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Zeitschrift Migration
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M1 Anwerbung und Ankunft a) Anwerbung Karl Lutterbeck vom Bauernverband Baden-Württemberg machte sich 1953 auf eigene Faust auf nach Oberitalien, um die ersten Landarbeiter zu holen. Erst bei der dritten Fahrt, bei der man den italienischen Vizekonsul aus Freiburg mitnahm, gelang es, die Sache perfekt zu machen. Im Arbeitsamt Udine sammelten sich 600 Arbeitswillige, die nach Deutschland wollten. Daraus suchten sich die Vertreter des Bauernverbandes etwa 300 Bewerber aus. Karl Lutterbeck schildert in Sendungen des Süddeutschen Rundfunks die Auslese so: "Da saßen wir an einem Tisch, so wie bei einer Musterungskommission, und die defilierten dann also an uns vorbei. Und dann haben wir sie uns nach der Größe, nach der Stärke, nach Körperbau angeguckt. Manchmal haben wir uns auch die Hände zeigen lassen, ob sie auch möglichst große Hände und feste Schwielen an den Fingern haben. Daraus meinten wir zu sehen, ob er also das Arbeiten gewöhnt ist. Ab und zu guckte man einem dieser Italiener in den Mund, um festzustellen, ob auch seine Zähne einigermaßen in Ordnung sind!" Aus: Karl-Heinz Meier-Braun: 40 Jahre "Gastarbeiter" und Ausländerpolitik in Deutschland. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament B 35/95, 25. August 1995, S. 14
b) Ankunft in Deutschland - erste Zeit Für Silvano J. ging es 1959 zunächst per Sammeltransport nach München. Eine Verpflegung im Zug während der 12-stündigen Fahrt hatte es nicht gegeben. Von München wurden sie auf Züge verteilt, die in verschiedene Städte gingen. Silvano J. war in den Zug Richtung Stuttgart gestiegen. In Augsburg stiegen die ersten aus, in Ulm die nächsten. "Da war jemand, der hat gesagt, Du und Du und Du, Ihr geht da jetzt raus. Leute waren da, die haben uns praktisch an der Hand geführt wie Kinder." Er kam mit weiteren 15 Italienern in Stuttgart an. Dort standen schon Leute von Firmen am Bahnsteig zur Abholung bereit. Zu Silvano J. und einem Kollegen sagte jemand: "Ihr geht jetzt in diesen Zug rein, Richtung Ludwigsburg. In Ludwigsburg hat der Schaffner gesagt: Ihr geht jetzt da raus." Dann kam jemand von der Firma mit dem VW-Bus, um sie abzuholen. "Mein Kollege hat den Fahrer gefragt: "Du Patron? Der war nämlich schon in Frankreich und wollte wissen, welche Stellung der in der Firma hatte. Keine Antwort. Dann hat er gefragt: Du Chef? Keine Antwort. Dann hat mein Kollege zu mir gesagt: Du, ich glaube, der ist taubstumm." Die Unterbringung erfolgte nicht in Holzbaracken, sondern in festen Häusern, zu dritt in einem Zimmer ohne Stockbetten. "Nur das Bett war nicht gut, es bestand aus einem Holzbrett und als Matratze ein bisschen Stroh." Als sie den Chef fragten: "Schlafen Sie auch so?", bekamen sie richtige Betten. Jeden Tag wurden die Arbeiter mit einem LKW zu den Baustellen gefahren und wieder abgeholt. Ständig brachten Lastwagen Material zur Baustelle. Dies musste von Hand verteilt werden, Maschinen gab es dafür noch nicht. "Ich habe mir gedacht, mit 21 Jahren, was soll ich da mein ganzes Leben lang Steine verteilen, ich kann bestimmt noch was anderes machen." Anfang 1960 ging Silvano J. zu einer Gipserfirma. "Das war auch schwer, aber schon etwas besser bezahlt. Wir haben im Akkord Häuser verputzt. Als es im Herbst kalt wurde, bin ich in die Fabrik gegangen. Man hat damals Arbeit gehabt, so viel man wollte." So kam er am 18. 10. 1960 zur Firma Getrag, wo er noch heute arbeitet. In seiner Abteilung war Silvano J. der erste Ausländer, in der ganzen Firma der dritte Italiener. "Die deutschen Kollegen kannten die Italiener nur vom Hörensagen. Als der erste kam, verschwanden alle Flaschen vom Tisch und alles wurde zugeschlossen. Damals hieß es, die Italiener klauen. Sie haben dann aber gemerkt, dass ich nicht klaue, und nach ein paar Wochen waren wir die besten Freunde. Wir waren ja alle junge Kerle damals." … Aus Katalog zur Ausstellung "Vertraute Fremde - Italiani a Ludwigsburg ", Herbert Würth, Ankunft, Ludwigsburg, 1998, S. 76
M2 Spurensuche - Anregung für Projektarbeit Jugendliche ausländischer Herkunft aus Tübingen befragten ihre Eltern und Großeltern im Rahmen des generationenübergreifenden Schreibprojekts ›HEIMAT HIER UND DORT - Älter werden in der Fremde‹. Ihre Ergebnisse wurden veröffentlicht in einem Sonderdruck des Schwäbischen Tagblatts, Tübingen 1999. Ein Beispiel aus diesem gelungenen Projekt soll hier zitiert werden.
Mein netter Opa Ich, Yagmur Ergün (10), sehe meinen Opa fast jeden Tag. Meistens kommt er zu uns zu Besuch und bleibt dann drei oder vier Stunden. Dann erzählen wir, was so alles passiert ist. Für dieses Interview sind wir zum Opa gegangen. Meine Schwester, Pinar Ergün (11) war auch mit dabei. Während ich meinen Opa befragt habe, hat sie unsere Oma interviewt. Mein Opa war gleich bereit mitzumachen und es hat ihm auch Spaß gemacht, beim Erzählen ist er von einem Thema zum anderen gekommen. Mein Opa heißt Hasan Tekin E. und ist 62 Jahre alt. Vor 27 Jahren ist er aus der Türkei nach Deutschland gekommen, um hier zu arbeiten. Damals war er 35 Jahre alt. Er ist allein nach Deutschland gekommen, obwohl er damals schon mit meiner Oma verheiratet war. Mein Opa ist vor meiner Oma aus der Türkei nach Deutschland gekommen und hat sich dann eine Arbeit gesucht. Meine Oma ist dann zwei oder drei Monate später mit meiner Tante nachgekommen. Mein Opa ist in Keschan in der Türkei geboren. Als er klein war, ist er ganz oft Fahrrad gefahren. Als er hier nach Deutschland kam, hatte er in seinem Koffer nur Kleider und Fotos von seiner Familie drin. Seine ersten deutschen Wörter waren tschüss, hallo, ja und nein. Heute spricht er bei der Arbeit deutsch, zu Hause türkisch. Er liest gern türkische Zeitungen. Er isst gern beides: türkisches und deutsches Essen. In Tübingen lebt er mit meiner Oma und mit meiner Tante zusammen. Er hat zwei Kinder: meine Tante und meinen Vater. Die meiste Zeit verbringt er mit mir, meiner Schwester Pinar und unseren zwei Geschwistern. Wenn er Zeit hat, gehen wir zusammen Fahrrad fahren. In den Sommerferien fährt er in die Türkei. In drei Jahren, wenn er nicht mehr arbeiten muss, will er ganz in die Türkei zurückgehen. Dort will er ruhig und gesund werden. Dort ist seine Heimat, dort will er auch sterben. Aus: HEIMAT HIER UND DORT. Verlag Schwäbisches Tagblatt, Tübingen 1999, S. 29-30
M3 Italien gegen Spanien in Baden-Württemberg
Ein spanischer Elternverein
M4 Nachbarn aus dem Ausland
Jeder elfte Einwohner
M5 Integrationsbarrieren "Der Rückzug in Gettos ist eine Gefahr für unsere Gesellschaft" Auszüge aus einem Interview mit dem Vorsitzenden der Föderation türkischer Elternvereine in Deutschland, Dr. Ertekin Özcan, im Juni 2002. Die Föderation (FÖTED) ist 1995 gegründet worden und organisiert etwa 4000 Eltern türkischer Herkunft in acht Bundesländern. Frage: Die internationale Pisa-Studie hat gezeigt, dass Deutschland vor allem bei der Integration ausländischer Kinder großen Nachholbedarf hat. Freuen Sie sich über die jetzt angestoßene Diskussion? A.: Seit 20 Jahren versuchen wir, die Politiker auf diese Problematik hinzuweisen. Endlich gibt es kleine Ansätze. Da hat die Pisa-Studie einiges dazu beigetragen. Das Resümee nach 40 Jahren Immigration in Deutschland ist dennoch, dass trotz der multikulturellen Strukturen im Erziehungs- und Bildungsbereich vieles vernachlässigt wurde. […] In Berlin-Kreuzberg gibt es beispielsweise Schulen mit bis zu 90 Prozent Kindern nichtdeutscher Herkunftssprache. Wenn man davon ausgeht, dass in 20 oder 30 Jahren in deutschen Metropolen der Anteil der Nichtdeutschen etwa auf die Hälfte ansteigt, kommt man mit Quotenregelung [für ausländische Kinder in den Klassen] nicht weiter. Man muss entsprechende Konzepte haben. Frage: Was sind die Hauptprobleme, an denen eine Integration scheitert? A.: Zu den Hauptfaktoren zählen die Bildungspolitik der Länder, die eine Multikulturalität der Gesellschaft und der Schüler nicht vorsieht, die familiäre Situation und die Schichtzugehörigkeit. Dazu gehört aber auch die Qualifikation der Lehrer. Wenn Lehrer nicht fähig sind, Deutsch als Zweitsprache zu unterrichten, wie können dann Kinder mit geringen deutschen Sprachkenntnissen in die Schule integriert werden? […] Wichtig ist, dass man mit einem obligatorischen Vorschuljahr bereits ab dem nächsten Schuljahr beginnt und innerhalb von drei Jahren die Kita- (d. h. Kindertagesstätten) Pflicht ab drei Jahren einführt. […] Vor zwanzig Jahren hat die Hälfte der Schüler türkischer Herkunft die Schule ohne Abschluss verlassen. Die Schüler von damals sind die Eltern von heute. Das heißt diese Eltern sind nicht in der Lage, ihren Kindern Deutsch beizubringen. […] Die Kindergartenpflicht ist nur der erste Schritt […]. Erzieherinnen müssten dementsprechend aus- und fortgebildet werden. […] Frage: Eine zentrale Rolle spielen die Eltern. Drei Viertel aller türkischen Eltern sind wegen unzureichender Sprachkenntnisse aber nicht einmal in der Lage, an Elternabenden teilzunehmen. A.: Es gibt keine zuverlässigen Zahlen, es ist unsere Vermutung. Ein Viertel der Eltern ist interessiert und versucht, den Kindern mit Taten zu helfen. Viele wissen nicht einmal, wie ihre Kinder eine gute Ausbildung bekommen. Ein zweites Viertel kann man motivieren zu den Elternabenden zu kommen, mit den Problemen der Kinder konfrontiert zu werden. Der Rest - etwa die Hälfte der Eltern - ist nicht in der Lage, sich zu artikulieren und kümmert sich nicht um die Probleme. […] Die Elternvereine sind enorm wichtig und haben eine Brückenfunktion. Sie informieren, beraten und mobilisieren die Eltern. […] Deutschland hat bis heute kein Integrationskonzept. Sogar im neuen Zuwanderungsgesetz sind keine Instrumente und Gelder vorgesehen für Menschen, die hier ansässig sind oder hier geboren wurden. Nur für die neuen Zuwanderer gibt es Lösungsansätze. Frage: Das gibt wenig Hoffnung … A.: Wenn man kein Konzept hat und wenn man nicht weiß, was man in zehn Jahren oder in zwanzig Jahren erreichen will und durch welche Mittel diese Ziele angepeilt werden, bleibt eine Gruppe dieser Menschen unter sich, wird immer konservativer und schottet sich völlig ab. Das ist eine Gefahr für unsere Gesellschaft. Nach: Stuttgarter Zeitung, 19. Juni 2002. Für weitere Informationen siehe Webseite der Föderation: www.tuerkische-elternfoederation.de
M6 Integration braucht langen Atem und Geduld
Sätze aus der Rede des Bundespräsidenten Johannes Rau vom 12. Mai 2000 im Haus der Kulturen in Berlin. Die Rede im vollständigen Wortlaut:
M7 "Muslime sind nicht integrierbar" Der Bielefelder Historiker Hans-Ulrich Wehler in einem Interview mit Ralph Bollmann von "die tageszeitung" anlässlich des Deutschen Historikertages in Halle, September 2002 […] Was können speziell Historiker zu der Debatte nach de 11. September beitragen? Wehler: Sie können die ganze Diskussion in eine historische Perspektive rücken. Der Islam ist die einzige Weltreligion, die noch immer auffällig rasch expandiert. Er wird das Christentum bald weit überholt haben. Es handelt sich um einen militanten Monotheismus, der seine Herkunft aus der Welt kriegerischer arabischer Nomadenstämme nicht verleugnen kann. Wollen Sie damit sagen: Wir haben es tatsächlich mit einem "Kampf der Kulturen" zu tun, wie der US-amerikanische Politologe Samuel Huntington meint? W: Die Kritik der Multikulti-Gutmenschen, die Huntingtons Buch in den Orkus getan haben, kann ich überhaupt nicht verstehen. Ich bezweifle, dass die Kritiker die 550 Seiten wirklich gelesen haben. Es handelt sich um eine ganz nüchterne Analyse, wo nach dem Ende des Kalten Krieges neue Konfliktlinien auftauchen könnten. Das kann man nicht mit der linken Hand abtun - nach dem 11. September erst recht nicht. Beweist nicht die Bundesrepublik mit ihren 2,4 Millionen türkischen Einwanderern, dass ein friedliches Zusammenleben funktionieren kann? W: Das Beispiel zeigt, dass es eben nicht funktioniert. Die Bundesrepublik hat kein Ausländerproblem, sie hat ein Türkenproblem. Diese muslimische Diaspora ist im Prinzip nicht integrierbar. Die Bundesrepublik ist seit ihrer Gründung mit heute zehn Prozent Zugewanderten bravourös fertig geworden. Aber irgendwann kommt eine Grenze, was man einer komplexen Gesellschaft zumuten kann. Und wie antworten Sie auf diese Frage? W: Man muss das streng steuern. Alle Einwandererländer haben nach einer Phase der ungesteuerten Einwanderung die Notbremse gezogen. Die Amerikaner und Australier sogar mit ausgesprochen rassistischen Kriterien. Das amerikanische Einwanderungsgesetz von 1922/23, das vierzig Jahre lang in Kraft war, enthält den Kunstbegriff der "Kaukasier". Das waren sozusagen die blonden Weißen, die in hoher Quote einreisen durften. Plädieren Sie etwa dafür, auch bei uns solche Kriterien anzuwenden? W: Man soll sich nicht freiwillig Sprengstoff ins Land holen. […] Akademische Eliten lassen sich offenbar problemlos integrieren. Ist die Integrationsfähigkeit eher eine Frage des sozialen Status als der Religion? W: In der Bundesrepublik kann man von einer türkischen Elite kaum sprechen - abgesehen von dem berühmten Touristikunternehmer Vural Öger und wenigen anderen. Die Türken werden in einer Religion groß, die spezifische Integrationsbarrieren bereitstellt. Die fundamentalistische Strömung ist mehrheitsfähig, auch in der Türkei selbst. Kann man diesen Trend stoppen, indem man die westlich orientierten Kräfte durch die Aussicht auf einen EU-Beitritt stärkt? W: Dieses Argument grenzt an politischen Schwachsinn. Europa ist geprägt durch die christliche Tradition, durch die jüdisch-römisch-griechische Antike, durch Renaissance, Aufklärung, Wissenschaftsrevolution. Das alles gilt auch für die Beitrittsstaaten in Osteuropa. Aber es gilt nicht für die Türkei. Man kann diese Kulturgrenze nicht in einem Akt mutwilliger Selbstzerstörung einfach ignorieren. Obendrein würde eine Aufnahme der Türkei den Europäern so famose Nachbarn wie Syrien und den Irak bescheren. […] Aus: die tageszeitung, 10. September 2002, S. 6
Der Vorsitzende des Zentralrats der Moslems in Deutschland, Nadeem Elyas, wird in einem Artikel der Zeitung "Das Parlament" v. 17. 3. 2000 folgendermaßen zitiert: Fremde in Deutschland würden schwerer akzeptiert werden als in anderen Ländern. Er führt das zurück auf die vergleichsweise geringen Kontakte mit Fremden in der Vergangenheit. So musste nach seinen Worten Deutschland "in den Sechzigerjahren fast einen Kulturschock durch den plötzlichen Kontakt mit den Strömen der ›Gastarbeiter‹ erleben. Die umgetauschte Rolle der ›Gäste‹ gegen die der ständigen Mitbürger und eingebürgerten Deutschen wurde und wird von vielen als nicht normal, ja als bedrohliche Vereinnahme der deutschen Gesellschaft durch die ›Fremden‹ empfunden." Elyas hat den Eindruck, dass in Frankreich oder England das Fremde gerade auch in Gestalt des Islam mehr als kulturelle Bereicherung und weniger als Bedrohung empfunden wird. Er erhofft auch, dass im Sinne der Integration die Moslems ihrerseits "ob einzelne Personen oder Moscheegemeinden und Vereine, mehr Öffnung an die Gesellschaft praktizieren, mehr Mut zu gemeinsamen Aktionen mit Kirchengemeinden, Synagogen, Gewerkschaften und Parteien zeigen und dass sich manche islamische Gemeinden endlich aus ihrer Reservehaltung in die Öffentlichkeit wagen." Nach: Rudolf Grimm (dpa): Moslems in Deutschland wollen Eigenständigkeit und Integration. In: Das Parlament Nr. 12, 17. März 2000, S. 10 (Thema: Ausländer in Europa)
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