Zeitschrift

Migration

  • Glaubensflüchtlinge: Waldenser
  • Schwabenzüge nach Russland, Polen und in die Donauländer
  • Auswanderung nach Nordamerika im 18. und 19. Jahrhundert
  • Zweiter Weltkrieg - erzwungene Migration: NS-Umsiedlungsaktion Neue Heimat für die Vertriebenen
  • Migration nach Deutschland: Gastarbeiter 1955 - 2000  - Migration heute


Heft  45 - 2002

 



 

Inhaltsverzeichnis

 

Erzwungene Migration im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg

 

Materialien

 

M 1  Deutsche Siedlungsgebiete im Osten vor 1945

Aus: Grulich, Rudolf/Kotzian, Ortfried: Die Deutschen in Ost- und Südosteuropa. Heiligenhofer Schriften zu Volksgruppenfragen 1. Eine
Arbeitshilfe für Jugendgruppen, Schulen und die Erwachsenenbildung. Königstein Ts, o. J. © 2002 Marie-Luise Kotzian

 

M2  Aus Hitlers Reichstagsrede am 6. Oktober 1939: Plan einer »völkischen Flurbereinigung«

[…] Die Ziele und Aufgaben, die sich aus dem Zerfall des polnischen Staates ergeben, sind dabei, soweit es sich um die deutsche Interessensphäre handelt, etwa folgende: 

1. Die Herstellung einer Reichsgrenze, die den historischen ethnographischen und wirtschaftlichen Gegebenheiten gerecht wird. 

2. Die Befriedung des gesamten Gebietes im Sinne der Herstellung einer tragbaren Ruhe und Ordnung. 

[…] 

5. Als wichtigste Aufgabe aber: eine neue Ordnung der ethnographischen Verhältnisse, das heißt, eine Umsiedlung der Nationalitäten, so dass sich am Abschluss der Entwicklung bessere Trennungslinien ergeben, als es heute der Fall ist. 

In diesem Sinne aber handelt es sich nicht um ein Problem, das auf diesen Raum beschränkt ist, sondern um eine Aufgabe, die viel weiter hinausgreift. Denn der ganze Osten und Südosten Europas ist zum Teil mit nicht haltbaren Splittern des deutschen Volkstums gefüllt. Gerade in ihnen liegt ein Grund und eine Ursache fortgesetzter zwischenstaatlicher Störungen. Im Zeitalter des Nationalitätenprinzips und des Rassegedankens ist es utopisch zu glauben, dass man diese Angehörigen eines hochwertigen Volkes ohne weiteres assimilieren könne. 

Es gehört daher zu den Aufgaben einer weitschauenden Ordnung des europäischen Lebens, hier Umsiedlungen vorzunehmen […]. Deutschland und die Union der Sowjetrepubliken sind übereingekommen, sich hierbei gegenseitig zu unterstützen. […] 

Wenn Deutschland und Sowjetrussland diese Sanierungsarbeit übernehmen, dann können beide Staaten mit Recht darauf hinweisen, dass der Versuch, dieses Problem mit den Methoden von Versailles zu lösen, restlos misslungen ist. […]

Aus: Domarus, Max (Hrsg.): Hitler. Reden und Proklamationen 1932–1945, Bd.II: Untergang, 1.Halbband: 1939–1940, R. Löwit Verlag, Wiesbaden 1973, S. 1383 

 

M3  Hitler beauftragt Himmler mit der Durchführung der »völkischen Flurbereinigung« (7. 10. 1939)

Die Folgen von Versailles in Europa sind beseitigt. Damit hat das Großdeutsche Reich die Möglichkeit, deutsche Menschen, die bisher in der Fremde leben mußten, in seinem Raum aufzunehmen und anzusiedeln und innerhalb seiner Interessengrenzen die Siedlung der Volksgruppen so zu gestalten, daß bessere Trennungslinien zwischen ihnen erreicht werden. Die Durchführung dieser Aufgabe übertrage ich dem Reichsführer-SS [Himmler] nach folgenden Bestimmungen: 

I. Dem Reichsführer-SS obliegt nach seinen Richtlinien: 

  1. Die Zurückführung der für die endgültige Heimkehr in das Reich in Betracht kommenden Reichs- und Volksdeutschen im Ausland 

  2. die Ausschaltung des schädigenden Einflusses von solchen volksfremden Bevölkerungsteilen, die eine Gefahr für das Reich und die deutsche Volksgemeinschaft bedeuten, 

  3. die Gestaltung neuer deutscher Siedlungsgebiete durch Umsiedlung, im besonderen durch Sesshaftmachung der aus dem Ausland heimkehrenden Reichs- und Volksdeutschen. 

Der Reichsführer-SS ist ermächtigt, alle zur Durchführung dieser Obliegenheiten notwendigen allgemeinen Anordnungen und Verwaltungsmaßnahmen zu treffen. 

Zur Erfüllung der in Absatz 1 Nr. 2 gestellten Aufgabe kann der Reichsführer-SS den in Frage stehenden Bevölkerungsteilen bestimmte Wohngebiete zuweisen. 

Zit. in: Michalka, Wolfgang (Hrsg.): Deutsche Geschichte 1933 bis 1945. Dokumente zur Innen- und Außenpolitik. Fischer-Tb 11251. Frankfurt 1994, S. 225 f. 

 

M4  Völkerverschiebung und der Mord an den europäischen Juden 

Wie schon der Vertreibungsplan [Theodor] Schieders, der nur einer von mehreren war, exemplarisch zeigt, traf die Politik des Umsiedelns die Juden in ihrer Gesamtheit ungleich härter als die Polen: Die Juden wurden sehr schnell fast vollständig enteignet, darüber hinaus mussten sie nicht nur deutschstämmigen Siedlern, sondern auch polnischen Vertriebenen weichen. Wo immer in den folgenden Monaten beim Heim-ins-Reich von rund 500 000 Volksdeutschen Schwierigkeiten auftraten, Häuser, Geld, Hausrat und Arbeitsplätze für »rückgesiedelte« Deutsche oder für »abgesiedelte« Polen fehlten oder »ausgetauschte « Rumänen unterzubringen waren, wurden die Angehörigen der jüdischen Minderheit Europas noch schneller beraubt, zusammengepresst, an die Peripherie der jeweiligen Städte und Regionen verjagt. 

Da die Neuansiedlung der Deutschen immer mit ökonomischer Rationalisierung verbunden war, mussten für eine deutsche Familie zwei, oft auch drei »fremdvölkische«, so der Terminus technicus, weichen. Darüber hinaus sollten riesige Truppenübungsplätze angelegt und aus den ländlichen Armutsregionen des Reiches etwa 300 000 Kleinbauernfamilien in den Osten »verpflanzt« und dort auf 20-Hektar-Höfen eingesetzt werden. 

Aus diesen ganz unterschiedlichen Projekten errechnete sich schon im Winter 1940/41 die Gesamtzahl von fünf Millionen Menschen, die kurzfristig vertrieben werden sollten. Aus: Aly, Götz: »Endlösung«. Völkerverschiebung und der Mord an den europäischen Juden, fi-Tb 14067. Frankfurt 1998, S. 18 

 

M5  Jüdische Auswanderung aus Baden-Württemberg 1933–1941

 

(Am 30. Januar 1933 waren im Sinne der NS-Rassengesetze etwa 32 272 Juden im Gebiet des heutigen Baden- Württemberg ansässig.)

Nach: Sauer, Paul: Die Schicksale der jüdischen Bürger Baden- Württembergs während der nationalsozialistischen Verfolgungszeit 1933–1945, Kohlhammer Verlag, Stuttgart 1969, S. 7 und 147 f. 

 

M6  Zeittafel zur NS-Umsiedlungspolitik 1939–1941

 

   

7. 10. 1939

 

Hitler unterzeichnet den »Erlass zur Festigung des deutsche Volkstums«, durch den Heinrich Himmler, »Reichsführer SS«, zum »Reichskommissar für die Festigung des deutschen Volkstums« ernannt wird. Hitler beauftragt Himmler zugleich mit der Umsiedlung der im Ausland lebenden »Volksdeutschen«, denen die »Entgermanisierung« drohe.

 

 
  12. 10. 1939 Beginn der Deportation von Juden aus Österreich und dem Reichsprotektorat Böhmen und Mähren nach Polen. 

 

 
  15. 10. 1939 Abkommen mit Estland über die Umsiedlung der deutschen Volksgruppe (etwa 12 900 Personen), die als »Splitter des deutschen Volkstums« bezeichnet werden.

 

 
  18. 10. 1939  Erlass Hitlers über die Bildung der »Reichsgaue Westpreußen« und »Posen«, später Ziel der Umsiedlungspolitik. 

 

 
  21. 10. 1939  »Abkommen über die Umsiedlung von Reichsdeutschen und Volksdeutschen aus Südtirol in das Deutsche Reich« zwischen Deutschland und Italien. Die Reichsdeutschen sollen innerhalb von drei Monaten nach Deutschland zurückkehren, die Umsiedlung der Volksdeutschen soll freiwillig sein.

 

 
  31. 10. 1939  Unterzeichnung eines Umsiedlungsvertrages zwischen dem Deutschen Reich und Lettland, von dem 48 600 Baltendeutsche betroffen sind. Die Aktion wird am 15. 12. 1939 für abgeschlossen erklärt. Himmler ordnet die Vertreibung aller Juden aus den ländlichen Gebieten Polens und deren Deportation in Ghettos in den größeren Städten an, v. a. in Lodz (Litzmannstadt) und Warschau, um für die Umsiedler Platz zu schaffen. Bis 1940 werden 88,6 % der deutschbaltischen Bevölkerung (nach der Volkszählung von 1935) umgesiedelt. Davon werden rd. 51 000 auf Höfen und in Wohnungen vertriebener Polen und Juden im Warthegau und 11 000 in Danzig-Westpreußen angesiedelt.

 

 
  3. 11. 1939  Abkommen zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion zur Umsiedlung aller Deutschen aus der Ukraine und Weißrussland sowie aller Ukrainer, Weißrussen und Russen aus den früher zu Polen gehörenden Gebieten. Die Umsiedlung soll freiwillig erfolgen. Betroffen sind etwa      128 000 Deutsche in Wolhynien und Ostgalizien.

 

 
  7. 11. 1939  Beginn der Deportation der Juden im Wartheland v. a. in die Ghettos von Lodz (Litzmannstadt), Warschau und Radom.  
  22. 12. 1939  Die ersten etwa 1000 Volksdeutschen aus Wolhynien treffen in Pabianice bei Lodz ein. 

 

 
  3. 1. 1940  Bis zum Jahresbeginn sind, so eine amtliche Verlautbarung, 20 405 Volksdeutsche aus Ostgalizien und Wolhynien im Raum Lodz eingetroffen. Bis zum 8. Januar steigt die Zahl auf etwa 40 000.

 

 
  1. 2. 1940  Umsiedlung der Volksdeutschen aus Ostgalizien und Wolhynien wird für abgeschlossen erklärt. 107 000 Menschen seien in 250 Transporten in Lodz eingetroffen, von denen 65 000 ins »Altreich« umgesiedelt werden.  
  15. 3. 1940  Himmler erklärt die Vernichtung aller Polen zur »Hauptaufgabe« der deutschen Nation. 

 

 
  7. 9. 1940  Ein erster Transport Deutschstämmiger aus der Bukowina, v. a. aus der Stadt Czernowitz, trifft auf von Deutschland besetztem Territorium Polens ein.

 

 
  23. 9. 1940  Beginn deutsch-sowjetischer Verhandlungen über di  Umsiedlung Deutschstämmiger aus Litauen, Lettland und Estland, die sich 1939 für den Verbleib ausgesprochen hatten.  
  1. 10. 1940  Beginn der Umsiedlung der Bessarabiendeutschen. Bis zum 18. 10. sind nach amtlicher Darstellung bereits über 100 000 Menschen ausgesiedelt.

 

 
  22. 10. 1940  Vertrag über die Umsiedlung der Deutschstämmigen aus der Südbukowina und der Dobrudscha. Sie wurden bis Juli 1942 in den Reichsgauen Wartheland und Danzig-Westpreußen in Wohnungen und auf Höfen angesiedelt, deren polnische und jüdischen Besitzer zuvor deportiert worden waren; einige kamen ins »Altreich« zur Arbeit in der Landwirtschaft und in der Rüstungsindustrie, ein kleiner Teil lebte in Lagern. Beginn der Deportation der jüdischen Bevölkerung aus Baden, der Pfalz und dem Gau Saar nach Gurs in Südfrankreich. Von den etwa 6500 Menschen sterben 1050 bis Anfang März 1941. 

 

 
  April 1941  Aufteilung Jugoslawiens und Beginn der Umsiedlung der Deutschstämmigen aus Unterkrain (Gottschee), die als »Wehrbauern« (Hitler) in der Untersteiermark und in Kärnten angesiedelt werden (Ranner Dreieck). Dafür sollen die dort lebenden Slowenen nach Kroatien umgesiedelt werden. Widerstand v.a. der Gottscheer, der gewaltsam gebrochen wird. 2900 Deutsche aus Serbien und etwa 18 300 aus Bosnien werden in der Folgezeit im Raum Lodz und Lublin angesiedelt. 

 

 
  31. 10. 1941  Hitler ordnet den Masseneinsatz sowjetischer Kriegsgefangener in der deutschen Kriegswirtschaft an.

 

 
  1. 12. 1941  Erster Deportationszug von etwa 1000 Juden verlässt Stuttgart mit Ziel Riga; nur etwa 30 von ihnen erleben das Kriegsende. Die »Umsiedlungsaktionen« der Deutschen aus Südosteuropa und dem Baltikum galten bis April 1941 als abgeschlossen, obgleich noch bis 1943 v. a. aus Bulgarien Deutschstämmige umgesiedelt wurden.  
 

 

Nach: Overesch, Manfred: Das III. Reich 1939–1945. Eine Tageschronik der Politik, Wirtschaft, Kultur. Droste, Düsseldorf 1983, und: Eberl 1993, S. 67–69 

 

 

 

 

 

 

 


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