Zeitschrift

Migration

  • Glaubensflüchtlinge: Waldenser
  • Schwabenzüge nach Russland, Polen und in die Donauländer
  • Auswanderung nach Nordamerika im 18. und 19. Jahrhundert
  • Zweiter Weltkrieg - erzwungene Migration: NS-Umsiedlungsaktion Neue Heimat für die Vertriebenen
  • Migration nach Deutschland: Gastarbeiter 1955 - 2000  - Migration heute


Heft  45 - 2002

 



 

Inhaltsverzeichnis

 

Waldenser - Glaubensflüchtlinge nach dem Dreißigjährigen Krieg in Württemberg

 

Angesichts aktueller Debatten um den Zuzug von Ausländern wird allzu leicht vergessen, dass Zuwanderung auch in Deutschland nicht neu ist. Der Blick in die Geschichte bietet die Chance, emotionsfrei Ursachen, Bedingungen und Zeitraum von Zuzug und Integration zu untersuchen. 

Der kleine Ort Nordhausen, heute Teil der Gemeinde Nordheim im Landkreis Heilbronn, bietet sich dafür als ein geeignetes Beispiel an, denn er wurde im Jahre 1700 von Waldensern gegründet, die sich in Sprache, Religion und vormaliger Staatsangehörigkeit erheblich von ihrer neuen Umgebung unterschieden. In etwa 150 Jahren passten sie sich so weit an ihre Umgebung an und vermischten sich mit der einheimischen Bevölkerung, dass heute nur noch wenig an die Besonderheit des Ortes erinnert. 

Im September 2000 präsentierte sich Nordhausen stolz als »Waldensergemeinde« (M1). 

Zu den Feierlichkeiten aus Anlass des dreihundertsten Jahrestags der Ortsgründung war Nordhausen festlich geschmückt, die Hauptstraße für den Verkehr gesperrt; zur offiziellen Feier der Gemeinde reisten Landrat, Landtagsabgeordnete, Dekan und Prälat sowie Vertreter befreundeter Waldensergemeinden aus Italien und der Schweiz an; ein Festzug, eine im Radio übertragene Podiumsdiskussion und ein eigenes Theaterstück markierten das Dorffest. 

Was macht heute, 300 Jahre nach ihrer Gründung und über 800 Jahre nach Petrus Valdes, dem Stifter der Religionsgemeinschaft, noch eine Waldensergemeinde aus? Auf welche Weise und wie schnell vollzog sich die fast vollständige Integration? Welche Rolle spielt es für heutige Nordhausener zu wissen, dass ihre Vorfahren Waldenser waren? 

Diesen Fragen soll im Folgenden nachgegangen werden. Dabei bietet dieses lokal eng begrenzte Beispiel die Möglichkeit, ein abgeschlossenes Kapitel Migration im Rückblick zu betrachten. Die Ansiedlung von Waldensern in Nordhausen ist typisch für die Peuplierungspolitik deutscher Fürsten nach dem Dreißigjährigen Krieg. 

 

Herkunft der Waldenser 

Die Laienbewegung der Waldenser geht auf Petrus Valdes zurück, der als reicher Tuchhändler in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts in Lyon lebte. Um 1170 begann er zu predigen und Anhänger um sich zu sammeln. Auch ließ er sich Teile der Bibel in die Volkssprache übersetzen, weil er kein Latein konnte. Die Bewegung war geprägt von der Rückbesinnung auf das Evangelium, insbesondere die Bergpredigt, von Volkssprachlichkeit, Laienpredigt der wandernden »Barben« und demokratischer Selbstorganisation. 

Sie breitete sich erstaunlich schnell von Spanien bis zum Baltikum aus und forderte damit fast sofort die Gegenwehr der Römischen Kirche heraus. Schon 1184 verdammte das Konzil von Verona die Waldenser, was das Laterankonzil 1215 ausdrücklich bestätigte. Seither galten die Waldenser als Ketzer, die blutig verfolgt, verbrannt und in weiten Landstrichen ausgerottet wurden. Nur in den abgelegenen Tälern der Cottischen Alpen, im heutigen Grenzgebiet zwischen Italien und Frankreich, konnten sie sich bis zum Ende des 17. Jahrhunderts und zum Teil bis heute halten (M 2).

Gegen Ende des 17. Jahrhunderts nahmen jedoch auch hier die Verfolgungen wieder zu. Sie äußerten sich in Zwangskatholisierung, Überfällen, Brandschatzung und Vertreibung. Als Ludwig XIV. von Frankreich 1685 die von seinem Vorgänger Heinrich IV. 1598 im Edikt von Nantes gewährte Glaubensfreiheit wieder aufhob, gingen die Machthaber noch grausamer und unerbittlicher gegen die »calvinistische Pest« vor.

Einen gewissen Rückhalt fanden verfolgte Waldenser immer wieder bei den Calvinisten der Schweiz um Genf, denen sie sich 1532 auf der Synode von Chanforan angeschlossen hatten. Ihre Beziehungen zu Glaubensbrüdern in den Niederlanden, England und der Schweiz hinderten vor allem Frankreich an allzu hartem Vorgehen, weil es außenpolitische Schwierigkeiten mit diesen Ländern befürchten musste. Savoyen, zu dessen Staatsgebiet ein großer Teil der Waldensertäler gehörte, war dagegen weniger zimperlich.

Mit den Verfolgungen begann die Auswanderung in die Schweiz. Von dort wurden erste Kontakte nach Deutschland – Brandenburg, Hessen und Württemberg – geknüpft, um die dauerhafte Ansiedlung dort zu sondieren. Kirchliche Kreise in Stuttgart und Tübingen waren zunächst nicht sonderlich erbaut, weil sie in den Waldensern wohl zu Recht »heimliche Calvinisten« vermuteten. Nach jahrelanger Irrfahrt kehrten 1689/90 zahlreiche Flüchtlinge unter der militärischen Führung ihres streitbaren Pfarrers Henri Arnaud von Genf aus »glorreich« in ihre heimischen Bergtäler zurück, nur um knapp zehn Jahre später der Heimat endgültig den Rücken zu kehren. 

 

Ansiedlung im Herzogtum Württemberg 

Die Waldenser aus dem Piemont, die Nordhausen gründeten, kamen nicht auf direktem Weg zu uns. Alle übrigen Waldensergemeinden in Württemberg waren bereits 1699 gegründet worden (M 3 ), nur Nordhausen erst im Jahre 1700. Denn diese Menschen waren zunächst ins hessische Waldensberg gezogen, wo jedoch die Ressourcen, insbesondere das Wasser, nicht für so viele Menschen ausreichten. Deshalb richtete ein Teil dieser Glaubensflüchtlinge mit der unermüdlichen Hilfe des niederländischen Gesandten Valkenier erneut ein Gesuch um Aufnahme an Herzog Eberhard Ludwig von Württemberg (M4). Diesem wurde endlich stattgegeben, und so siedelten sich 202 namentlich bekannte Personen im Oberamtsbezirk Brackenheim an. Die Gemeinden Hausen und Nordheim wurden verpflichtet, Land abzutreten, Nordheim 384, Hausen 220 Morgen. Für diese Fläche wurde den Neusiedlern bis 1712 Steuerfreiheit gewährt. Ab 1714 sind die Steuern der Waldenser belegt. 

Da die Neusiedler nicht, wie etwa in Pinache, Serres oder Perouse (M3 ), aus einem Dorf stammten, sondern zu etwa zwei Dritteln aus Mentoulles und zu etwa einem Drittel aus Usseaux (M2), konnten sie sich lange nicht auf einen gemeinsamen Namen für den neuen Ort einigen, so dass der Herzog kurzerhand verfügte, dass der Name aus den beiden Land abtretenden Gemeinden zu bilden sei. So entstand der Name Nordhausen.

Die Zuwanderer trafen hier auf ein zerstörtes und entvölkertes Land: Der Dreißigjährige Krieg hatte mit Einquartierungen,  Requirierungen, Zerstörungen, Seuchen und Hungersnöten seinen Tribut gefordert (vgl. dazu auch Kapitel II, M1). Die Bevölkerung Nordheims war bis  1648 auf weniger als ein Viertel gegenüber 1600 zurückgegangen.  Äcker und Weinberge waren zerstört und  lagen wüst und unbebaut (M5). 

Kaum hatte sich die Bevölkerung einigermaßen davon  erholt, wurde die Gegend Schauplatz des Pfälzischen Erbfolgekriegs (1688–1697), so dass am Ende des Jahrhunderts  die Situation noch verheerender war als zuvor. Der Herzog von Württemberg hatte also gute Gründe, es Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg-Preußen, dem »Großen Kurfürsten«, gleichzutun, der sein Land gezielt mit Hugenotten »peuplierte«. Schließlich bedeutete eine zahlreiche Bevölkerung für die Fürsten damals auch höhere Steuereinnahmen. Während die Hugenotten jedoch überwiegend Handwerker aus dem städtischen Bürgertum waren, handelte es sich bei den Waldensern um reine Ackerbürger. 

Die Tradition überliefert, Henri Arnoud habe 1701 in Schönenberg bei Mühlacker die ersten Kartoffeln im deutschen Südwesten gepflanzt. Auch die Luzerne (eine Futterpflanze) brachten die Waldenser mit.

Nach Karl Weller: Württembergische Geschichte. 5. Aufl. Stuttgart 1963, S. 170 I

 

Im »Articul« des Herzogs von Württemberg vom 4. September 1699 sind jeweils in deutscher und französischer Sprache die Bedingungen für die Umsiedlung festgehalten (Kiefner 1990, Teil 2, S. 748–782). Der Erlass zählt die Rechte und Pflichten der Neusiedler – insgesamt etwa 3000 Waldenser – auf. Neben freier Religionsausübung, wirtschaftlichen und administrativen Rechten sollten sie den alteingesessenen Einwohnern von dem Moment an rechtlich gleichgestellt werden, »wann sie uns die geziemende Huldigung und den Eyd der Treu geleistet haben werden« (Kiefner 1990, S. 751). Im Gegenzug sollten sie aber auch »Unseren Befehlen gehorsamlich zugeleben und sich Unseren Gesätzen und Lands-Ordnungen gebührend … unterwerffen« (Kiefner 1990, S. 751).

 

Integration 

Die Besonderheit der Waldenser, die sie von der deutschen Umgebung abgrenzte und über die sie sich definierten, war erstens der reformierte Glaube, verbunden mit dem Recht der Gemeinde, den Pfarrer selbst zu bestimmen, zweitens der Gebrauch der französischen Sprache in Kirche und Schule sowie des okzitanischen Patois (Dialekts) im Alltag. 

Auf dieser Grundlage lässt sich der Zeitpunkt der formalen Integration exakt datieren: Am 19. September 1823 verfügte der württembergische König Wilhelm I. die Vereinigung der lutherischen und reformierten Kirchen des Landes und verbot gleichzeitig – mit einigen Ausnahme und Übergangsregelungen – den Gebrauch der französischen Sprache in Gottesdienst und Unterricht (M6). 

Dagegen scheint es vor allem in Nordhausen erheblichen Widerstand gegeben zu haben, der sich im Fernbleiben von Gottesdienst und Konfirmation sowie im Abhalten französischer Gottesdienste oder Betstunden in Privathäusern äußerte. 

1824 fand die erste Konfirmation auf Deutsch statt, am 10. Dezember 1825 wurde es ausdrücklich verboten, den Gottesdienst auf Französisch abzuhalten. 

Die tatsächliche Integration wird sich aber noch einige Jahrzehnte hingezogen haben, wie anhaltende Auseinandersetzungen um Schulbücher und Pfarrer bezeugen. Sicher haben sich besonders die älteren Menschen dagegen gewehrt, ihre Muttersprache aufzugeben. Den Kummer darüber bezeugt eindringlich ein Gedicht aus den 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts. Verfasst wurde es von Frau Anna Gille aus Serres (M7).

 

Traditionspflege 

Gegenläufig zur fortschreitenden Integration setzte Ende des 19. Jahrhunderts die Traditionspflege und neues Interesse an der Vergangenheit ein. Die Anstöße dazu kamen von landeskirchlichen Pfarrern, die den Glauben ihrer Gemeinden mit der Erinnerung an den Eifer und die Opferbereitschaft der Vorfahren wiederbeleben wollten. Höhepunkt dieser Traditionspflege waren die 200-Jahr- Feiern 1899/1900. Ortschroniken und die erste Biografie Henri Arnauds wurden geschrieben, Denkmäler und Brunnen eingeweiht. Sogar der württembergische König Wilhelm II. besuchte 1899 einige Waldenserorte im Enzkreis. Für Nordhausen sind keine herausragenden Aktivitäten bezeugt; wahrscheinlich war es dafür zu arm und zu isoliert gelegen. 

In Württemberg pflegte man seit dieser Zeit auch gute Beziehungen zu den Waldensern in Piemont. Auf Anregung von Paolo Calvino aus Torre Pellice wurde 1872 in Stuttgart der Verein für die Ausbreitung des Evangeliums in Italien gegründet. Delegationen der Gemeinden nahmen an den 200-Jahr-Feiern des jeweils anderen Landes teil. 1889 wurde in Italien der »Glorreichen Rückkehr« von 1689 gedacht, zehn Jahre später in Deutschland die Gründung der meisten Gemeinden gefeiert.

Nach der Abkühlung dieser Beziehungen im Ersten Weltkrieg ging die Initiative zu neuen Kontakten 1923 von Italien aus. Die dortige Waldenserkirche schickte Geld für die Renovierung der Kirche in Perouse. 1934 fand die erste deutsche »Pilgerfahrt« in die Waldensertäler statt, zwei Jahre später wurde die »Deutsche Waldenservereinigung « gegründet. Sie betrieb erfolgreich die Einrichtung des Henri-Arnaud-Hauses als Museum in Schönenberg. Es wurde am 23. Juli 1939 in Anwesenheit von 120 Waldensern aus Italien eingeweiht. 

Pfarrer Ludwig Zeller (1889–1981) bemühte sich gleich nach dem Zweiten Weltkrieg um eine Wiederbelebung der Deutschen Waldenservereinigung und um Versöhnung mit den italienischen Waldensern. 1948 wurde er zur Synode nach Torre Pellice eingeladen, 1949 fand die erste Mitgliederversammlung der Waldenservereinigung statt, die seither alljährlich abgehalten wird und seit 1971 »Waldensertag« heißt. 

 

Was bleibt? 

Neben der erhaltenen Erscheinungsform des Ortszentrums als Straßendorf, französischen Flurnamen und den in der stark angewachsenen Bevölkerung noch immer vorhandenen waldensischen Familiennamen wie Baral, Conte, Perrot, Salen ist es vor allem die Evangelische Kirchengemeinde, die das Erbe pflegt. Sie besitzt die französische, in Holland gedruckte Bibel von 1769, ist Mitglied in der Deutschen Waldenservereinigung und pflegt Kontakte zu Waldensergemeinden in Italien und der Schweiz. Die Gemeinde, der Posaunenchor und verschiedene Vereine organisierten seit den 70er-Jahren immer wieder Reisen in die Waldensertäler. In dem sehr hoch gelegenen Dörfchen Usseaux (M2) gibt es seither eine Piazza degli amici di Nordheim-Nordhausen. So wuchsen internationale Freundschaften; eine Heirat schuf sogar Kontakte zur Colonia Valdese in Uruguay (M8). Als im November 2000 Unwetter und Bergrutsche in den Alpen auch die Waldensertäler (M2) heimsuchten, sammelte die Nordhäuser Kirchengemeinde Spenden für sie. Das Jubiläum im Jahre 2000 hat neue Impulse der Traditionspflege gegeben: An beiden Ortseingängen wurden Hinweisschilder auf den »Waldenserort«, neben der Kirche eine Tafel (M1) angebracht. 

Ein Verein Waldenserort Nordhausen wurde gegründet. Er organisierte das Dorffest im September 2000 und sammelt Geld für ein Denkmal. Doch angesichts des nur geringen Interesses, oft gerade bei den Nachfahren der Waldenser, ist es fraglich, ob die Begeisterung für diesen Verein noch lange anhält.

 

Literatur

Gemeinde Nordheim (Hrsg.): Heimatbuch Nordheim und Nordhausen. Nordheim 1999 (siehe besonders »Die Geschichte Nordhausens von den Anfängen bis heute. Die reformierte Waldenserkolonie Nordhausen 1700–1823« von Theo Kiefner, S. 259–304) 

Kiefner, Theo: Die Privilegien der nach Deutschland gekommenen Waldenser. Kohlhammer Verlag, Stuttgart 1990 

Maier, Ulrich: Die Gründung der Waldenserkolonie Nordhausen bei Heilbronn. In: Landesarchivdirektion Baden-Württemberg (Hrsg.), Archivnachrichten Nr. 4, Mai 1992, 

Quellenbeilage Maier, Ulrich: »Von Piemont nach Württemberg. Die Odyssee der Waldenser«. In: Logos 1/1991–92 Stadtverwaltung Brackenheim (Hrsg.): Heimatbuch der Stadt Brackenheim und ihrer Stadtteile. Brackenheim 1980

 

 

 


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