Zeitschrift

Migration

  • Glaubensflüchtlinge: Waldenser
  • Schwabenzüge nach Russland, Polen und in die Donauländer
  • Auswanderung nach Nordamerika im 18. und 19. Jahrhundert
  • Zweiter Weltkrieg - erzwungene Migration: NS-Umsiedlungsaktion Neue Heimat für die Vertriebenen
  • Migration nach Deutschland: Gastarbeiter 1955 - 2000  - Migration heute


Heft  45 - 2002

 



 

Inhaltsverzeichnis

 

Waldenser - Glaubensflüchtlinge nach dem Dreißigjährigen Krieg in Württemberg

 

Materialien

 

M1  Tafel neben der Kirche von Nordhausen mit Wappen und Wahlspruch der Waldenser

Foto: W. Plieninger

 

M 2   Karte der Waldensertäler im Piemont

Aus: Ulrich Maier, 1991/92, S. 14

 

M 3  Karte der Waldenserorte in Württemberg

Aus: Ulrich Maier, 1991/92, S. 15

 

M4  Aufnahmegesuch der Waldenser (Übersetzung aus dem Französischen)

An seine Durchlauchtigste Hoheit, den Herrn Herzog von Württemberg.

Etienne Sallen und David Conte, Deputierte von ungefähr vierzig Waldenserfamilien, teilen mit tiefstem Respekt Eurer Durchlauchtigsten Hoheit mit, dass sie gezwungen sind, das Land Seiner Exzellenz, des Grafen von Isenburg und Büdingen zu verlassen, weil dort eine zu große Anzahl von Familien angesiedelt wurde im Verhältnis (zur Größe) des Landes, das man ihnen gegeben hat, so dass nach Absprache unter ihnen ein Teil dort bleibt und der andere – das sind die beauftragten Petenten – mit Zustimmung des Herrn Grafen und mit Genehmigung des Herrn Valkenier, Gesandter der Generalstaaten, einen Ort suchen, wo sie sich niederlassen können, und sie wünschten mit Leidenschaft, sich unter den Schutz Eurer Durchlauchtigsten Hoheit begeben zu dürfen. 

Aus diesen Gründen, Gnädiger Herr, wenden sich die beauftragten Bittsteller an die Milde Eurer Durchlauchtigsten Hoheit, damit es Ihnen gefallen möge, ihnen Ihren mächtigen Schutz und einen Ort zur Ansiedlung mit dem notwendigen Land zu gewähren und unter anderem, wenn dies Ihr Wohlgefallen findet, im Amt Brackenheim in den Gemeinden Nordheim und Hausen, wo sie glauben, dass es Stätten geben wird, die zu Äckern und Wiesen urbar gemacht werden können, genügend für die genannten Familien, die Sie untertänigst bitten, die Barmherzigkeit zu haben, sie ihnen zu geben zu allgemein denselben Privilegien und Befreiungen, sowohl für den geistlichen als auch für den weltlichen Bereich, die Sie schon den anderen Kolonien gewährt haben, die in Ihren Staaten aufgenommen worden sind. Dies erhoffen sie, weil diese Gnade ja schon vor einigen Wochen anderen Waldenserfamilien gewährt worden ist, die seitdem in Wiernsheim im Amt Maulbronn aufgenommen worden sind. Die Bittsteller werden bemüht sein, Ihnen im übrigen nicht zur Last zufallen, und sie werden unaufhörlich zu Gott beten für die Gesundheit Eurer Durchlauchtigsten Hoheit und Ihres ganzen durchlauchtigsten Hauses und für das Glück Ihrer Waffen und Ihrer blühenden Staaten. 28. Mai 1700.

David Conte, Deputierter; Etienne Sallen, Deputierter. 

Zit. nach: Maier 1992, S. 6 (Dort auch das Bittschreiben in Faksimile nach der Originalvorlage im Hauptstaatsarchiv Stuttgart A 240, Bü 32 sowie die Transkriptionen des Schreibens in zwei Fassungen – vgl. Maier, 1992, S. 4–5 und S. 7) 

 

M5  Entwicklung der Bevölkerung in Nordheim

 

 

Nach: Heimatbuch Nordheim und Nordhausen. Hrsg.: Gemeinde Nordheim, 1999, S. 92–97 und S. 273

 

M6  Königlicher Erlass von 1823 

Im Namen des Königs. Seine Kön. Majestät haben vermöge höchster Entschließung vom 7. d. M. in Betreff der Vereinigung der reformierten Kirchengemeinden des Landes mit den Lutherischen Folgendes verfügt: 

1) Der Gebrauch der französischen Sprache in den Kirchen und Schulen der Reformirten soll, jedoch unter der Beschränkung, verboten werden, daß 

  1. der französische Gesang ausnahmsweise noch einige Zeit bei dem Vormittags-Gottesdienste geduldet, und 

  2. die Einführung des deutschen Gottesdienstes in den Kirchen zu Großvillars und Neuhengstett noch so lange aufgeschoben werde, bis der Pfarrer – in Großvillars in seinem Sohne, und der Pfarrer in Neuhengstett etwa in Gemeinschaft mit einer benachbarten lutherischen Pfarrei einen Vikar erhalten wird. 

2) Zur Erleichterung der Anschaffung deutscher Schul- und Gesangbücher in den reformierten Gemeinden sind auf 6 Jahre von 1821 bis 1827 jährlich 25 fl. und außerordentlicher Weise für das Jahr 1823–1824 75 fl. ausgesetzt. 

[…]

8) Die neuerlich bei der Synode in einer schriftlichen Eingabe erklärte Weigerung der Gemeinde Nordhausen, auf ihr Pfarr-Besetzungs-Recht Verzicht zu leisten, wird nicht berücksichtigt, da diese Gemeinde sich im Jahr 1818 zur Leistung des Verzichts geneigt erklärt  hat, und diese Erklärung in Folge Kön. Entschließung vom 9. Nov. 1821 ausdrücklich angenommen worden ist. Die Gemeinde ist daher auf ihre frühere Erklärung zu verweisen. 

[…] 

Stuttgart 19. 9. 1823 Wächter 

Aus: Kiefner 1990, S. 785–786

 

M7  Gedicht auf das Aussterben der Sprache der Waldenser von Anna Gilles 

uspier par mot de ana perdre la lango e lu deit dei Vaudoa a Serres, Württemberg 

Lango, tam bello, 
de notri paire, d li Vaudoa, d li velli, tü se tant a gaire. 
Au per an ur au mang ke langadsche
Patoa d ka donna sü la vio, l a dalmadsche! 
Te teri, te garda a mes d li Armand 
Un s a dura d poera d an passa dü sant. 

S ki Armant d anvirung s n amukaven beng, 
d eikeng e d lur radscho un s fasio dschamereng. 
E kusi un vrio mok t tant meiprisa, 
d eikeng ko ur a pa gaire s ansussia. 
A köer a tütti tü era kreissü. 
L e so k nu fai mar ko te ve perdü. 
Le dschuvant angmanse se mai d budscha 
Per te teri a pa mai te laissa kutscha. 

Deutsche Übersetzung: 
Seufzer in Worten über das Verlieren von Sprache und Sitte der Waldenser in Serres, Württemberg 

Sprache, so schön, unsrer Väter, der Waldenser, der alten, du bist am Ende. 
Jahr um Jahr hört man weniger diese Patvissprache [= Dialekt] der Weiber auf der Gasse, das ist schade! Dich zu halten, zu wahren inmitten der Deutschen hat man sich Mühe gegeben der vergangenen Jahre zweihundert. 
Wenn auch die Deutschen in der Umgegend darüber
spotteten, daraus und aus ihrer Wut machte man sich nie etwas.  
Und wie man dich bloß so ganz verachten wollte, auch darum hat man sich nicht gekümmert. 
Allen ans Herz warst du gewachsen. 
Und so tut es uns weh, dich verloren zu sehen. 
Die Jugend rührt sich nicht mehr, dich zu erhalten und nie einschlafen zu lassen. 

Aus: Maier 1991/92, S. 15 

 

M8  Waldenser heute? – ein Interview 


Felix: Jein. Ich bin zu etwa einem Viertel ein Nachkomme  der Waldenser, aber ich bin nicht so ein echter Waldenser wie die in Italien oder in Uruguay, wo meine Frau herkommt. Eher würde ich mich als »Waldensersympathisant « bezeichnen. 

Thomas: Bei mir ist es ähnlich. Der Kontakt begann über meine Großmutter, die jedes Jahr zum Deutschen Waldensertag gefahren ist, durch Jugendfreizeiten im Henri- Arnaud-Haus in Schönenberg und durch Reisen in die Waldensertäler in Italien. 

Welche Rolle hat das waldensische Erbe in eurem Leben bisher gespielt?
Felix: Eine ganz entscheidende. Ohne Interesse für die Waldenser hätte ich wohl nie Italienisch gelernt. Über einen italienischen Freund habe ich meine Frau kennen gelernt, die aus einer Waldensergemeinde in Uruguay stammt. Italienisch war zuerst die einzige Sprache, in der wir uns verständigen konnten. 

Thomas: Ich habe meinen Zivildienst in einem Altersheim in den Waldensertälern abgeleistet und dadurch die Waldensergemeinden in Italien gut kennen gelernt. Meine Frau hat dort ein freiwilliges soziales Jahr absolviert. Deshalb haben wir dort auch viele Freunde. Mich fasziniert auch die Weltoffenheit der Waldenserkirche. Die Organisationsstruktur dort mit ihren Kirchenversammlungen ist viel demokratischer als die Kirche hier und es werden brisante, aktuelle Fragen diskutiert. 

Glaubt Ihr, dass die Menschen in Nordhausen durch ihre waldensische Vergangenheit Fremden verständnisvoller begegnen? 
Thomas: Ich denke, das Bewusstsein, dass die Vorfahren hier selbst einmal Fremde waren, ist schon vorhanden. Als 1992/93 die Gemeinde Nordheim in Nordhausen überproportional viele Häuschen für Bosnien-Flüchtlinge aufstellen ließ, bildete sich hier eine Gruppe, die diesen Flüchtlingen im Alltag und bei der Integration helfen wollte. 

Felix: In den frühen 90er-Jahren wurde ein Wahlplakat der Republikaner in Nordhausen anonym mit dem Spruch »Waldenser sind auch Asylanten« überpinselt. 

Interview der Verfasserin mit Felix Hertner und Thomas Perrot, Nordhausen, beide Mitte 30, im Jahr 2001

 

 

 


 Copyright ©   2002  LpB Baden-Württemberg   HOME

Kontakt / Vorschläge / Verbesserungen bitte an: lpb@lpb-bw.de