Zeitschrift

Migration

  • Glaubensflüchtlinge: Waldenser
  • Schwabenzüge nach Russland, Polen und in die Donauländer
  • Auswanderung nach Nordamerika im 18. und 19. Jahrhundert
  • Zweiter Weltkrieg - erzwungene Migration: NS-Umsiedlungsaktion Neue Heimat für die Vertriebenen
  • Migration nach Deutschland: Gastarbeiter 1955 - 2000  - Migration heute


Heft  45 - 2002

 



 

Inhaltsverzeichnis

 

Erzwungene Migration im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg

 

2. Vertriebene finden eine neue Heimat

Von Eva Maria und Wilhelm Lienert

 

Ein Vertriebener in der Rückschau über seine Vertreibung und seine Aufnahme im Ostalbkreis in Württemberg: "Die Lebenserfahrung lehrt, dass im Rückblick viele Beschwernisse der Vergangenheit viel milder erscheinen, als sie im akuten Stadium des Erlebens zu spüren waren, lange Phasen der Entbehrungen schrumpfen auf scheinbar kurze Zeiten zusammen, und mancher spätere Beobachter ist schnell mit der Phrase zur Hand, dass es ja wohl so schlimm gar nicht gewesen sein könne … Vielen Vertriebenen ist der Start von der Basis Null geglückt, die Integration gelungen, dank eigenen Fleißes, dank der Hilfe vieler. Vom Schicksal der Gescheiterten schweigt die Geschichte." Der Schwerpunkt der hier ausgewählten Materialien liegt auf dem Aspekt "neue Heimat" im Südwesten mit ausgewählten Materialien, darunter Zeitzeugeninterviews, zur Alltags- und Mentalitätsgeschichte. 

Nach der Volkszählung von 1939 lebten in den Ostgebieten Deutschlands, die nach den Verträgen von Teheran, Jalta und Potsdam abgetreten werden mussten, 9 621 000 Menschen, nahezu ausnahmslos Deutsche. In den Vertreibungsgebieten außerhalb der damaligen Reichsgrenzen lebten allein in der Tschechoslowakei 3,5 Millionen Sudetendeutsche, etwa 1,3 Millionen Deutsche im besetzten Polen, etwa 0,5 Millionen in Danzig und dem Memelland und über 2 Millionen in Rumänien, Ungarn, Jugoslawien.

Berücksichtigt man die Umsiedlungen und rechnet man die Todesopfer ab, die der Krieg und die Wirren des Kriegsendes forderten, so kann man von ca. 15 Millionen Deutschen ausgehen, die nach 1945 gezwungen wurden, ihre Heimat zu verlassen. Die Gräueltaten zu dokumentieren, die sich bei diesen "Austreibungen" abspielten, würde den Rahmen dieser Dokumentation sprengen. Berechnungen des Statistischen Bundesamtes führen zu dem Ergebnis, dass die Zahl der in Zusammenhang mit Flucht und Vertreibung ums Leben gekommenen Deutschen zwischen 2 und 2,5 Millionen liegen mag. Hiernach liegt die Zahl der Deutschen, die als Vertriebene im zerstörten Deutschland Aufnahme finden mussten, zwischen 12,5 und 13 Millionen. (Nach: betrifft: Eingliederung der Vertriebenen, S. 12-18 

 

Konflikte bei der Unterbringung

Zunächst kam es vor allem darauf an, diese Menschen unterzubringen. Hier waren die Gemeinden gefordert, es halfen Fürsorgeeinrichtungen, Wohlfahrtsverbände, vielerorts die Kirchen und auch Privatpersonen, manchmal wurden eigens "Nothilfen" gegründet. Die Menschen wurden in leerstehenden Baracken und Kasernen, in Schulen und Turnhallen untergebracht. In vielen Dörfern erfolgte die Einweisung gleich in Privathäuser, vor allem in Bauernhöfen ging dies oft problemlos vonstatten, erwartete man doch von den Neuankömmlingen, dass sie die Stelle der jetzt in ihre Heimat abwandernden Zwangsarbeiter übernähmen und auf dem Hof mitarbeiteten. Die Bild- und Textquellen (M1)-(M6) (vorzugsweise Interviews der Verfasser mit Zeitzeugen) geben davon beredt und sehr eindringlich Zeugnis. Die organisierte Verteilung und Unterbringung von Vertriebenen entwickelte sich erst allmählich und war von Besatzungszone zu Besatzungszone unterschiedlich. Vergessen werden sollte dabei nicht, dass allein in die Länder der sowjetischen Besatzungszone etwa 3 Millionen Vertriebene kamen. 

Die französische Zone weigerte sich einfach, Flüchtlinge aufzunehmen. Erst im Frühjahr 1949 wurde diese Anordnung förmlich aufgehoben. Die Amerikaner drängten am stärksten auf die Selbstverwaltung der Deutschen. In ihrer Besatzungszone (in den Ländern Bayern, Hessen und Württemberg-Baden) gab es schon im November 1945 eigene Flüchtlingsverwaltungen. Dadurch konnte die Ansiedelung und Eingliederung der Vertriebenen sehr bald planmäßig vorgenommen werden.

Im heutigen Baden-Württemberg fanden vor allem Vertreibungsopfer aus dem Sudetenland, Ungarn und Südosteuropa und in geringerem Umfang aus Schlesien Unterkunft. 1950 lag die Zahl der "Neubürger" in den drei Landesteilen bei 15,6 %. Im einzelnen: 20,6 % in Nordwürttemberg, 16,4 % in Nordbaden, 11,4 % in (Süd)Württemberg- Hohenzollern und 9,4 % in (Süd)Baden. 

1946 und 1947 kamen fast täglich Züge mit Ausgewiesenen vor allem aus der Tschechoslowakei im Westen an. Für viele dieser Menschen war die Ankunft in Deutschland eine "Befreiung", zu sehr waren sie dort durch die Benes- Dekrete in ihrem alltäglichen Leben eingeschränkt und schikaniert worden. Nachdem die Ausweisung der deutschen Bevölkerung von den Siegermächten in Potsdam beschlossen worden war, schuf Edvard Benes durch seine Dekrete die rechtliche Grundlage für die entschädigungslose Enteignung der deutschen Minderheit, die Zerstörung ihrer Kultur und gewährte sogar Straffreiheit bei Gewalttaten gegen Deutsche (vgl. S. 35).

Wie sollten die Millionen von Vertriebenen untergebracht werden - das war das drängendste Problem. Die Neuankömmlinge wurden zunächst in Sammellagern registriert und mit Papieren versehen. Hier konnten sie, nach dem langen Transport, endlich sich und ihre Wäsche waschen. 

Je nach Raumkapazität und Eintreffen des nächsten Transportes wurden diese Durchgangslager mehr oder weniger schnell geräumt, die Flüchtlinge wurden auf die umliegenden Dörfer verteilt oder in der Stadt in Wohnungen eingewiesen. Spannungen waren vorprogrammiert: einerseits besitzlose, verwahrlost scheinende Menschen, die aufgenommen werden wollten, andererseits Einheimische, die auch während der Kriegszeit kaum etwas Neues kaufen konnten, die ihren Besitz durch die Wirren des Kriegsendes "gerettet" hatten - und die nichts von dem wussten, was den Vertriebenen widerfahren war (M7). 

Und dann die unterschiedlichen psychischen Belastungen! So hatten die Vertriebenen den Verlust der Heimat und der Bindungen zu beklagen, sie hatten ihren gesamten Besitz verloren, oft bis hin zum Essbesteck (M3), sie hatten weder Ersparnisse noch Wertgegenstände. Aber auch Einheimische waren in Sorge um ihre Männer, Väter und Söhne, die an der Front gewesen waren. Bei den Vertriebenen kam hier aber eine weitere Sorge hinzu. Wie sollten die Familienangehörigen sie finden, hier in der Fremde? Wohin würden sich die aus dem Krieg Heimkehrenden wenden, was würde mit ihnen geschehen, wenn sie nach Komotau oder Brünn zurückkehrten, als ehemalige deutsche Soldaten - und wie würden sie vom Schicksal der "ausgetriebenen" Bevölkerung überhaupt erfahren? Waren inzwischen Briefe geschrieben worden, die man verpasst hatte? Fast jede Vertriebene hat diese Stunden des Wartens und Bangens erlebt, in der ständigen Ungewissheit über das Schicksal der Angehörigen. 

Doch auch praktisch war Hilfe zu leisten. In jedem Dorf war eine Wohnungskommission zu bilden, die allen "überflüssigen " Wohnraum festzustellen und zu verteilen hatte. Oft wurden hier schon Vertriebene mit einbezogen, damit diese sich selbst ein Bild von den örtlichen Verhältnissen machen konnten und ihren Landsleuten gegenüber vermittelnd auftreten würden, denn auch die Einheimischen schwelgten nicht im Luxus oder Überfluss. Jedoch war, auch bei gutem Willen aller Beteiligten, diese Unterbringung unbefriedigend und weckte den Wunsch nach einer Verbesserung, bei den Flüchtlingen vor allem nach einer eigenen, abschließbaren Wohnung (M8-M9). So entstanden in vielen Gemeinden Neubausiedlungen, oft genug in Eigeninitiative der "Neubürger", die selbst ihre Tonziegel formten und trockneten oder "ihre Straße selbst bauten", wie es in vielen Publikationen über jene Zeit heißt. Unterstützt wurden sie dabei häufig von den Aufnahmegemeinden, die Bauland zur Verfügung stellten, Holz aus dem Gemeindewald schlugen und mit der Landsiedlungsgesellschaft verhandelten, damit Kredite flossen.

 

Es ist hier im Rahmen des Themas "Vertriebene finden eine neue Heimat" nicht möglich, den schwierigen Komplex Potsdamer Protokolle - Benes-Dekrete - Recht bzw. Unrecht und Vertreibung ausführlich darzustellen. Zum Hintergrund sollten wir jedoch wissen: 

Edvard Benes war ab 1935 Staatspräsident der Tschechoslowakei. Nach dem Münchner Abkommen 1938, das auf Druck der Nationalsozialisten die Zerschlagung seines Landes vorsah, dankte der bürgerliche Politiker ab und ging ins Exil. In London trat er als rechtmäßiger Präsident der von den Nazis besetzte Tschechoslowakei auf. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges regierte Benesch mittels Dekreten, die Gesetzeskraft hatten. 18 der letztlich 143 Dekrete beschäftigten sich mit der zunehmenden Entrechtung de sudetendeutschen und ungarischen Minderheiten. 

Ihnen wurde die Staatsangehörigkeit aberkannt, ihr Eigentum wurde entschädigungslos enteignet und deutsche Einrichtungen wurden verboten. 

Die Vertreibung von rund 2,5 Millionen Sudetendeutschen war in den Dekreten nicht ausdrücklich geregelt, sondern geht auf das Potsdamer Abkommen vom Oktober 1945 zurück. 

Da Tschechien zu den Ländern gehört, die bald in di Europäische Union aufgenommen werden sollen, ist erneut ein Streit um die Benes-Dekrete entflammt. Soll Brüssel den Fortbestand der Dekrete im EU-Beitrittsvertra "sichern", wie liberal-konservative bürgerliche Politiker in Tschechien fordern, während in Deutschland die Vertriebenen-Präsidentin Erika Steinbac betont, der Ungeist dieser Dekrete dürfe nicht in die EU einziehen. Die radikalste Forderung mancher Vertriebene geht dahin, die Dekrete rückwirkend ("e tunc") aufzuheben, gemäßigtere Kräfte fordern lediglich die Aufhebung für die Zukunft ("ex nunc"). Di Ersteren fordern eine prinzipielle Aufhebung der Dekrete, pochen auf Entschädigungen und verlangen von Prag die Übernahme der Verantwortung für die Vertreibung und die in ihrem Zuge begangenen Verbrechen; die Letzteren hoffen auf eine versöhnliche Geste von Seiten der Tschechen. 

Das Europäische Parlament hat bei drei international anerkannten Rechtsexperten ein Gutachten in Auftra gegeben, das prüfen soll, ob die Dekrete mit EU-Recht vereinbar sind. 

Nach Werner Birkenmaier, in: Stuttgarter Zeitung, 18. Mai 2002, S. 5 und Walter Rzepka (bis 1997 Generallandesanwalt in Bayern), die tageszeitung, pfingsten 2002, S. 5 

Das Gutachten liegt seit Anfang Oktober 2002 vor. 

Aus Brüssel wird gemeldet: "Die umstrittenen Benes-Dekrete werden kein Hindernis für die Aufnahme Tschechiens in die Europäische Union sein. 

[…] Unter Federführung des Heidelberger Professors Frowein kommen die Gutachter zu dem Schluss, dass das EU-Recht, das von Tschechien bei einem Beitritt übernommen werden muss, nicht auf die Geschehnisse der Vergangenheit angewendet werden kann. 

Nach: Stuttgarter Zeitung vom 1. 10. 2002, S. 4(Red.)

 

Arbeitsplätze

Arbeit zu finden war eines der geringsten Probleme der damaligen Zeit. Jeder und jede versuchte, sich zu beschäftigen, etwas zu verdienen. Frauen und Kinder waren gern eingesetzte Helfer in der Landwirtschaft, zumal sie mit Naturalien bezahlt werden konnten. Adäquate Arbeitsplätze standen für die Vertriebenen aber nirgends zur Verfügung. Die ehemals selbstständigen Landwirte konnten nur in den seltensten Fällen wieder einen Bauernhof übernehmen, woher sollte man für sie Grund und Boden nehmen? Und als Knecht bei einem Bauern hielt es kaum einer lange aus, zu groß waren die psychischen Belastungen. So zog es viele als ungelernte Arbeiter in die Städte und auch viele junge Menschen, die durch die Kriegswirren ohne Lehre ins erwerbsfähige Alter hineingewachsen waren, sahen in der Fabrikarbeit ein sicheres Auskommen. Schließlich konnte in einem zerstörten Land alles gebraucht werden, und das größte Problem der Firmen war nicht der Absatz, sondern die Rohstoffbeschaffung. 

Viele der Vertriebenen, die einst selbstständige Kaufleute und Unternehmer waren, fanden sich nun in einem landwirtschaftlich geprägten Raum wieder und versuchten, sich so schnell wie möglich wieder selbstständig zu machen. Zahlreiche der inzwischen gesammelten Lebensberichte muten bezüglich der Produktionsstätten, der Materialbeschaffung und vor allem der Transportsmittel recht abenteuerlich an. Nahezu jede Gemeinde bietet Beispiele für Betriebsgründungen, vom Handwerker bis zur Firma mit Weltruf. 

Einzelne Industriezweige, wie die in der Vorkriegszeit weltweit operierende Gablonzer Glas- und Schmuckwarenindustrie versuchten einen Neuaufbau ihres Wirtschaftsgeflechts. Neugablonz in Bayern, Schwäbisch Gmünd in Württemberg und Karlsruhe in Baden waren die Hauptorte ihrer Bemühungen.

Mit Gründung der Bundesrepublik schuf der Staat zunehmend bessere Voraussetzungen für die beruflich Eingliederung der Vertriebenen. Beamten wurde die Wiedereinstellung in den Staatsdienst ermöglicht, für Firmengründungen wurde finanzielle Unterstützung gewährt, zinsgünstige Darlehen bereitgestellt und durch das Lastenausgleichsgesetz eine geringe Entschädigung für die erlittenen Vermögensverluste geboten. Fazit bleibt dennoch, dass die meisten Vertriebenen viele Jahre lang unter ihrer früheren beruflichen Position beschäftigt waren und große Einkommenseinbußen hinnehmen mussten Viele Vertriebene mussten den Aufbau ihrer selbstständige Existenz unter großen Opfern durchführen.

 

Religion und Brauchtumspflege

Bis zum Kriegsende war, trotz aller Evakuierten und "Fremdarbeiter" (Zwangsarbeiter), die Struktur der dörflichen Welt weitgehend unverändert geblieben. Die Einweisung von Flüchtlingen nahm nun keinerlei Rücksicht auf die gewachsenen religiösen Strukturen der Gemeinden. In den protestantischen Landstrichen des alten Königreichs Württemberg wurden die österreichisch-katholischen Sudetendeutsche angesiedelt, in ehemals katholischen Reichsstädte fanden sich pietistisch orientierte Rückkehrer au der Batschka oder der Walachei. So entstanden vielerorts neue Kirchengemeinden, die altehrwürdigen Pfarrkirchen vieler Dörfer wurden für die Gottesdienste beider Konfessionen genutzt, neue Feiertage wie das Reformationsfes oder Christi Himmelfahrt fanden Eingang ins Bewusstsein der gesamten Bevölkerung. Doch auch ihr Brauchtum brachten die Vertriebenen mit: Sternsinger, Fasching, das Aufstellen von Maibäumen, Sonnwendfeuer und Kirchweihfeste (Kiritog) wurden neue Termine im Jahreslauf. 

Viele Gemeinden übernahmen Patenschaften, so Schwäbisch Gmünd für die Brünner oder Geislingen an der Steige für die Südmährer, und richteten solche Heimattreffen aus. 

 

Politische Eingliederung

Von den Alliierten, namentlich den Amerikanern, wurde größter Wert darauf gelegt, die Vertriebenen nicht zu einer Minderheit in ihrer neuen Heimat werden zu lassen. Zahllose Verwaltungsanordnungen beschäftigten die neuen Landräte und Bürgermeister, gingen aber an den tatsächlich Betroffenen, den Vertriebenen selbst, meist unbemerkt vorüber. Sie stellten allenfalls fest, dass keine zwei Transporte aus einer Stadt dasselbe Zielgebiet erreichten, doch auch diese Maßnahme wurde teilweise gezielt unterlaufen (z. B. die Ansiedlung der Gablonzer Industrie in Schwäb. Gmünd). Dabei war die Idee der Zwangsintegration durchaus positiv zu sehen. Die "Neubürger" waren Deutsche wie die Einheimischen, eine Rückkehr in ihre alte Heimat war in den Verträgen von Teheran, Jalta und Potsdam ausgeschlossen worden. Also sollten Alt- und Neubürger von vornherein gleichberechtigt miteinander leben, sich gemeinsam am Aufbau des neuen Deutschland beteiligen. Allerdings unterschätzten die Amerikaner die Mentalität der Menschen, die landschaftlich geprägten Unterschiede, die bei Dialekt und Religion anfingen und natürlich auch die jeweiligen Besitzverhältnisse der Menschen. Während die Vertriebenen mit Nichts ankamen, hatten die Badener und Württemberger ihre Güter, ihre Höfe oder zumindest ihre Wohnungen. Zerstörung durch Kriegseinwirkung war nur in manchen Gebieten vorgekommen; selbst hier waren die Menschen oft vorher evakuiert worden und hatten doch noch die nötigen Gebrauchsgegenstände mitnehmen können. 

Die Vertriebenen sahen sehr schnell die Notwendigkeit, sich zusammenzuschließen, um ihre Interessen zu vertreten. Wenngleich bei den ersten Wahlen offiziell keine Listen der Vertriebenen zugelassen waren, schafften sie meist eine Repräsentanz auf lokaler Ebene, also in den Gemeinderäten. Und nachdem die Alliierten den Vertriebenen nach Kriegsende noch verboten hatten, sich politisch zu organisieren, erlaubte die Bundesrepublik 1949 die Gründung des BHE (Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten), der an Wahlen teilnehmen konnte, oder auch im Bundestag vertreten war und Regierungsverantwortung trug. In vielen Stadträten war diese Gruppe als Interessenvertretung bis in die 70er-Jahre zu finden - in Schwäbisch Gmünd saßen sogar noch bis 1989 BHE-Stadträte im Gemeinderat. Die Verkündung der Charta der Heimatvertriebenen in Bad Cannstatt 1950 ( abgedruckt in: Zeitschrift D&E Heft 43/44, 2001/2002, S. 13) ist sicherlich der früheste Schritt zu einem dauerhaften Arrangement mit der Zukunft gewesen. 

In einer für den deutschen Südwesten aber entscheidenden Frage erwiesen sich die Vertriebenen als politische Macht, ganz in dem Sinne, wie es sich die Amerikaner gewünscht hätten. Bei der Gründung des Landes Baden- Württemberg in seiner heutigen Form waren es die Neubürger, die, frei von traditionellen Bindungen und gegenseitigen Animositäten der alteingesessenen Bevölkerung, die Chancen erkannten, die ein größeres Gemeinwesen brachte. Zu künstlich war die Zersplitterung in die drei Länder gewesen, im Norden waren Badener und Württemberger ohnehin in einem Land vereint. So waren die Sprecher des BHE vor der Volksabstimmung 1951 viel im Land unterwegs, um bei ihren Landsleuten für das neue Land zu werben - mit Erfolg, wie man heute weiß. Insgesamt kamen 1,2 Millionen Vertriebene nach Baden-Württemberg, jede(r) Vierte im deutschen Südwesten stammt aus einer Vertriebenenfamilie. 

Die Integration der Vertriebenen gilt heute als gelungen, die Geschichte hat die Unterschiede zwischen "Alt- und Neubürgern " geglättet. Durch den Zustrom von "Spätaussiedlern " seit den 80er-Jahren fand das Thema "Integration der Vertriebenen" besonders in den Schulen neues Interesse. Vor allem durch die Möglichkeit der Zeitzeugenbefragung und das vorhandene vielfältige Fotomaterial eröffnen sich für den Unterricht neue Zugänge. Dabei lassen sich vielfältige Methoden praktizieren, wie Rollenspiel und Lerntheke, gestaltpädagogischer Ansatz und "Oral History", lokalgeschichtliche Quellenarbeit oder Ausstellungen. 

 

Literatur

Angekommen - Angenommen? Flucht und Vertreibung 1945-1995, Hrsg. von: Haus der Heimat des Landes Baden- Württemberg, Weinmann, Filderstadt 1996 

Beer, Matthias: Flüchtlinge und Vertriebene im deutschen Südwesten nach 1945. Eine Übersicht der Archivalien in den staatlichen und kommunalen Archiven des Landes Baden-Württemberg. Sigmaringen 1994 

Der Bundesminister des Innern (Hrsg.): betrifft: Eingliederung der Vertriebenen, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigten. Bon 1982

Innenministerium Baden Württemberg (Hrsg.): Flucht, Vertreibung, Eingliederung. Baden-Württemberg als neue Heimat. Begleitband zur Ausstellung (bearb. von Immo Eberl). Sigmaringen 1993 

Lienert, Eva und Wilhelm: Die Eingliederung der Heimatvertriebenen in Schwäbisch Gmünd unter besonderer Berücksichtigung der Vertriebenen aus dem Sudetenland. In: Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (Hrsg.): Zeugen des Wiederaufbaus. Villingen-Schwenningen 1985, S. 163-238 

Schwarz, Sepp (Hrsg.): Drei Jahrzehnte. Die Heimatvertriebenen in Baden-Württemberg. Stuttgart 1975 

Wagnerová, Alena: 1945 waren sie Kinder. Flucht und Vertreibung im Leben einer Generation. Kiepenheuer & Witsch, Köln 1990 (In 15 Interviews befragt die tschechische Autorin Deutsche nach ihren Erinnerungen an die Zeit der Flucht und Vertreibung). 

Lokalgeschichtliche Veröffentlichungen (auch Unterrichtsprojekte mit Schülern) in den Archiven oder bei den Stadtverwaltungen von Aalen, Bad Friedrichshall, Bad Mergentheim, Biberach, Bietigheim- Bissingen, Böblingen, Bretten, Bruchsal, Buchen (Abt-Bessel- RS), Eberbach/N. (Hohenstaufen-Gymn.), Eislingen/Fils, Esslingen, Filderstadt, Freiberg/Neckar, Freiburg/Br., Gerlingen, Giengen/ Brenz, Güglingen, Heilbronn, Heubach, Karlsruhe, Kirchheim/Teck, Knittlingen, Leinfelden-Echterdingen, Ludwigsburg, Mosbach, Neckarsulm, Nürtingen, Offenburg, Rastatt, Rheinau, Schorndorf, Schwäbisch Gmünd, Schwäbisch Hall, Ulm, Villingen-Schwenningen, Waiblingen, Walldürn, Weinsberg, Wendlingen, Wertheim. 

 

     

Tipps zum Weiterlesen und Spurensuchen:

 
 
  •  
Die Landeszentrale für politische Bildung Baden- Württemberg veröffentlichte in ihrer Zeitschrift , Heft 43-44/2002 mit dem Titel "Europa in Baden-Württemberg: 50 Jahre - ein Panorama" einen Beitrag zur Integration der Ostflüchtlinge im deutschen Südwesten mit Karten, Statistiken und Bildern. 

(Vgl. auch www.lpb-bw.de/publikationen.htm

 

 
 
  •  
Flucht, Vertreibung, Gefangenschaft und Wiedereingliederung 1945-1955. Heft 11 in der Schriftenreihe des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. Landesverband Baden-Württemberg. Hrsg. in Zusammenarbeit mit der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg. Konstanz/Stuttgart 1999 

 

 
 
  •  
Das Haus der Heimat des Landes Baden-Württemberg gibt in Zusammenarbeit mit dem Innenministerium Baden-Württemberg Ende 2002 heraus: Umsiedlung, Flucht und Vertreibung der Deutschen als internationales Problem - Zur Geschichte eines europäischen Irrwegs. Stuttgart 2002 (92 S.)   
   

(Red.)

 

 

 

 

 


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