Zeitschrift

Migration

  • Glaubensflüchtlinge: Waldenser
  • Schwabenzüge nach Russland, Polen und in die Donauländer
  • Auswanderung nach Nordamerika im 18. und 19. Jahrhundert
  • Zweiter Weltkrieg - erzwungene Migration: NS-Umsiedlungsaktion Neue Heimat für die Vertriebenen
  • Migration nach Deutschland: Gastarbeiter 1955 - 2000  - Migration heute


Heft  45 - 2002

 



 

Inhaltsverzeichnis

 

Schwabenzüge - die Auswanderung nach Russland, Polen und die Donauländer

 

Ost- und Südosteuropa spielte als Ziel deutscher Auswanderer im 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine größere Rolle als Nordamerika. Im 18. Jahrhundert standen ca. 100 000 Amerikafahrern 400 000–500 000 Auswanderer nach Südosteuropa gegenüber (vgl. O’Reilly, 1999, S. 109). Allein aufgrund der Manifeste der Zarin Katharina II. vom 4. 12. 1762 und 22. 7. 1763 machten sich rund 30 000 Deutsche auf den Weg nach Russland und in das nach der Aufteilung Polens entstandene »Russisch-Polen«. 40 Jahre später folgten mindestens 100 000 Auswanderer in die Schwarzmeergebiete (vgl. Löwe, 1999, S. 427). Viele von ihnen kamen aus Süd- und Südwestdeutschland. Die Russlandfahrer wurden auf Kosten der russischen Regierung per Schiff nach St. Petersburg gebracht, wo sie den Untertaneneid ablegten. Dann ging die Reise weiter nach Saratow an der unteren Wolga, wo ihnen ihre neuen Siedlungsgebiete zugewiesen wurden. 

Preußische Agenten warben gegen Ende des 18. Jahrhunderts für die Auswanderung nach »Preußisch-Polen«. Auf den neu errichteten staatlichen Domänen wurden zwar auch Polen, aber vor allem vielen württembergischen Auswanderern Kolonistenstellen übertragen. Als Vorteile galten der kurze Reiseweg, die Popularität Friedrichs des Großen und die Tatsache, dass hier bereits seit dem späten Mittelalter Deutsche als Kolonisten siedelten und die deutsche Sprache, vor allem in den Städten, weit verbreitet war. Auch schied das Risiko feindlicher Überfälle im Gegensatz zu Südrussland oder Südungarn aus. 

Gleichzeitig setzte die Auswanderung donauabwärts in die ehemals osmanischen Gebiete der Habsburgermonarchie ein. Die Siedler kamen vor allem aus den vorderösterreichischen Gebieten am Oberrhein und aus Oberschwaben – ihnen war eine Auswanderung nach Russland oder Preußen strikt verboten – aber auch aus Württemberg, besonders aus den Ämtern Balingen, Biberach, Brackenheim, Herrenberg, Geislingen, Neckarsulm, Rottweil, Spaichingen, Sulz, Tübingen, Tuttlingen, Vaihingen und Weinsberg (Fata, 1999, S. 398). Abgeschlossen wurde die organisierte Einwanderung in diesen Raum mit dem Ansiedlungsprojekt des siebenbürgischen Pfarrers Stephan Ludwig Roth, der auf kirchlichem Besitz in Siebenbürgen 1848 ca. 2000 Württemberger ansiedelte, vorwiegend aus dem württembergischen Unterland, dem Schwäbischen Wald und von der Schwäbischen Alb. 

Die Massenauswanderungen nach Ost- und Südosteuropa zwischen der Mitte des 18. und der Mitte des 19. Jahrhunderts wurden »Schwabenzüge« genannt. 

 

Motive der Auswanderer 

Bereits kurz nach Beginn der Auswanderungswelle machten sich die Behörden Gedanken über die Motive der Auswanderer. Der badische Staatswissenschaftler Justi nannte 1760 »Drey Hauptursachen […]. Die erste und hauptsächliste ist wohl ohne Zweifel eine üble Beschaffenheit der Regierung […]. Die zweyte Hauptursache bestehet in dem Mangel der Gewissensfreiheit […]. Die dritte Ursache der Auswanderung ist endlich der Mangel an Nahrung im Lande.« (zit. n.: Fertig, 1999, S. 84) Damit sind bereits wesentliche Gründe genannt, ein wichtiger Aspekt wäre aber zu ergänzen: die Belastung durch die fortwährenden Kriege Frankreichs gegen das Reich, wobei Südwestdeutschland Aufmarsch- und Kriegsgebiet war. Außerdem hatten die Gemeinden durch Sonderabgaben stark zu leiden (vgl. Tuchtenhagen, 1999, S. 152); 

(M1 ,M2 , vgl. auch III.1: Auswanderung nach Nordamerika im 18. und 19. Jahrhundert:M1 und M2). 

Auch religiöse Motive wären zu nennen, die etwa bei den schwäbischen Separatisten eine große Rolle spielten. Was versprachen sich die Auswanderer von den Aufnahmeländern? In erster Linie relativ ausgeprägte Autonomie, Möglichkeiten des sozialen Aufstiegs, Steuerfreiheit, Befreiung vom Militärdienst und günstigen Landerwerb. 

Aufgrund des Kaufkraftgefälles konnte man für den beim Verkauf des Besitzes in der Heimat erzielten Preis häufig ein wesentlich größeres Gut erwerben. Auch die Versprechungen der Werber und Auswandererbriefe spielen hier eine große Rolle (M3 ,M4 ). 

 

Wege der Auswanderer 

Die Auswanderer nach Russland zogen größtenteils über Land nach Lübeck, wo sie sich in einem Lager sammelten. Über die Ostsee führte der Weg nach St. Petersburg und dann über Land an die Wolga. 

Werber in russischen Diensten waren in den Hauptauswandergebieten unterwegs und erhielten für jeden gewonnenen Auswanderer eine Kopfprämie. Teilweise versuchten sie auch den Auswandererstrom umzulenken. 

So wird von Werbern in Ulm berichtet, die den Auswanderungswilligen vor den Toren der Reichsstadt die Pässe abnahmen, in denen als Ziel Ungarn eingetragen war. Ein Werbeunternehmer aus Reutlingen lotste zum Beispiel diese Leute in sein Quartier in der »Goldenen Sonne«, zahlte ihnen ein Handgeld, lockte mit viel günstigeren Bedingungen und überredete sie zur Auswanderung nach Russland. Dann änderte er die Pässe und stellte Gruppen für die Reise nach Lübeck zusammen (Schippan, 1999, S. 48). 

Am kürzesten war der Landweg in die neuen preußischen Gebiete Polens, nach Süd- und Westpreußen. In der Gegend von Lodz entstanden Schwabenkolonien, die bis 1945 bestanden. 

Ulm war hauptsächlicher Sammlungsort für die Auswanderer nach Ungarn, Siebenbürgen oder das Schwarzmeergebiet. Auf großen Flusskähnen, den »Ulmer Schachteln« (M5 ), fuhren die Auswanderer zunächst nach Wien, von dort weiter nach Budapest. Dort begann der Weg über Land in die Siedlungsgebiete Ungarns und Siebenbürgens (M6 ,M7 ). Auswanderer in die Gebiete am Schwarzen Meer fuhren weiter donauabwärts und schließlich über das Meer nach Odessa, auf die Krim oder noch weiter nach Osten in die Kaukasusregion. 

 

Gescheiterte Aus - und Rückwanderung 

Auswanderung konnte auch scheitern. Vor allem dann, wenn die Auswanderer mittellos waren. Denn nur in der allerersten Phase gewährten die Aufnahmeländer großzügige Kredite und Landzuweisungen. So wurde mancher Auswanderer überrascht, wenn er bei der Einreise ein Mindestvermögen vorweisen musste. Andere fielen auf Werber herein, die eine inoffizielle »wilde« Einwanderung, ohne Rücksprache mit den Behörden des Aufnahmelandes, durchführten, sich aber von den Auswanderern gut bezahlen ließen (M9 ). 

In der Heimat erwartete die Rückwanderer häufig Hohn und wenig Bereitschaft, die aus dem Untertanenverband entlassenen Staatenlosen wieder aufzunehmen. Häufig fristeten sie ihr Leben als Tagelöhner und Bettler. Insgesamt blieben die Rückwandererzahlen aber eher niedrig.

 

Ansiedlung und Integration in den Zielländern 

Die Ansiedlung erfolgte meist geschlossen nach Konfession. In den Ländern der Habsburgermonarchie wurden vorwiegend katholische Auswanderer vor allem im westlichen und südlichen Ungarn, Protestanten in Siebenbürgen angesiedelt. Allerdings gab es auch protestantische Ansiedlungen auf den privaten Gütern des calvinistischen Adels in Ungarn. Auch in Russland garantierte man zwar von Anfang an den anzuwerbenden Neusiedlern Religionsfreiheit, achtete aber ebenfalls auf konfessionell homogene Dörfer.

Sowohl in Südrussland als auch in Ungarn mussten die Kolonisten mit feindlichen Überfällen rechnen. So sank an der Wolga in den ersten 10 Jahren die Zahl der Neusiedler um über 7000 Personen. Kirgisische und baschkirische Nomaden überfielen die Dörfer und verkauften die Bewohner nach Buchara in die Sklaverei. 1777 und 1784 konnte die russische Regierung zwar einen Teil von ihnen wieder freikaufen, aber die Bedrohung auch durch Flusspiraten und Räuberbanden sowie durch Kosaken und Tataren blieb. 

Serbische Räuberbanden bedrohten die Schwabendörfer in Ungarn (M8 ). Im Gebiet der Militärgrenze wurden Kolonistendörfer außerdem mehrfach von Türken verwüstet. 

Die deutschen Siedlungsgebiete blieben im Wesentlichen bis zu ihrem Ende im Zweiten Weltkrieg in sich abgeschlossen (M10 ). Die eigene Kirchenorganisation spielte dabei ebenso eine Rolle wie die Beziehung zu deutschen Oberschichten in den Städten und in der Verwaltung. Das gilt vor allem in Polen und Ungarn. Allerdings setzte in Ungarn in der Mitte des 19. Jahrhunderts eine starke Magyarisierungsbewegung ein, die auch auf die Bereitschaft eines Teils akkulturationsbereiter Deutschstämmiger stieß. Doch dominierte das in der Regel friedliche Zusammenleben der verschiedenen Ethnien. 

 

Erzwungene Rückkehr 

Nach dem Zweiten Weltkrieg mussten viele Nachfahren deutscher Auswanderer ihre Heimat in Ost- und Südosteuropa verlassen. Vertriebene und Flüchtlinge aus Ungarn, Jugoslawien und Rumänien wurden in großer Zahl auch in Südwestdeutschland aufgenommen und bald integriert (Vgl. IV. 2: Vertriebene). Spätaussiedler aus Russland und Rumänien folgten, besonders nach dem Ende der Sowjetunion. 

Manche von ihnen sind – teilweise ohne dass es ihnen bewusst ist – in die Heimat ihrer Ahnen zurückgekehrt, beispielsweise die Familie Zimmermann aus Gronau (M11 ).

 

Literatur

Mathias Beer, Dittmar Dahlmann (Hrsg.): Migration nach Ost- und Südosteuropa vom 18. bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts. Thorbecke, Stuttgart 1999, darin die Aufsätze: 

  • Michael Schippan: Der Beginn der deutschen Russlandauswanderung im 18. Jahrhundert, S. 47 ff. – Georg Fertig: Auswanderungspolitik am Oberrhein im 18. Jahrhundert, S. 71 ff. 

  • Karl-Peter Krauss: Ansiedlung als Prozess, S. 291 ff. 

  • William O’Reilly: Agenten,Werbung und Reisemodalitäten, S. 109 ff. 

  • Ralph Tuchtenhagen: Religiöser Dissens, Staat und Auswanderung nach Osteuropa im 18. und frühen 19. Jahrhundert, S. 145 ff. 

  • Marionela Wolf: Württembergische Rückwanderer aus Ost- und Südosteuropa in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, S. 263 ff. 

  • Márta Fata: Deutsche Immigranten im ländlichen Ungarn, S. 385 ff. 

  • Balduin Herter: Württembergische Einwanderer in Siebenbürgen um die Mitte des 19. Jahrhunderts, S. 405 ff. 

  • Heinz-Dietrich Löwe: Deutsche Migration nach Ost- und Südosteuropa im 18. Jahrhundert, S. 427 ff. 

Die Donau. Lebensader, Kulturräume, Erkundungen. Darin: Ulmer Schachteln und Donauschwaben. In: DEUTSCHLAND & EUROPA, Heft 41/2000. Hrsg. von der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg. 

Die schwäbische Türkei: Lebensformen der Ethnien in Südwestungarn. Hrsg. von Márta Fata. Thorbecke, Sigmaringen 1997

Immo Eberl: Die Donauschwaben, Deutsche Siedlung in Südosteuropa. Ausstellungskatalog, Thorbecke, Sigmaringen, 1987 

Hugo Eckert: Die Russlanddeutschen. Von der Auswanderung im 18. und 19. Jahrhundert bis zur Rückkehr in das Land ihrer Vorväter am Ende des 20. Jahrhunderts, in: Archivnachrichten, Quellenmaterial für den Unterricht, herausgegeben von der Landesarchivdirektion Baden-Württemberg, Nr. 23, November 2001 

Max Miller: Die Auswanderung der Württemberger nach Westpreußen und dem Netzegau 1776–1786, Veröffentlichung der württembergischen Archivverwaltung, 1/1935, S. 31 f. 

Karl Moersch (Hrsg.): Ein Untertan, das ist ein Tropf. PolitischeLieder der Schwaben aus zwei Jahrhunderten. Pfullingen 1985.

 

Deutsche Auswanderung nach Russland im 18. und 19. Jahrhundert

Ingenieurbüro für Kartographie J. Zwick, Gießen

 

 

 


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