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Zeitschrift Migration
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M1 Ein Jahrhundert Krieg
Mit den Fronen werde seit einiger Zeit ein derartiger »Exzess« getrieben, »also dass, wenn damit fortgefahren werden sollte, sie nit in Stand, ihren eigenen Äckern, Hauswesen und Nahrung vorzustehen«. Ohne Bewilligung der Herrschaft dürfe niemand heiraten. »Denen Kranken wurde auch vorgestellt, dem Gotteshaus manchmal mehr zu vermachen, als in ihrem Vermögen sei.« Steuern würden auf die Gemeinden abgewälzt, ohne dass ihr Rechnung gelegt würde. Der Schultheiß sei dem Kloster verpflichtet. Das Kloster beanspruche ein Vorkaufsrecht auf Vieh, Kühe und Kälber. Zit.n.: Hartmut Zückert: Die sozialen Grundlagen der Barockkultur in Süddeutschland. Fischer, Stuttgart-New York 1988, S. 8
(anonym, um 1781) Jetzund ist es ausgemacht, Allhier ist es nimmer gut, Was hilft euch der edle Wein? Was soll doch der arme Mann […] Nun so lasset uns fein bald Honig ist recht zuckersüß, Zit. n.: Karl Moersch (Hrsg.): Ein Untertan, das ist ein Tropf. Politische Lieder der Schwaben aus zwei Jahrhunderten. Verlag Günther Neske, Pfullingen 1985, S. 35 ff.; © Moersch, zu beziehen über DRW-Verlag
M4 Auswanderung nach »Preußisch Polen« Friedrich der Große suchte deutsche Siedler für die polnischen Gebiete, die er Preußen einverleibt hatte. Michael Angerhofer aus Althengstett schrieb 1781 aus seiner neuen polnischen Heimat seinen Verwandten im Schwarzwald: »Was unsere Reise anbelangt, ist alles glücklich von statten gegangen. Der Engel des Herrn ist von Haus aus bei uns gewesen bis an unsern Ort und Stelle, wie bei dem jungen Tobias. Er hat uns alle frisch und gesund hin- und hergeführt auf der Reise. In Magdeburg haben wir den königlichen Pass bekommen, in Potsdam ein Memorial machen lassen, dem König selbst in die Hände gegeben. Da waren wir drei Tage gelegen. Von da aus auf Berlin an die Kammer gewiesen worden. Vier Tage da gelegen und vier Taler Reisegeld bekommen – so bekommt es eine jede Familie. Von da aus nach Bromberg geschickt in die Kammer, wieder drei Tage da gelegen, von da aus wieder nach Marienwerder in die Kammer gewiesen worden, wieder vier Taler Reisegeld bekommen, von da aus wieder zurück, 16 Stund auf Klein-Schüßgen zu wohnen, eine Stunde von Kulm. […] Der Engel des Herrn gab mir ein Einsehen, wieder über die Weichsel zu gehen und ein Gut zu besehen. […] Das Gut ist ein Pfaffengut gewesen oder ein Erbpachtsgut. Es hat alle Freiheiten, keine Soldaten, keinen Frondienst, keine Zehnten, die Jagd auf dem Gut. Was man will kann man pflanzen. Solches Gut hab ich vom Herrn Kriegsrat in Kulm gekauft um 650 Gulden.« Zit. n.: Max Miller: Die Auswanderung der Württemberger nach Westpreußen und dem Netzegau 1776–1786. Veröffentlichung der württembergischen Archivverwaltung, 1/1935, S. 31 f.
M5 Nachbau einer »Ulmer Schachtel« am Donauufer in Neu-Ulm
M7 Von Württemberg nach Siebenbürgen In einem Brief vom 28.6.1913 erinnerte sich Josefa Bahmüller an die Auswanderung mit ihren Eltern und acht Geschwistern 1846 aus Plüderhausen (Rems-Murr-Kreis) nach Siebenbürgen: »Liebe gute Kinder, ich setze euch zur Erinnerung an unsere Reise, was ich weiß von 12 Jahren an, wie es bei uns war im Jahr 1844, dass eine sehr große Teuerung war, indem der Hagel in sieben Feldern alles zerschlagen hatte. […] Oh, wenn ich nur denk, wie schwer es den armen Eltern und Großeltern war, die Heimat zu verlassen! Wie wir haben abreisen sollen, so war der arme Vater nicht da. Er war auf einmal in unser Haus zurück und wollte gar nicht mitkommen. […] Und wie wir in Bayern in Donauwörth ankamen und wir das neue Bretterschiff sahen, so wollte der Vater nicht einsitzen. Da kamen Herren und haben ihn beredet, er sollte sich doch nicht fürchten und so kamen wir bis nach Wien. […] Dann kamen wir nach Pest [Budapest], da suchte der Vater Fuhrleute. Vierzehn Tage sind wir auf der Donau kommen und vier Wochen zu Land, da war es auch sehr schlecht, kein Holz zum Feuer machen. Die Mutter musste mit Stroh uns ein wenig Suppe kochen für uns viele Kinder. Mit dem ungarischen Fuhrmann konnten wir kein Wort sprechen. Da kamen wir in so ein Räuberschank-Haus, da wollte man uns bei der Nacht unser bissel Geld nehmen. […] Wenn man uns das Geld gestohlen hätte, was hätten wir auf der Puszta gemacht? Keinen Schritt hätten wir weiter können, dort hätten wir vor Hunger sterben müssen. Mit dem Fuhrmann kamen wir bis Hermannstadt. Da bekamen wir einen Fuhrmann, der war von Alzen. Der gab uns das Nachtmahl und Frühstück und dann fuhr er mit uns […] in unsere Heimat.« Zit. n.: Balduin Herter, Württembergische Einwanderer in Siebenbürgen um die Mitte des 19. Jahrhunderts, in: Beer/Dahlmann, Migration, S. 409.
M8 »Der Erste hat den Tod, der Zweite die Not, der Dritte das Brot« a) Amtlicher Bericht an die Adelsversammlung der Baranya: »19. Mai 1749: Berichte, dass diesen Montag eine Stunde oberhalb Tolna die Räuber einem Esseker Handelsmann 700 Gulden bares Geld und selbigen Abend in dem Dorf S.Georg genannt, einem Weib bis 600 Gulden weggenommen, über dieses ihr mit der Hacke in den Kopf gehaut und bei diesen zwei Rauben sind fünf Personen umgebracht worden. Den Freitag drauf ein mit Deutschen beladenes Schiff, welches aus Deutschland gekommen, und in Ungarn sich niederlassen wollten, angegriffen, ausgeraubt und 59 Mann ermordet haben. Vorgestern sind die Räuber zu Nyek, welches Dorf 1/4 Stunde von Battasek gewesen, Brot allerorten mit Gewalt weggenommen und in der Nacht über die Scharabis herübergegangen und in die Wälder sich verschlossen. Es sind wohl Bauern beordert, sie aufzusuchen, Gott weiß aber, wo sie solche in ihren Schlupfwinkeln finden werden.« b) Schutzgelderpressung Am 15. Februar 1745 wurde Pfarrer Andreas Schronz zu einem Treffen mit einer Räuberbande aufgefordert, wenn ihm »sein Leben und das der Schwaben aus Boly teuer« sei. Er berichtete darüber: »Der Anführer der Räuberbande richtete erbittert seine Augen gegen den Himmel und schwur gräulich, dass, wenn die Bolyer auf jenen Tag, welchen sie jetzt bestimmen werden, die 25 Gulden hinausschicken, wird ihnen kein Leid widerfahren, wenn sie auch die Nachbardörfer alle ausrauben und Leute foltern, sollen sie nur sagen, dass sie aus Boly sind, so müssen sie sich vor ihnen nicht fürchten.« Zit. n.: Karl-Peter Krauss: Ansiedlung als Prozess. In: Beer/Dahlmann, Migration, S. 305–306.
M9 Gescheiterte Auswanderung Bericht eines 1817 nach Russland ausgewanderten Webers aus Botenheim: »In der Verzweiflung, wie ich mich, mein Weib und meine 5 Kinder ohne Vermögen und Arbeitsverdienst in den drückenden Zeiten der Teuerung ehrlich sollte durchbringen können, entschloss ich mich vor einem 3/4 Jahr zur Auswanderung nach Russland. Nachdem wir uns bis 36 Meilen hinter Warschau fortgesetzt hatten, wurden wir an der russischen Grenze zurückgewiesen, weil ich mich über den Besitz des nach einer neuerlich erst ergangenen Verordnung zur Ansiedlung erforderlichen Vermögens nicht legitimieren konnte. Da ich auch in Polen keine Unterkunft fand, so musste ich wieder in meine verlassene Heimat zurückziehen, wo mir zwar von den Ortsvorstehern der Aufenthalt wieder gestattet, hingegen von allen Inwohnern gleich zu erkennen gegeben wurde, dass sie für den Unterhalt meiner Familie nicht Rat zu schaffen wüssten.« Zit. n.: Marionela Wolf: Württembergische Rückwanderer. In: Beer/Dahlmann, Migration, S. 281
M10 Integration und Identität a) Adolf Grünhold, Reise in die Baranya, 1844: »Der Markt Bátaszék, durch welchen wir fuhren, ist fast von lauter deutschen Colonisten bewohnt. Überhaupt wohnen in dieser Gegend viele Deutsche, daher die Ungarn diesen Landstrich gewöhnlich die »Schwäbische Türkei« nennen. Es ist bekannt, dass die Deutschen in Ungarn schlichtweg »Schwaben« genannt werden.« Zit. n.: Donauschwäbisches Zentralmuseum Ulm b) 1844 schrieb der Budapester Journalist Eduard Glatz über seine Landsleute in Ungarn: »Welche Empfindungen sollen bei der zweiten, dritte Generation für Deutschland rege werden, wenn sie sich erinnert, dass ihre Eltern und Voreltern diesem Lande entsprossen sind? Für die Nachkommenschaft ist Deutschland ein völlig fremdes Land, auf das sie, da sie von selbem weder Gutes empfängt, noch Schlimmes zu befürchten hat, gleichgültig hinblickt. […] [Die Deutschstämmigen] fühlen sich als Ungarn, wenn auch der gemeine Mann kaum dazu kommt, sich von diesem Gefühle Rechenschaft zu geben – sie verwachsen mit allen einheimischen Interessen, sie ungarisieren sich in staatsbürgerlicher Beziehung sowohl, als auch in sozialer […]; für sie ist längst das Mutterland zum Auslande geworden.« Zit. n.: Márta Fata: Deutsche Immigranten im ländlichen Ungarn. In: Beer/Dahlmann, Migration, S. 404 c) Béla Bartók, ungarischer Komponist (1881–1945), über das Zusammenleben von Donauschwaben und Ungarn zu Beginn des 20. Jahrhunderts: »Bei den Bauern gibt es keine Spur von grimmigem Hass gegen andere Völker und hat es nie gegeben. Sie leben friedlich nebeneinander, jeder spricht seine Sprache, hält sich an seine eigenen Gebräuche und findet es ganz natürlich, dass sein anderssprachiger Nachbar das gleiche tut.« Zit.n.: Donauschwäbisches Zentralmuseum Ulm
M11 Auswanderung und Rückwanderung Der Weg von fünf Generationen der Familie Zimmermann:
Nach: Landkreis Ludwigsburg (Hrsg.): Die Eingliederung der Vertriebenen im Landkreis Ludwigsburg. Ein Rückblick auf die vier Jahrzehnte seit 1945. Landratsamt Ludwigsburg 1986, S. 40 f.
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