Zeitschrift

Migration

  • Glaubensflüchtlinge: Waldenser
  • Schwabenzüge nach Russland, Polen und in die Donauländer
  • Auswanderung nach Nordamerika im 18. und 19. Jahrhundert
  • Zweiter Weltkrieg - erzwungene Migration: NS-Umsiedlungsaktion Neue Heimat für die Vertriebenen
  • Migration nach Deutschland: Gastarbeiter 1955 - 2000  - Migration heute


Heft  45 - 2002

 



 

Inhaltsverzeichnis

 

Erzwungene Migration im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg

 

Materialien

 

M1  Vertreibung und Ankunft in Deutschland 

Der Zug wurde zuplombiert und am nächsten Morgen war die Abfahrt. Nach vier Tagen Fahrt (mit vielen Aufenthalten unterwegs) kamen wir in Furth im Wald an. Zur Begrüßung gab es Rübensuppe. Einen Tag später, an einem Sonntag Morgen um 9 Uhr, war die Ankunft auf dem Güterbahnhof in Schwäbisch Gmünd. 

Nach langem Palaver wurden wir ausgeladen und in der Parler-Turnhalle untergebracht. Der Lagerverwalter begrüßte uns mit einer großen Rede: "Wir werden euch den Brotkorb höher hängen … früher haben wir solche wie euch mit der Musikkapelle abgeholt, aber heute haben wir genügend von euch … ihr hättet doch nicht davonlaufen brauchen." Die Unterbringung erfolgte getrennt nach Männern und Frauen in den Klassenzimmern des Parlergymnasiums. … Fünf Personen erhielten pro Tag ein Kilo Brot. Das Essen im Lager war sehr schlecht, man konnte es nur mit viel Hunger essen. Meist gab es Lauchsuppe mit fingerlangen Stücken von ungewaschenem Lauch, so dass beim Essen der Sand zwischen den Zähnen knirschte. Mehrfach wurden im Hof des Gymnasiums Impfungen durchgeführt. Viele Leute haben vom Impfen große Beulen bekommen, weil sie unzureichend ernährt waren. 

Interview der Verfasser mit Frau Adolfine Mück aus Bärn (Ostsudeten), abgedruckt in: Schnabel, Thomas: Zeugen des Wiederaufbaus. Villingen-Schwenningen 1985, S. 219 ff. 

 

M2 Ankunft der Vertriebenen am Bahnhof in Seckach bei Buchen im Neckar-Odenwald-Kreis

© Archiv des Jugenddorfes "Klinge" in Seckach bei Buchen im Neckar-Odenwald-Kreis

 

M3  Unterbringung auf dem Dorfe 

Nach vierzehn Tagen, im Oktober 1946 wurden wir auf die Dörfer verteilt. Durch den Bürgermeister von Deinbach wurden wir (meine Schwägerin, ich und meine kleine Tochter) in einen Bauernhof in Pfersbach eingewiesen. Die Bauern waren ganz aufgeregt, weil sie fremde Leute ins Haus bekamen, wahrscheinlich hatten sie Angst vor Diebstählen. Sie hielten uns für Zigeuner, bis sie gesehen haben, dass wir auch arbeiten können und anständige Leute sind. Dur Rot-Kreuz-Spenden, die in Deinbach von einem Vertriebenen verteilt wurden, wurden wir mit Kleidung (alten Mänteln, alten Hosen, alten Kleidern) und Hausrat notdürftig versorgt. Ich bekam einen Teller, eine Gabel, ein Messer, mit dem wir später zu dritt auskommen mussten. Schon bei dieser Verteilung gab es Drängeleien und Ungerechtigkeiten. Auf dem Hof bekamen wir ein Zimmer, ca. 3 m auf 3 m. In diesem Zimmer haben wir gekocht, gewaschen, geschlafen. Um Essen zu bekommen, haben wir freiwillig auf dem Hof geholfen. … Die Bäuerin, bei der wir waren, war auch Kriegerwitwe, und wenn wir uns unterhalten wollten, holte sie immer ihre Schwester als Dolmetscherin. Natürlich suchten wir bald nach unserer Ankunft in Deutschland nach meinem Sohn (7 Jahre), von dem wir seit Februar 1945 nichts mehr gehört hatten. Er war im September 1944 in Glaserhau eingeschult und sofort mit einem Transport nach Österreich in ein Lager verschickt worden. Das erste halbe Jahr hatten wir noch brieflich Kontakt mit dem Rektor, aber dann mussten auch wir Glaserhau verlassen. Von einem früheren Dorfgenossen bekamen wir nun die Adresse des Lehrers und über diesen erfuhren wir dann die Adresse des Kindes. Er war von Österreich im September 1945 nach Bad Reichenhall verlegt worden, und dort hat ihn meine Schwägerin dann im Dezember 1946 mit der Bahn abgeholt. Mit zerrissenen Kleidern und halb barfuß kam er in Pfersbach an. Er hatte großen Hunger gelitten und die ersten vierzehn Tage nur gefressen. 

Da ich wegen der Kinder nicht in die Fabrik gehen konnte, haben wir auch weiterhin bei den Bauern gearbeitet und in der Erntezeit haben auch die Kinder mitgeholfen. Wenn der Sohn mit seinen neun Jahren abends mit einem Stück Brot vom Bauern zurückkam, hat er schon durchs Fenster gerufen: "Schau mal, ich hab ein Stück Brot gekriegt!" Darüber waren wir schon glücklich. Ich lebte von der Sozialrente und dem Geld, das ich beim Bauern verdiente. 

Interview der Verfasser mit Frau Maria Michele aus Glaserhau (Slowakei), in: Schnabel, Zeugen, S. 217-218 

 

M4  Verteilung der Vertriebenen in Kleinsachsenheim 

Einweisung der Flüchtlinge in ihr neues Heim durch den Bürgermeister in Kleinsachsenheim. Kreis-Medienzentrum Ludwigsburg. Landratsamt

 

M5  Organisation der Nothilfe

"Wir haben Lager für 6000 Menschen gegründet, Gmünd war eine Durchgangsstadt. Ankommende Flüchtlingstransporte wurden zuerst von meinem Mann begrüßt, zunächst im Namen der Stadt als Flüchtlingskommissar, später als Oberbürgermeister. Dann wurde jeder Flüchtling von einem Arzt zwar nicht untersucht, aber doch angesehen, ob er lagerfähig sei. Dazu haben wir eine Ärztekommission gebildet. Mit requirierten Bussen wurden die Flüchtlinge dann in eines der Lager gebracht. Der Aufenthalt dauerte ca. 10-14 Tage, die Flüchtlinge sollten sich vom Transportschock erholen, wegen der Weiterverschickung wurden die Berufe registriert, das gehörte zum Aufnahmeverfahren im Lager. 

Im Herbst 1945 haben die Amerikaner eine große Kleidersammlung durchgeführt. Die gesamte Bevölkerung musste dafür ein größeres Kleidungsstück (Mantel, Anzug) abgeben. Die Amerikaner nahmen zunächst für die DPs (Displaced Persons) was sie brauchten, den Rest haben wir uns dann erbettelt, schließlich waren wir schon beim Einsammeln dabei. Somit hatten wir für die Flüchtlingstransporte Vorräte. 

Das Zusammentragen der Lebensmittel war eines der größten Probleme, denn die Lebensmittelmarken reichten doch nicht aus! Einmal sind Frau M. und ich allein mit einem LKW nach Bayern gefahren, um Kartoffeln zu holen. Nur das Benzin zu beschaffen war damals schon ein Problem. Auf dem Gut eines befreundeten Großgrundbesitzers bekamen wir eine LKW-Ladung Kartoffeln, das reichte dann wieder für eine Weile. 

Mit der Währungsreform hörte die Nothilfe auf, Ende September 1948 lief unsere Tätigkeit aus. Von der Nothilfe haben wir Wärmestuben eingerichtet, Schulspeisungen mit Lebensmitteln von den Amerikanern organisiert, ein Kinderheim und zwei Altenheime gegründet, Nähstuben und eine Hausschuhmacherei eingerichtet und eine Schuhtauschzentrale organisiert. Wir haben versucht, die Flüchtlinge mit allem zu versorgen, was sie brauchten. Mein Mann "erfand" den Flüchtlingsausweis, der dann auf Landesebene, später bundesweit eingeführt wurde." 

 

M6  Mit dem Koffer auf dem Bett leben

Abbildung aus: Im Schwabenland eine neue Heimat gefunden. Nürtingen 1989, S. 51.

© Caritasverband der Diözese Rottenburg-Stuttgart 

 

M7  Wohnen bei anderen Leuten

Nach ca. 3-4 Wochen im Lager bekamen wir eine Wohnung Ecke Lessing-/Haußmannstraße. Uns wurde das ehemalige Wohnzimmer (ca. 20 qm) im ersten Stock und eine Dachkammer zugewiesen. Dort konnten wir aber nur die Betten für unsere beiden ältesten Kinder stellen. Die Miete betrug 45 RM, das entsprach einem Wochenlohn. Für die Familie mit damals drei Kindern musste auf einem Sparherd gekocht werden, wenn die Gnädigste es gestattete, durfte meine Frau eine Flamme auf ihrem Herd mitbenutzen. Zu Geburtstag hat sie meiner Frau gestattet, in dem Badewasser, aus dem sie gerade entstiegen war, zu baden. Der Mann hat sich immer wieder für das Verhalten seiner Frau entschuldigt, aber sie war eben eine Xanthippe. 

Interview der Verfasser mit Herrn Josef Janota, Gründer des Hilfsverbandes in Schwäb. Gmünd und von 1950-1964 Landtagsabgeordneter des BHE (später SPD), aus: Schnabel, Zeugen, S. 206-208 

 

M8   Frauen formen von Hand 40 000 Hohlblocksteine, die an der Luft getrocknet werden
Abbildung aus: Zeugen des Wiederaufbaus, S. 163

(Foto: Josef Janota) 

 

M9  Bau eines Eigenheims

1951 äußerte ich gegenüber dem Bürgermeister Bauabsichten, wenn er mir schon keine Wohnung zuweisen könne. Ich war sehr überrascht, dass er mir ohne Zögern eine Parzelle zuwies: "Aber die ist noch nicht vermessen. " Da ging ich zum Vermessungsrat Lang. Der war gerade eine Woche verheiratet. Ich erzählte seiner Frau mein Schicksal und bat sie um ihre Hilfe. Herr Lang forderte mich auf, am kommenden Donnerstag Grenzsteine und ein Vermessungsgerät mitzubringen und ihn auf der Parzelle zu erwarten. Nachdem er 4 von 5 Grenzsteinen gesetzt hatte, kam der Bürgermeister und wollte eingreifen. Herr Lang ließ sich aber nicht abhalten und setzte mir den letzten Stein. Der Bürgermeister schimpfte, dass andere Jahre auf die Vermessung warten müssten. "Das wollte ich eben vermeiden, so lange habe ich nicht Zeit", entgegnete ich. Vom Kreisbaumeister, den ich noch von meiner Zeit in der Baufirma (ich hatte dort von 1946-1948 die Buchhaltung gemacht) her persönlich kannte, ließ ich mir für 129 Mark einen Bauplan sofort genehmigen und brachte ihn persönlich beim Herlikofer Bürgermeister vorbei. Es pressierte uns, denn mein Mann wollte am 1. Mai mit dem Ausheben der Baugrube beginnen. Nun stand mir noch ein Besuch beim Landrat wegen der Bezugsbewilligungen für das Baumaterial bevor. Ich besaß ein einziges besseres Kleid, das ich bei solchen Besuchen immer trug. Da ich auch ihn schon persönlich kannte, bekam ich die nötigen Bezugsscheine. Vom Landrat aus ging ich zur Kreissparkasse. Dort saß eine frühere Mitbürgerin aus der alten Heimat. Bei ihr erkundigte ich mich nach dem für Kredite zuständigen Herrn - die Zinsen lagen damals bei 10 %. Der Direktor hielt mich für verrückt. Ich sagte ihm: "Ich habe hier schon viele Kriegsruinen gesehen, aber noch keine Bauruine eines Sudetendeutschen, der nicht in sein Haus hätte einziehen können." Den Kredit bekam ich dann auch. 

Das Haus haben wir, mein Mann und ich, gemeinsam gebaut, hier ist keine Schaufel Mörtel, die wir nicht selbst hergeschleppt haben. Im Herbst 1951 sind wir ins eigene Haus eingezogen - zuerst nur in einige Zimmer, aber es ging. Als das Haus dann fertig war, haben wir es durch die Kommission abnehmen lassen - und da hat uns der Bürgermeister vier Personen, die eine Wohnung suchten, eingewiesen! Aber mein Schwager hat dann auch gebaut und diese Leute als Mieter in sein neues Haus übernommen.

Interview der Verfasser mit Frau Adolfine Mück aus Bärn (Ostsudeten), die in Herlikofen bei Schwäb. Gmünd untergekommen war, aus: Schnabel, Zeugen, S. 221

 

 


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