Zeitschrift

Migration

  • Glaubensflüchtlinge: Waldenser
  • Schwabenzüge nach Russland, Polen und in die Donauländer
  • Auswanderung nach Nordamerika im 18. und 19. Jahrhundert
  • Zweiter Weltkrieg - erzwungene Migration: NS-Umsiedlungsaktion Neue Heimat für die Vertriebenen
  • Migration nach Deutschland: Gastarbeiter 1955 - 2000  - Migration heute


Heft  45 - 2002

 



 

Inhaltsverzeichnis

 

Schwabenzüge - die Auswanderung nach Russland, Polen und die Donauländer

 

Materialien

 

M1  Ein Jahrhundert Krieg 

 

1688 Französische Heere unter Montclar und Melac verwüsten große Teile Badens und Württembergs. 

 

1692  Französische Heere unter Lorge verwüsten Städte im Nordschwarzwald. Anschließend werden Reichstruppen im Land einquartiert. 

 

1693  Französische Heere zerstören einen Großteil Württembergs und verbrennen Marbach, Beilstein, Großbottwar, Backnang, Winnenden und Vaihingen, insgesamt 40 Ortschaften gehen in Flammen auf. 

 

1702 I m spanischen Erbfolgekrieg fallen bayerische Truppen in Württemberg ein und werden zurückgeschlagen. 

 

1707  Ein französisches Heer unter General Villars fällt in Württemberg ein und wird zurückgeschlagen. 

 

1713  General Villars erobert den Breisgau und Freiburg. 

 

1733  Bei Esslingen sammelt sich ein Heer unter der Führung Prinz Eugens für den polnischen Erbfolgekrieg. Ein französisches Heer rückt über den Rhein vor. In Mergentheim, Heilbronn und Esslingen stehen russische Truppen. 

 

1741  bis 1748  Während des österreichischen Erbfolgekriegs ist Südwestdeutschland Durchmarschgebiet für Reichstruppen und französische Heere.

 

1756 bis 1763 l Im Siebenjährigen Krieg ist Südwestdeutsch and Durchmarschgebiet für österreichische Heere. Aushebungen im Zusammenhang mit dem Reichskrieg gegen Preußen. Württemberg stellt für das französische Heer Truppen.

 

1786  In Württemberg ausgehobene Soldaten werden an Holland »verkauft«. 

 

1796  Französische Heere unter Jourdan und Moreau dringen in Baden und Württemberg ein. 

 

1799  Erneutes Vordringen der Franzosen nach Südwestdeutschland 

 

 

M2 Aus einem Beschwerdekatalog der Untertanen des Klosters Schwarzach, 1724 

Mit den Fronen werde seit einiger Zeit ein derartiger »Exzess« getrieben, »also dass, wenn damit fortgefahren werden sollte, sie nit in Stand, ihren eigenen Äckern, Hauswesen und Nahrung vorzustehen«. Ohne Bewilligung der Herrschaft dürfe niemand heiraten. »Denen Kranken wurde auch vorgestellt, dem Gotteshaus manchmal mehr zu vermachen, als in ihrem Vermögen sei.« Steuern würden auf die Gemeinden abgewälzt, ohne dass ihr Rechnung gelegt würde. Der Schultheiß sei dem Kloster verpflichtet. Das Kloster beanspruche ein Vorkaufsrecht auf Vieh, Kühe und Kälber.

Zit.n.: Hartmut Zückert: Die sozialen Grundlagen der Barockkultur in Süddeutschland. Fischer, Stuttgart-New York 1988, S. 8 

 

M3 Ein polnisch Lied an die Württemberger, die nach Preußisch-Polen auswandern 

(anonym, um 1781) 

Jetzund ist es ausgemacht, 
Dass der Marsch geht hin nach Polen; 
Man hat es herausgebracht, 
Dass man kein zurück darf holen; 
Tretet eure Reise an 
In das polnisch Canaan! 

Allhier ist es nimmer gut,
Dort in Polen ist es besser, 
Fasset einen guten Mut! 
Dort gibt es auch volle Fässer.
Bei dem Bier und Branntewein 
Kann man auch vergnüget sein. 

Was hilft euch der edle Wein? 
Ihr dürft doch sehr wenig trinken! 
Wollt ihr hier gleich lustig sein, 
Müsst ihr an die Schulden denken. 
Diese plagen euch alle Tag, 
Dass man nimmer leben mag. 

Was soll doch der arme Mann 
Hier auf solche Art anfangen, 
Weil er sich nicht helfen kann? 
Viel tut man von ihm verlangen, 
Dass er mit sei’m sauren Schweiß 
Fast nichts aufzutreiben weiß. 

[…] 

Nun so lasset uns fein bald 
Reisen in das preußisch Polen, 
Weil man dorten in dem Wald 
Kann viel Wachs und Honig holen. 
Honig in dem Branntewein, 
Das mag auch recht köstlich sein. 

Honig ist recht zuckersüß, 
So kann nichts gefunden werden. 
Drum so hebe auf die Füß, 
Springe über Stein und Erden 
In das polnisch Canaan, 
Wo man Honig g’nug trifft an. 

Zit. n.: Karl Moersch (Hrsg.): Ein Untertan, das ist ein Tropf. Politische Lieder der Schwaben aus zwei Jahrhunderten. Verlag Günther Neske, Pfullingen 1985, S. 35 ff.; © Moersch, zu beziehen über DRW-Verlag

 

M4  Auswanderung nach »Preußisch Polen« 

Friedrich der Große suchte deutsche Siedler für die polnischen Gebiete, die er Preußen einverleibt hatte. Michael Angerhofer aus Althengstett schrieb 1781 aus seiner neuen polnischen Heimat seinen Verwandten im Schwarzwald: 

»Was unsere Reise anbelangt, ist alles glücklich von statten gegangen. Der Engel des Herrn ist von Haus aus bei uns gewesen bis an unsern Ort und Stelle, wie bei dem jungen Tobias. Er hat uns alle frisch und gesund hin- und hergeführt auf der Reise. In Magdeburg haben wir den königlichen Pass bekommen, in Potsdam ein Memorial machen lassen, dem König selbst in die Hände gegeben. 

Da waren wir drei Tage gelegen. Von da aus auf Berlin an die Kammer gewiesen worden. Vier Tage da gelegen und vier Taler Reisegeld bekommen – so bekommt es eine jede Familie. Von da aus nach Bromberg geschickt in die Kammer, wieder drei Tage da gelegen, von da aus wieder nach Marienwerder in die Kammer gewiesen worden, wieder vier Taler Reisegeld bekommen, von da aus wieder zurück, 16 Stund auf Klein-Schüßgen zu wohnen, eine Stunde von Kulm. […] 

Der Engel des Herrn gab mir ein Einsehen, wieder über die Weichsel zu gehen und ein Gut zu besehen. […] 

Das Gut ist ein Pfaffengut gewesen oder ein Erbpachtsgut. Es hat alle Freiheiten, keine Soldaten, keinen Frondienst, keine Zehnten, die Jagd auf dem Gut. Was man will kann man pflanzen. Solches Gut hab ich vom Herrn Kriegsrat in Kulm gekauft um 650 Gulden.« 

Zit. n.: Max Miller: Die Auswanderung der Württemberger nach Westpreußen und dem Netzegau 1776–1786. Veröffentlichung der württembergischen Archivverwaltung, 1/1935, S. 31 f. 

 

M5  Nachbau einer »Ulmer Schachtel« am Donauufer in Neu-Ulm 

Solche Schiffe fuhren regelmäßig zum Güter- und Personentransport auf der Donau von Ulm bis Wien. Das »Ordinarischiff « ging sonntags oder montags, außer im Winter. Bis Wien dauerte die Fahrt im Sommer 8 bis 9 Tage, im Frühjahr und Herbst bis zu drei Wochen. Die Ulmer Schiffsleute bezeichneten ihre Schiffe als »Zillen«. Ein Schiff konnte eine Nutzlast bis zu 100 Tonnen tragen. Hunderttausende von Auswanderern fuhren im 18. und 19. Jahrhundert auf solchen Schiffen in ihre neue Heimat in Südosteuropa.

Foto: Ulrich Maier 

 

M6  Reisekarte aus dem Jahre 1847 für die Auswanderung in die Donauländer 
Aus: Beer/Dahlmann, Migration nach Ost- und Südosteuropa vom 18. Jahrhundert bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts. Thorbecke, Stuttgart 1999, S. 410; 
Quelle: Peter Wolff: Führer und Rathgeber auf der Reise nach Ungarn und Siebenbürgen. Reutlingen 1847 

 

M7  Von Württemberg nach Siebenbürgen 

In einem Brief vom 28.6.1913 erinnerte sich Josefa Bahmüller an die Auswanderung mit ihren Eltern und acht Geschwistern 1846 aus Plüderhausen (Rems-Murr-Kreis) nach Siebenbürgen: 

»Liebe gute Kinder, ich setze euch zur Erinnerung an unsere Reise, was ich weiß von 12 Jahren an, wie es bei uns war im Jahr 1844, dass eine sehr große Teuerung war, indem der Hagel in sieben Feldern alles zerschlagen hatte. […] Oh, wenn ich nur denk, wie schwer es den armen Eltern und Großeltern war, die Heimat zu verlassen! Wie wir haben abreisen sollen, so war der arme Vater nicht da. Er war auf einmal in unser Haus zurück und wollte gar nicht mitkommen. […] Und wie wir in Bayern in Donauwörth ankamen und wir das neue Bretterschiff sahen, so wollte der Vater nicht einsitzen. Da kamen Herren und haben ihn beredet, er sollte sich doch nicht fürchten und so kamen wir bis nach Wien. […] Dann kamen wir nach Pest [Budapest], da suchte der Vater Fuhrleute. Vierzehn Tage sind wir auf der Donau kommen und vier Wochen zu Land, da war es auch sehr schlecht, kein Holz zum Feuer machen. Die Mutter musste mit Stroh uns ein wenig Suppe kochen für uns viele Kinder. Mit dem ungarischen Fuhrmann konnten wir kein Wort sprechen. Da kamen wir in so ein Räuberschank-Haus, da wollte man uns bei der Nacht unser bissel Geld nehmen. […] Wenn man uns das Geld gestohlen hätte, was hätten wir auf der Puszta gemacht? Keinen Schritt hätten wir weiter können, dort hätten wir vor Hunger sterben müssen. Mit dem Fuhrmann kamen wir bis Hermannstadt. Da bekamen wir einen Fuhrmann, der war von Alzen. Der gab uns das Nachtmahl und Frühstück und dann fuhr er mit uns […] in unsere Heimat.« 

Zit. n.: Balduin Herter, Württembergische Einwanderer in Siebenbürgen um die Mitte des 19. Jahrhunderts, in: Beer/Dahlmann, Migration, S. 409. 

 

M8  »Der Erste hat den Tod, der Zweite die Not, der Dritte das Brot« 

a) Amtlicher Bericht an die Adelsversammlung der Baranya: 

»19. Mai 1749: Berichte, dass diesen Montag eine Stunde oberhalb Tolna die Räuber einem Esseker Handelsmann 700 Gulden bares Geld und selbigen Abend in dem Dorf S.Georg genannt, einem Weib bis 600 Gulden weggenommen, über dieses ihr mit der Hacke in den Kopf gehaut und bei diesen zwei Rauben sind fünf Personen umgebracht worden. Den Freitag drauf ein mit Deutschen beladenes Schiff, welches aus Deutschland gekommen, und in Ungarn sich niederlassen wollten, angegriffen, ausgeraubt und 59 Mann ermordet haben. Vorgestern sind die Räuber zu Nyek, welches Dorf 1/4 Stunde von Battasek gewesen, Brot allerorten mit Gewalt weggenommen und in der Nacht über die Scharabis herübergegangen und in die Wälder sich verschlossen. Es sind wohl Bauern beordert, sie aufzusuchen, Gott weiß aber, wo sie solche in ihren Schlupfwinkeln finden werden.« 

b) Schutzgelderpressung 

Am 15. Februar 1745 wurde Pfarrer Andreas Schronz zu einem Treffen mit einer Räuberbande aufgefordert, wenn ihm »sein Leben und das der Schwaben aus Boly teuer« sei. Er berichtete darüber: 

»Der Anführer der Räuberbande richtete erbittert seine Augen gegen den Himmel und schwur gräulich, dass, wenn die Bolyer auf jenen Tag, welchen sie jetzt bestimmen werden, die 25 Gulden hinausschicken, wird ihnen kein Leid widerfahren, wenn sie auch die Nachbardörfer alle ausrauben und Leute foltern, sollen sie nur sagen, dass sie aus Boly sind, so müssen sie sich vor ihnen nicht fürchten.« 

Zit. n.: Karl-Peter Krauss: Ansiedlung als Prozess. In: Beer/Dahlmann, Migration, S. 305–306. 

 

M9  Gescheiterte Auswanderung 

Bericht eines 1817 nach Russland ausgewanderten Webers aus Botenheim:

»In der Verzweiflung, wie ich mich, mein Weib und meine 5 Kinder ohne Vermögen und Arbeitsverdienst in den drückenden Zeiten der Teuerung ehrlich sollte durchbringen können, entschloss ich mich vor einem 3/4 Jahr zur Auswanderung nach Russland. Nachdem wir uns bis 36 Meilen hinter Warschau fortgesetzt hatten, wurden wir an der russischen Grenze zurückgewiesen, weil ich mich über den Besitz des nach einer neuerlich erst ergangenen Verordnung zur Ansiedlung erforderlichen Vermögens nicht legitimieren konnte. Da ich auch in Polen keine Unterkunft fand, so musste ich wieder in meine verlassene Heimat zurückziehen, wo mir zwar von den Ortsvorstehern der Aufenthalt wieder gestattet, hingegen von allen Inwohnern gleich zu erkennen gegeben wurde, dass sie für den Unterhalt meiner Familie nicht Rat zu schaffen wüssten.« 

Zit. n.: Marionela Wolf: Württembergische Rückwanderer. In: Beer/Dahlmann, Migration, S. 281  

 

M10  Integration und Identität 

a) Adolf Grünhold, Reise in die Baranya, 1844: 

»Der Markt Bátaszék, durch welchen wir fuhren, ist fast von lauter deutschen Colonisten bewohnt. Überhaupt wohnen in dieser Gegend viele Deutsche, daher die Ungarn diesen Landstrich gewöhnlich die »Schwäbische Türkei« nennen. Es ist bekannt, dass die Deutschen in Ungarn schlichtweg »Schwaben« genannt werden.« 

Zit. n.: Donauschwäbisches Zentralmuseum Ulm 

b) 1844 schrieb der Budapester Journalist Eduard Glatz über seine Landsleute in Ungarn: 

»Welche Empfindungen sollen bei der zweiten, dritte  Generation für Deutschland rege werden, wenn sie sich erinnert, dass ihre Eltern und Voreltern diesem Lande entsprossen sind? Für die Nachkommenschaft ist Deutschland  ein völlig fremdes Land, auf das sie, da sie von selbem weder Gutes empfängt, noch Schlimmes zu befürchten hat, gleichgültig hinblickt. […] [Die Deutschstämmigen] fühlen sich als Ungarn, wenn auch der gemeine Mann kaum dazu kommt, sich von diesem Gefühle Rechenschaft zu geben – sie verwachsen mit allen einheimischen Interessen, sie ungarisieren sich in staatsbürgerlicher Beziehung sowohl, als auch in sozialer […]; für sie ist längst das Mutterland zum Auslande geworden.«

Zit. n.: Márta Fata: Deutsche Immigranten im ländlichen Ungarn. In: Beer/Dahlmann, Migration, S. 404 

c) Béla Bartók, ungarischer Komponist (1881–1945), über das Zusammenleben von Donauschwaben und Ungarn zu Beginn des 20. Jahrhunderts: 

»Bei den Bauern gibt es keine Spur von grimmigem Hass gegen andere Völker und hat es nie gegeben. Sie leben friedlich nebeneinander, jeder spricht seine Sprache, hält sich an seine eigenen Gebräuche und findet es ganz natürlich, dass sein anderssprachiger Nachbar das gleiche tut.«

Zit.n.: Donauschwäbisches Zentralmuseum Ulm 

 

M11  Auswanderung und Rückwanderung 

Der Weg von fünf Generationen der Familie Zimmermann: 

  1. Generation: 
    Georg Simon Zimmermann, Weingärtner und Bauer in Gronau (Kreis Heilbronn), wanderte 1832 mit seiner Ehefrau Susanne und seinen drei Kindern Johann Gottlieb (1  Jahre), Balthasar (14 Jahre) und Christine (11 Jahre) und einem Vermögen von 800 Gulden nach Russisch-Polen aus und zog von dort nach Bessarabien weiter. 

  2. Generation: 
    Balthasar Zimmermann, geboren in Gronau am 1. 4. 1818, gestorben in Friedenstal/Bessarabien am 14. 10. 1892; Bäckerlehre in Odessa, Kolonist in Friedenstal. 

  3. Generation: 
    Johann Gottlieb Zimmermann, geboren in Friedenstal/ Bessarabien am 27. 4. 1846, gestorben ebendort am 31. 3. 1929; Bauer und Schmied. 

  4. Generation 
    Johann Zimmermann, geboren in Friedenstal am 18. 5. 1869, gestorben auf Gut Czarnopole in Piontek/Warthegau am 8. 5. 1944; Bauer und Schmied, Umsiedlung 1940 und Neuansiedlung auf Gut Czarnopole. 

  5. Generation 
    Georg Zimmermann, geboren in Friedenstal am 16. 5. 1900, gestorben in Ludwigsburg am 12. 2. 1975. Nach der Flucht vor der Roten Armee 1944/45 Ankunft in Gronau mit Pferdegespann am 1. 4. 1945. Das Haus in Gronau wurde nur eine Woche später am 8. 4. 1945 durch Luftangriff stark zerstört. Wiederaufbau des alten Familienanwesens. 

Nach: Landkreis Ludwigsburg (Hrsg.): Die Eingliederung der Vertriebenen im Landkreis Ludwigsburg. Ein Rückblick auf die vier Jahrzehnte seit 1945. Landratsamt Ludwigsburg 1986, S. 40 f. 

 

  Aktuelle Patenschaft: 

 

Von Zanegg nach Mosonszolnok 

Weithin sichtbar ragt er aus der Tiefebene Nordwestungarns  dem Kisalföld, empor: der Kirchturm des Dorfes, etwa 60 km von Wien entfernt. Mosonszolnok steht auf dem Ortsschild, darunter auf deutsch Zanegg. Zwei Namen, zwei Geschichten: das Heute – eine ungarische Siedlung, das Gestern ein fast rein deutsches Dorf.

 

 

   
  Bauern aus Franken und Bayern siedelten hier auf dem »Heideboden « schon vor der Landnahme der Magyaren (896 n. Chr.), und seit der Regierungszeit König Stefans I. (997–1038) kamen immer mehr deutsche Siedler; so wurde im Laufe der Jahrhunderte aus Szolnok allmählich Zanegg. 1908 erhielt das Dorf, das seit dem »Ausgleich« von 18671 zur ungarischen Reichshälfte gehörte, im Zuge der Assimilierungspolitik der neuen Herren den Namen Mosonszolnok. Am Charakter des Ortes änderte das freilich nichts. Noch bei der Volkszählung von 1941 nannten über 80 % seiner Bewohner Deutsch als ihre Muttersprache. 

Ihre bitterste Stunde kam nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Um die Magyarisierung zu vollenden und Grund und Boden für vertriebene oder landlose Ungarn requirieren zu können, erwirkte die neue kommunistische Führung in Budapest von den Siegermächten die Erlaubnis, die Deutschstämmigen des Landes zu vertreiben. Zanegg wurde zum Sammellager für die deutsche Bevölkerung des Verwaltungsbezirks Wieselburg, die von hier aus nach Deutschland abgeschoben wurde. 

Zanegg/Mosonszolnok, April 1946: Auf dem Bahnhof werden die Deutschen in Viehwaggons verladen, nur notdürftige Habe (50 kg/Person) dürfen sie mitnehmen. Langsam setzt sich der Zug in Bewegung, einer ungewissen Zukunft irgendwo im Westen entgegen. Letzter Blick auf die Heimat. »Von den älteren Leuten weinten viele.« (Anna Huber) 

Mosonszolnok/Zanegg, Juni 2002: Neben dem Rathaus wartet Bürgermeister Törek auf einen Bus mit ehemaligen Zaneggern. Später findet in der Kirche eine Messe in deutscher Sprache statt, vor dem wieder restaurierten Kriegerdenkmal wird ein Kranz niedergelegt, eine Gedenktafel zur Erinnerung an den deutschen Ehrenbürger Johann Neuberger enthüllt, und dann feiern Alt- und Neu-Zanegger, Deutsche und Ungarn, gemeinsam in der Mitte des Ortes. 

Längst sind die vertriebenen Zanegger vor allem in Baden- Württemberg heimisch geworden. Ihren früheren Besitz haben Ungarn, die man aus der Slowakei ausgewiesen hat oder die kein Land besaßen, übernommen. Geblieben ist den einstigen Bewohnern nur die Erinnerung und ein Gefühl der Zusammengehörigkeit, so dass man sich Ende der 50er-Jahre regelmäßig wieder zu treffen begann: seit 1962 in Leinfelden-Echterdingen, das auch die Patenschaft für diese Zusammenkünfte übernommen hat. Johann Neuberger, bis 1949 noch Lehrer im Dorf, dann auf den Fildern, knüpfte seit Ende der 80er-Jahre erste Kontakte zur ehemaligen Heimat. Von ihm organisierte Busfahrten führten nach der Wende ins Burgenland und nach Ungarn. 1994 fand erstmals ein Empfang im Rathaus von Mosonszolnok statt, und inzwischen erinnern eine Tafel im Ort und eine offizielle Schrift – wenn auch noch mit etwas vorsichtigen Formulierungen – an das bittere Unrecht der Vertreibung. Im Jahre 2001 nahm Bürgermeister Törek mit einer Kindertanzgruppe am Treffen der Zanegger in Leinfelden-Echterdingen teil, ein Jahr darauf wurden ehemalige Zanegger zu einem Fest nach Mosonszolnok eingeladen. So gehen denn die Menschen eine  Dorfes aufeinander zu, das ihnen Heimat war und ist. 

Fast jedes Gespräch mit Ungarn endet heute mit dem Hinweis: »Bald sind wir auch in der EU.« Ungarn kehrt heim in das Haus Europa, dem es seit über 1100 Jahren angehört. Zukunft kann niemals auf verdrängter und vergessener Vergangenheit wachsen. Erinnern, vergeben, sich die Hände reichen – hier auf dem »Heideboden« geschieht es beispielhaft. 

Nach Schriften von Johann Neuberger, einem Faltblatt von Regine Weisz und Berichten von Gretel Weisz aus Leinfelden-Echterdingen 

1 siehe »DEUTSCHLAND & EUROPA«, Heft 41/2000 

»Die Donau«, S. 13 ff. 

Dietrich Rolbetzki

 

 

 

 

 

 

 

 


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