Zeitschrift

Migration

  • Glaubensflüchtlinge: Waldenser
  • Schwabenzüge nach Russland, Polen und in die Donauländer
  • Auswanderung nach Nordamerika im 18. und 19. Jahrhundert
  • Zweiter Weltkrieg - erzwungene Migration: NS-Umsiedlungsaktion Neue Heimat für die Vertriebenen
  • Migration nach Deutschland: Gastarbeiter 1955 - 2000  - Migration heute


Heft  45 - 2002

 



 

Inhaltsverzeichnis

 

Migration nach Deutschland

 

1. Gastarbeiter: Zuwanderung von Arbeitskräften in den Jahren 1955-2000

Von Ernst Heilig und Walter-S. Kircher 

Wie es begann: 1955-1973

Die Zuwanderung von Arbeitskräften nach Deutschland begann nicht erst 1955. Bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stieg die Zahl der überwiegend wirtschaftlich motivierten Zuwanderer stark an. Sie kamen meist aus Österreich, Ungarn, Polen, Russland, Dänemark, der Schweiz, den Niederlanden, Italien und wurden überall dort eingesetzt, wo viele Handarbeiter gebraucht wurden, also zum Beispiel in der Landwirtschaft, im Bergbau, beim Auf- und Ausbau der Eisenbahnstrecken. Und doch kommt dem Jahr 1955 im Zusammenhang mit dem Thema dieses Beitrags eine besondere Bedeutung zu. Im Dezember dieses Jahres wurde nämlich die erste Anwerbevereinbarung für Arbeitskräfte zwischen der Regierung Italiens und derjenigen der Bundesrepublik Deutschland getroffen. Somit konnten ein Jahr später die ersten ausländischen Arbeitskräfte offiziell nach Deutschland kommen. In der Folgezeit gab es dann noch weitere Anwerbeabkommen: 1960 mit Spanien und Griechenland, 1961 mit der Türkei, 1964 mit Portugal, 1965 mit Tunesien und Marokko und 1968 mit dem damaligen Jugoslawien. 

Tatsächlich liegen die Wurzeln der Anwerbung von Arbeitsmigranten im Württembergischen. Der zunächst vergeblichen Eigeninitiative von Vertretern des Bauernverbandes seit 1953 war es zu verdanken, dass im Jahr 1955 die ersten 300 landwirtschaftlichen Arbeiter nach Baden- Württemberg kamen und auf Betriebe der Region verteilt werden konnten 
(M1a); vgl. zum gesamten Themenkomplex für die letzten 50 Jahre die Veröffentlichungen von K.-H. Meier-Braun und Martin A. Kilgus, s. Literaturverzeichnis, S. 49. (M1b) schildert die Ankunft in Deutschland und die erste Zeit in der Rückschau. Wie ein türkischer Arbeiter seiner Enkelin sein Leben in Deutschland erzählt, stellt (M2) dar: Das vorgestellte Interview kann als Anregung dienen für eine selbstständige Spurensuche. Von 1955 bis 1973 sah man die Beschäftigung von Ausländern als eher vorübergehende Erscheinung an. Man ging davon aus, dass die ausländischen Arbeitnehmer über kurz oder lang in ihre jeweiligen Heimatländer zurückkehren würden. Infolgedessen wurde kein Konzept erarbeitet, in dem infrastrukturelle, sozial- oder bildungspolitische Gesichtspunkte eine nennenswerte Rolle gespielt hätten. 

Bereits im Jahr 1964 kam mit dem Portugiesen Armando Rodrigues der einmillionste "Gastarbeiter" nach Deutschland; auf ihn wartete am Kölner Hauptbahnhof ein Empfangskomitee, das ihm einen Blumenstrauß und ein Moped überreichte. Der fünfhunderttausendste baden-württembergische "Gastarbeiter" kam 1970 aus Kroatien. Der Begriff "Gastarbeiter" selbst, obwohl vorher schon gebräuchlich, setzte sich schließlich im Rahmen eines Wettbewerbs durch, der im Jahr 1970 ausgeschrieben wurde und an dem mehr als 30 000 Leute teilnahmen. Die Einsendungen deckten dabei die ganze Bandbreite der Empfindungen ab: "Auslandsroboter", "Boombändiger", "Kulis", "Zastarbeiter", "Fremdarbeiter". 

Die wachsende Zahl ausländischer Arbeiter in der Bundesrepublik Deutschland warf nun schon in den 1960er-Jahren die Frage auf, wie derart große Minderheiten, die zum allergrößten Teil des Deutschen nicht oder nur sehr bedingt mächtig waren, mit Informationen versorgt werden könnten, die ihnen helfen sollten, sich in der ihnen fremden Arbeitswelt zurechtzufinden. Die Landesrundfunkanstalten der ARD reagierten mit der Schaffung eines täglichen Hörfunkprogramms für die in der Bundesrepublik lebenden und arbeitenden Ausländer. Die erste Sendung in den Sprachen Italienisch, Spanisch, Griechisch und Türkisch wurde am 1. November 1964 ausgestrahlt, im Mai 1970 kam noch eine Sendung in serbokroatischer Sprache hinzu. 

Andererseits bildeten sich bereits in dieser ersten Phase Vereine innerhalb der neu Hinzugezogenen (M3), die es sich zur Aufgabe machten, ein Stück Heimat in der Fremde zu schaffen und als Informationsplattform für Neuankömmlinge zu dienen. Daneben nahmen die Vereine auch die Aufgabe wahr, die deutsche Umgebung über die jeweiligen Heimatländer auf authentische und unkomplizierte Weise zu informieren: Das führte zur Einrichtung von unzähligen Flamenco-, Sirtaki- und Tarantellafesten, bei denen neben Tanz- und Musikfolklore Essen und Trinken der jeweiligen Länder im Mittelpunkt standen - eine Tatsache, die langfristig gesehen nicht unwesentlich zur Erweiterung des kulturellen und kulinarischen Horizonts der deutschen Bevölkerung beitragen sollte.

 

Ausländerbeschäftigung 1973-1979: Begrenzung und neuer Zuzug

Was nicht anders geschehen konnte, geschah: Immer mehr ausländische Arbeitnehmer holten ihre Familien nach Deutschland, und es stellte sich heraus, dass die Idee der vorübergehenden Beschäftigung von Ausländern eben doch nicht trug. Anfang der Siebzigerjahre entstand eine Diskussion darüber, was diese Beschäftigung insgesamt kostete und welcher Nutzen von ihr erwartet werden konnte, ebenso machte sich eine Besorgnis um möglicherweise entstehende soziale Konflikte breit. Das führte dazu, dass im Jahr 1973 ein Anwerbestopp für ausländische Arbeitnehmer verhängt wurde. Der neue Grundsatz hieß "Konsolidierung" und bedeutete, dass die Zahl der ausländischen Arbeitnehmer begrenzt und daran angepasst werden sollte, wie viele von ihnen die soziale Infrastruktur aufnehmen konnte. 

Angekündigt wurde auch erstmals eine Eingliederungspolitik für die ausländischen Familien, deren Ziel es war, auch auf längere Sicht in der Bundesrepublik Deutschland bleiben zu wollen. Die Maßnahme führte dazu, dass die bereits in Deutschland lebenden Arbeitnehmer veranlasst wurden, ihre Familien nachkommen zu lassen. Ein Übriges schuf die im Jahr 1975 getroffene Regelung, das Kindergeld für Kinder, die in ihren Heimatländern geblieben waren, herabzusetzen, wodurch der Zuzug zusätzlich gesteigert wurde. 

 

1979-1990: Integrationskonzepte und der Weg zu einem neuen Ausländergesetz

Als erster forderte damals der ehemalige Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Heinz Kühn, der erste Ausländerbeauftragte der Bundesregierung, dass die "faktische Einwanderung" anerkannt, ein Kommunalwahlrecht für Ausländer geschaffen und die Einbürgerung von ausländischen Jugendlichen erleichtert werden müsste. Er kritisierte die nur arbeitsmarktpolitischen Gesichtspunkte der bisherigen Ausländerpolitik. Die Bundesregierung stellte sich jedoch gegen die Forderungen ihres eigenen Ausländerbeauftragten. 

Ab dem Jahr 1981 verstärkte sich der Druck der CDU/ CSU-Opposition auf die von einer Koalition aus SPD und FDP gebildeten Bundesregierung, indem die Opposition von der Regierung eine effektive Begrenzungspolitik forderte. Die Bundesregierung stellte für das Jahr 1982 eine Novelle des Ausländergesetzes in Aussicht und beschloss am 14. Juli 1982 Maßnahmen, welche die Rückkehr ausländischer Arbeitnehmer fördern sollten. Kurz darauf löste eine Koalition aus CDU, CSU und FDP die alte Bundesregierung ab, dabei spielte die Ausländerpolitik bei den Koalitionsverhandlungen eine wichtige Rolle. Die Ausländerproblematik bildete so auch einen der Schwerpunkte des Dringlichkeitsprogramms der neuen Regierung und fand ihren Niederschlag in der Bildung einer Kommission "Ausländerpolitik", in der sich Vertreter von Bund, Ländern und Gemeinden fanden. Im Jahr 1983 kündigte die Bundesregierung ein neues Ausländergesetz an. Ordnungspolitische Maßnahmen traten immer stärker in den Vordergrund und führten zu einer wachsenden Politisierung des Problems in der öffentlichen Diskussion, zugespitzt auf die Frage der Herabsetzung des Nachzugsalters für ausländische Kinder und der Rückführung ausländischer Arbeitnehmer. Ein neues Ausländerrecht konnte schließlich am 1. Januar 1991 in Kraft treten. Allerdings erfüllte auch dieses neue Ausländergesetz, das die Integration durch mehr Sicherheit hinsichtlich ihres Aufenthaltsstatus erleichtern sollte, nicht die Anforderungen, die man an ein modernes Ausländergesetz stellen konnte: Erleichterte Einbürgerung oder gar Doppelstaatsangehörigkeit wurden nicht gewährt. 

 

1990-2000: zwischen Asylbewerberfurcht und erwünschter Zuwanderung

In den frühen 90er-Jahren wurde die Diskussion über Integration oder Rückführung besonders türkischer Gastarbeiter zeitweilig überlagert von den Auseinandersetzungen um Asylbewerber, Aussiedler sowie Wirtschafts-, Kriegs- und Bürgerkriegsflüchtlinge. Ausführlich dargestellt und mit umfangreichen Materialien versehen sind diese Themenbereiche in den nachfolgenden Heften. 

 

 

 

  • Migration. In: Politik und Unterricht, Heft 1/1994, hrsg. von der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg 

  • Türken bei uns. In: Politik und Unterricht, Heft 3/2000, hrsg. von der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg 

  • Islam in Deutschland. In: Der Bürger im Staat. Heft 4/2001, hrsg. von der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg 

  • zur Grundgesetzänderung "Asyl": GG im Profil. In: Politik und Unterricht, Heft 1/1999, hrsg. von der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg 

  • Aussiedler. In: Informationen zur politischen Bildung Nr. 267, 2/2000, hrsg. von der Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 

 

 

 

Anforderungen an 
Landeszentrale für politische Bildung Baden- Württemberg:

  • service@verlag-weinmann.com  
    oder
    lpb@lpb-bw.de

  • Informationen zur politischen Bildung: 
    schriftlich: Franzis' print & media, Postfach 15 07 40, 80045 München (Postkarte) oder Fax: (0 89) 5 11 72 92 

 

Rassistische Ausschreitungen (Hoyerswerda, Mölln, Solingen) und latente Fremdenfeindlichkeit führten dazu, dass sich Politik und Öffentlichkeit erneut mit den Fragen einer effizienten Ausländerpolitik auseinandersetzen mussten. Könnte ein neues Staatsbürgerschaftsrecht, das zum Beispiel den Erwerb der deutschen Staatsangehörigkeit für in Deutschland geborene Ausländerkinder erleichterte, zu einer rascheren Integration führen? Auch die Frage der doppelten Staatsbürgerschaft wurde erneut erwogen, aber von der damaligen Regierung wieder verworfen. 

Nach dem Maastrichter Vertrag ("Vertrag über die Europäische Union", unterzeichnet von den zwölf Mitgliedern der EG am 7. Februar 1992, in Kraft gesetzt am 1. November 1993) erhielten in Deutschland lebende EU-Bürger, neben dem Recht an Wahlen zum Europaparlament teilzunehmen, auch das kommunale Wahlrecht. Damit konnte ein Viertel der Ausländer an Kommunalwahlen teilnehmen, in Baden-Württemberg erstmals 1999.

Ende der 90er-Jahre hatte sich schließlich in nahezu allen Parteien und Verbänden, in Kirchen und der Wirtschaft die Erkenntnis durchgesetzt, dass Deutschland faktisch zu einem Einwanderungsland geworden war, zumal trotz des Ausländerstopps während der gesamten 90er-Jahre auf Drängen der Wirtschaft hin jährlich circa 1 Million vorwiegend Saison-, Gast- und Werkvertragsarbeiter ins Land gekommen waren, weil keine Deutschen oder Arbeiter aus EU-Ländern zur Verfügung standen (vgl. Meier-Braun, Einwanderungsland, 2002, S. 90). 

Neue Brisanz bekam die Diskussion um die Integration ausländischer, in erster Linie türkischer Jugendlicher durch die Veröffentlichung der PISA-Studie 2000. Der Ausländerbeauftragte der Landesregierung Baden-Württemberg stellt in seinem Jahresbericht 2001/2002, S. 37 im Hinblick auf die Schülerschaft mit Migrationshintergrund fest: 

 

Etwa zwei Millionen Menschen türkischer Herkunft leben als größte Minderheit in Deutschland (M4). Knapp eine halbe Million von ihnen besuchen derzeit allgemeinbildende Schulen. Ein Fünftel davon verlässt die Schule ohne Abschluss, 40 Prozent erreichen nur den Hauptschulabschluss. 1998 waren 40 Prozent ohne Berufsausbildung. Dennoch sind Fortschritte zu verzeichnen. Die Abiturquote hat sich in den letzten zehn Jahren verdreifacht und im Jahre 2002 studierten 23 689 türkische Studenten und Studentinnen an deutschen Hochschulen (ein Drittel sind weibliche Studierende). 73,4 Prozent von ihnen haben das Abitur in Deutschland erworben. Dennoch ist die Situation weiterhin alarmierend, wie (M5) zeigt.

Die Frage der Integrierbarkeit, der Integrationsbereitschaft ausländischer Migranten wird in der deutschen Öffentlichkeit, Wissenschaft, Politik und Kultur durchaus sehr kontrovers, ja sogar pointiert zugespitzt beantwortet (vgl.(M6) und (M7)). Die Notwendigkeit der Offenheit und der Anstrengungen auf beiden Seiten, der "angestammten Bevölkerung" und der "Dazukommenden", betont Bundespräsident Rau in seiner Rede (M6). Aber am Beispiel der Türken in Deutschland, der überwiegenden Mehrheit der eingewanderten Arbeitskräfte und ihrer Familien, wird von dem Bielefelder Historiker Wehler vor allem ihre Fähigkeit zur Integration mit dem Hinweis u. a. auf die grundsätzlichen unterschiedlichen Kulturen in Frage gestellt (M7). Der Geschichtsdidaktiker Pellens hingegen spricht davon, "dass wir es in der Türkei von der modernen Staatsidee her mit dem aufgeklärten Islam zu tun haben" (Migration, S. 236), räumt aber ein: "Trotzdem sind in der Türkei und bei Gastarbeiterfamilien fundamentalistische Tendenzen festzustellen. So ist aus dem Jahre 1987 die Schätzung überliefert, dass ca. 60 % der türkischen Jugendlichen in Deutschland neben dem regulären Schulunterricht auch die Koranschulen besuchen." 

(ebd.) Die Hinwendung muslimischer Jugendlicher de  zweiten und dritten Generation zum Besuch der Koranschulen, zur Strenggläubigkeit (und zum Fundamentalismus?) nimmt nach Pressemeldungen in jüngster Zeit weiterhin zu. Für ein Heraustreten aus der Reserve sowohl der Deutschen als auch der Muslime plädiert der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime Deutschlands (M8). Ein Arbeitspapier der Konrad-Adenauer-Stiftung "Projekt Zuwanderung und Integration. Türken in Deutschland" (Dezember 2001) befragte ihre Einstellung zu Staat und Gesellschaft und kam als Ergebnis zu einem relativ positiven Bild  ( http://www.kas.de ).

 

 

 


 Copyright ©   2002  LpB Baden-Württemberg   HOME

Kontakt / Vorschläge / Verbesserungen bitte an: lpb@lpb-bw.de