einwanderungsland.« 

In der Wissenschaft wurde diese Auffassung schon lange vertreten. Dennoch hat die klare Aussage der Parteien, Kirchen und andere Institutionen des öffentlichen Lebens übergreifenden Kommission in ihrer Deutlichkeit die deutsche Öffentlichkeit überrascht und lebhafte Diskussion ausgelöst. 

Mehr als sieben Millionen Ausländer leben gegenwärtig in der Bundesrepublik Deutschland, das sind knapp 9% der Gesamtbevölkerung. In Baden-Württemberg macht ihr Anteil sogar 12% aus. Wie fügen sie sich in das gesellschaftliche Leben ein? Welche Bereitschaft bringen sie mit, sich in unser politisches und kulturelles System zu integrieren? Welchen Grad an Toleranz bringen ihnen die deutschen Mitbürger entgegen, wenn sie kulturelle Traditionen ihrer Heimat bewahren wollen? 

Bei der aktuellen Diskussion stehen ökonomische und soziale Aspekte im Vordergrund. Wie viele Zuwanderer sind nötig, um angesichts rückläufiger Geburtenzahlen mittel- und langfristig die Renten zu sichern? Belasten die Zuwanderer nicht doch die Sozialkassen? 

Untersuchungen wie die des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung sprechen eine eindeutige Sprache. Im Vergleich der von ausländischen Bürgern aufgebrachten Steuern und den von ihnen in Anspruch genommenen staatlichen Leistungen wird ein deutlicher Überschuss sichtbar – in den Jahren zwischen 1988 und 1995 jährlich rund 15 Milliarden Euro. 

Politische Forderungen zielen deshalb dahin, die Arbeitsmigration den Bedürfnissen der Wirtschaft entsprechend zu fördern und damit die Zuwanderung nach Deutschland regelrecht zu steuern. Dabei werden konkrete Erwartungen an die Zuwanderer formuliert: sprachliche Integration als Voraussetzung der Eingliederung in das soziokulturelle System und den Arbeitsmarkt in Deutschland, aber auch die Forderung, die freiheitlich-demokratische Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland zu akzeptieren. 

 

Zuwanderung und Auswanderung als prägendes Element der Geschichte im heutigen Baden- Württemberg 

Die historische Migrationsforschung lehrt uns, dass Zuwanderung und Auswanderung keine isolierten Phänomene unserer Tage sind, auch keine Ausnahmeerscheinungen in der Geschichte, sondern prägende Erfahrung aller Generationen. Betrachten wir im Überblick die Entwicklung der letzten drei Jahrhunderte im deutschen Südwesten: 

Schweizer, Österreicher, Wallonen, französische Hugenotten und Waldenser wurden nach Baden, Württemberg und in die Kurpfalz gerufen, als dort nach den Wirren des Dreißigjährigen Krieges in manchen Gebieten nur noch ein Bruchteil der Vorkriegsbevölkerung lebte. Die Fürsten »peuplierten« systematisch ihre Länder, und die vorwiegend aus religiösen Gründen aus ihrer Heimat vertriebenen Zuwanderer fanden dort Asyl.

Bereits wenige Jahrzehnte danach setzte zu Beginn des 18. Jahrhunderts aus eben diesen Gebieten Südwestdeutschlands Auswanderung im großen Stil ein. Zigtausende verließen die von Kriegen, Teuerungen und Missernten erschütterten Landstriche an Rhein, Neckar und Donau und suchten ihr Glück in den englischen Kolonien jenseits des Atlantiks, den späteren Vereinigten Staaten, in »Preußisch Polen«, Russland oder den Balkanländern. Die Massenauswanderung aus Baden und Württemberg hielt das ganze 19. Jahrhundert hindurch an. 

Umsiedlung, Flucht und Vertreibung prägten die Geschichte des 20. Jahrhunderts. Wilsons Idealvorstellung vom Selbstbestimmungsrecht der Völker ließ sich nach dem Ersten Weltkrieg nicht verwirklichen. Aus den neu entstandenen Staaten flüchteten bedrohte Minderheiten: z.B. Griechen aus der Türkei, Türken aus dem nördlichen Griechenland, Armenier, Juden aus der UdSSR und Polen oder Deutsche aus den baltischen Staaten. Die nationalsozialistische Zwangsherrschaft in Europa löste eine Welle erzwungener Migration unvorstellbaren Ausmaßes aus. Nach dem Überfall Hitlers auf die Sowjetunion ließ Stalin die Wolgadeutschen nach Sibirien und in die angrenzenden asiatischen Staaten der UdSSR deportieren. Nach Kriegsende wurden Millionen Deutscher vertrieben. Ihre erfolgreiche Integration im Nachkriegsdeutschland ist ein Teil dieser Geschichte. Arbeitsmigration nach Baden und Württemberg lässt sich schon früh nachweisen. Ein erster Höhepunkt setzte mit dem Eisenbahnbau im 19. Jahrhundert ein, dann – im Zuge des wirtschaftlichen Aufschwungs – seit den 50er- Jahren des 20. Jahrhunderts. Zusammen mit Spätaussiedlern und Asylsuchenden prägen die Arbeitsmigranten auch die gegenwärtige Zuwanderung. 

 

Identität und Integration 

Ein wesentlicher Aspekt der Zuwanderung hat mit dem kulturellen Selbstverständnis von Einheimischen und Zuwanderern zu tun. Migration hatte immer interkulturellen Austausch zur Folge. Auch das ist keine typische Erscheinung unserer Tage. Hermann Bausinger spricht provokant formuliert von der südwestdeutschen Kultur als »Importerzeugnis« und wies nach, wie stark Einflüsse Deutschland – ein Einwanderungsland aus anderen Ländern und Kulturen selbst scheinbar bodenständige Alltagsbereiche geprägt haben. Unzählige Beispiele ließen sich dafür anführen. Wem ist heute bewusst, dass Rotkäppchen aus Frankreich stammt und von den Hugenotten nach Deutschland mitgebracht wurde? Oder wer erkennt in den Maultaschen die schwäbische Antwort auf italienische Ravioli? 

»Jede Kultur ist interkulturell. Ihr Wert liegt wesentlich in den Impulsen, die sie von anderen Kulturen erhält und diesen gibt.« Auf diesen Nenner brachte es Manfred Rommel (Stuttgarter Zeitung, 30. 1. 2001, S. 6). In einer Welt, die Tag für Tag näher zusammenrückt, ist dieser interkulturelle Austausch unumkehrbare Realität geworden und prägt in stetig zunehmendem Maße die eigene kulturelle Identität. 

»Endet die Kultur im globalen Einheitsbrei, in der McDonaldisierung? «, fragt Brandenburgs Kultusminister und gibt gleich selbst die Antwort: 

»In einem positiven Sinne zwingt uns die Internationalisierung dazu, das Verhältnis zwischen dem Lokalen und dem Globalen neu zu überdenken. Dies wird auch zu einer bewussten Rückbesinnung auf die großartigen Kulturleistungen, auf die Geschichte und auf die Identität der Regionen in der Bundesrepublik führen.« (Das Parlament, 4. 5. 2001, S. 1)

Migration und historisch-politische Bildung 

Wenn Integration gelingen soll, setzt dies voraus, dass sich die Einstellung in der Öffentlichkeit gegenüber den Zuwanderern und der eigenen Geschichte ändert. Andererseits kann Integration nur gelingen, wenn auch die Zuwanderer ihre Bereitschaft zur Integration mitbringen, wenn auch sie Interesse zeigen an der Geschichte, Kultur und dem öffentlichen Leben zum Beispiel in Deutschland. Ansätze von Rassismus oder Fremdenhass und eine latent ausländerfeindliche Stimmung in der Gesellschaft werfen die Frage auf, wo historisch-politische Bildung ansetzen kann, um hier gegenzusteuern. 

Das Thema Migration ist deshalb ein inhaltlicher Schwerpunkt der neuen Bildungspläne. An zahlreichen Beispielen aus der Geschichte Südwestdeutschlands kann deutlich gemacht werden, dass Zuwanderung, Umsiedlung, Auswanderung, Flucht und Asyl nicht nur aktuelle Phänomene sind, sondern eine historische Dimension besitzen. Der landesgeschichtliche Ansatz kann dabei helfen, Wurzeln aufzuspüren, Migration im eigenen Lebensumfeld, der Familiengeschichte und der Geschichte der Region bewusst zu machen. 

Zwar ist die Zuwanderung unserer Gegenwart vielschichtiger, aber die Grundmotive für Aus- und Einwanderung haben sich im Laufe der Geschichte wenig verändert. Vergleichbares zeigt sich auch bei der Frage der Integration. Dabei wird sich Politik und Gesellschaft mit den Zielvorstellungen auseinandersetzen müssen, was Integration leisten kann und soll, wie es der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken und Minister für Wissenschaft und Kunst im Freistaat Sachsen, Prof. Hans Joachim Meyer, unlängst formulierte: 

»Integration kann und darf weder das Ziel haben, Deutschland durch eine multikulturelle Gesellschaft endlich verschwinden zu lassen, noch kann und darf es unser Bestreben sein, eine kulturell homogene Gesellschaft unter einer Leitkultur durchzusetzen. Integration will vielmehr dem friedlichen Zusammenleben kultureller Vielfalt in Deutschland dienen.« (Zentralkomitee der deutschen Katholiken, Berichte und Dokumente, August 2000, S. 11)

Die ausgewählten Kapitel südwestdeutscher Migrationsgeschichte in diesem Heft orientieren sich in erster Linie an den Möglichkeiten, sie in den Geschichts- bzw. Gemeinschaftskundeunterricht einzubinden. Alle Themen sind geeignet, Fremdverstehen zu fördern und in der Spiegelbildlichkeit Ausländer-Einheimischer Vorurteilsstrukturen bewusst zu machen. 

Die Auseinandersetzung mit der Frage, warum Menschen in früheren Zeiten ihre Heimat in Südwestdeutschland verlassen mussten, wie sie im Zielland aufgenommen wurden, wie die Einheimischen im deutschen Südwesten auf Zuwanderer aus fremden Ländern reagierten, wie sich der Prozess der Akkulturation und des interkulturellen Austauschs vollzog, kann den Blick für die Gegenwart schärfen und zu mehr Verständnis im Umgang mit Zuwanderern führen. 

 

Literatur

Bade, Klaus J. (Hrsg.): Deutsche im Ausland. Fremde in Deutschland. Verlag C. H. Beck, München 1992 

Bade, Klaus J.: Europa in Bewegung. Migration vom späten 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Verlag C. H. Beck, 2. durchges. Auflage, München 2002

Bausinger, Hermann: Lauter Ausländer … Die südwestdeutsche Kultur als Importerzeugnis. In: Wehling, Hans-Georg (Hrsg.): Baden-Württemberg. Eine politische Landeskunde Teil II. Schriften zur politischen Landeskunde Baden-Württembergs, Band 18 herausgegeben von der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, Stuttgart 1991, S. 58–75 

Herbert, Ulrich: Geschichte der Ausländerpolitik in Deutschland. Saisonarbeiter, Zwangsarbeiter, Gastarbeiter, Flüchtlinge. Verlag C. H. Beck, München 2001 

Maier, Ulrich: Fremd bin ich eingezogen … Zuwanderung und Auswanderung in Baden-Württemberg. [Vorwort von Manfred Rommel] Bleicher Verlag, Stuttgart 2002 

Pellens, Karl (Hrsg.): Migration. Lernchancen für den historischpolitischen Unterricht (Didaktische Reihe der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg). Wochenschau-Verlag, Schwalbach 1998 

 

 


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