Zeitschrift

Rhône-Alpes

Partnerregion von Baden-Württemberg


Heft  48 - 2004

Hrsg.: LpB


 

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Wer fährt schon nach Rhône-Alpes

Eine seltsame Frage, und doch ist sie berechtigt. Denn wer an Frankreich denkt, der denkt sofort an Paris, den Dreh- und Angelpunkt unseres Nachbarlandes. Die meisten, die von Frankreich reden, erwähnen die erlesenen Weine aus Burgund oder Bordeaux, schätzen den Champagner, die französische Küche, Parfum und Mode. Wer im Sommer Urlaub in Frankreich macht, der fährt an die Strände der Normandie, der Bretagne, der landes oder des Mittelmeeres. Im Winter jedoch fahren nicht wenige in die bekannten Skigebiete der Alpen wie L’Alpe-d’Huez, Les Deux-Alpes, La Plagne, Tignes, ohne allerdings daran zu denken, dass sie sich dort in der Region Rhône-Alpes aufhalten.
Paris, die Normandie, die Bretagne, die Provence, Burgund, die Schlösser der Loire, das sind bekannte Gebiete. Der Eiffelturm, die Kathedrale von Chartres, der Mont Saint-Michel, das Schloss von Chambord oder die Lavendelfelder der Provence locken Besucher an. Zahlreich sind Straßen und Plätze, die in französischen Städten die Namen der oben genannten Landschaften tragen.

Spricht man Reisende auf Lyon an, dann erinnern sie sich sofort an die unangenehmen Staus beim Tunnel de Fourvière, der jahrzehntelang das große Nadelöhr auf der Autobahn in den sonnigen Süden war, bis dann vor wenigen Jahren die Ostumfahrung von Lyon eröffnet wurde. Die südlich von Lyon gelegenen Industrieanlagen taten das ihre, um die Hauptstadt von Baden-Württembergs französischer Partnerregion als weniger attraktiv erscheinen zu lassen.

In den Reiseführern spiegelt sich diese der Region zugewiesene Nebenrolle wider: Es gibt keinen deutschen Reiseführer zu Rhône-Alpes, sondern nur zu Savoyen, zum Rhônetal, zur Dauphiné. Diese Feststellung gilt auch für die Reiseführer von Michelin. Wer sich über die Abteikirche von Brou informieren will, muss bei Burgund nachlesen, wer etwas über die Chauvet-Grotte in den Ardèche-Schluchten sucht, muss den Grünen Reiseführer der Provence heranziehen. Die Reiseführer sind also noch nach historischen oder geographischen Einheiten (Dauphiné, Savoyen bzw. Rhônetal) gegliedert. Eine wirkliche Ausnahme stellt bis jetzt der französischsprachige Reiseführer Rhône-Alpes im Verlag Hachette dar.

»Im Flug« über die Partnerregion

Wussten Sie, dass die Region Rhône-Alpes

  • mit 43 698 km2 flächenmäßig die zweitgrößte Region Frankreichs und damit größer ist als Staaten wie die Schweiz, Belgien oder die Niederlande?
  • mit 5,6 Millionen Einwohnern hinter der Ile-de-France an zweiter Stelle in Frankreich steht und mit Dänemark oder Finnland vergleichbar ist?
  • unter den 22 französischen Regionen in wirtschaftlicher Hinsicht hinter der Ile-de-France den zweiten Rang einnimmt?
  • zu den zehn größten europäischen Regionen gehört?
  • gemeinsame Grenzen mit der Schweiz und Italien mit teilweise französischsprachiger Bevölkerung hat, im Süden an die Provence grenzt, im Westen an die Auvergne und im Norden an Burgund?
  • eine Drehscheibe im europäischen Verkehrsnetz darstellt?
  • auf ihrem Gebiet den Montblanc, mit 4810,40 Metern Höhe (jüngstes Messergebnis dank eines Satelliten) der höchste Berg Europas, Chambéry, die frühere Hauptstadt des Herzogtums Savoyen sowie das berühmte Weinbaugebiet des Beaujolais beherbergt und für die Herstellung von Nougat (Montélimar) berühmt ist?

       

  • ein Netz von Universitäten und Hochschulen besitzt, an denen nahezu 200 000 Studenten, davon etwa 110 000 im Großraum Lyon, ausgebildet werden, und inzwischen auch Sitz französischer Eliteschulen, der Écoles Normales Supérieures, ist?
  • viele Forschungseinrichtungen aufweist, in denen 20 000 Wissenschaftler arbeiten?
  • etwa ein Drittel des französischen Stroms erzeugt?

Man kann mit interessanten Informationen fortfahren:

  • Interpol hat in weltweiter Verbindung mit 181 Staaten seit 1989 seinen Sitz in Lyon.
  • Am 19. Dezember 1994 entdeckten Jean-Marie Chauvet und zwei Freunde im Tal der Ardèche eine inzwischen weltberühmte Grotte mit einer wahren Bildergalerie von Tierzeichnungen, die über 30 000 Jahre alt sind. Diese Chauvet-Höhle ist jedoch für die Öffentlichkeit nicht zugänglich, um sie möglichst unbeschädigt der Nachwelt zu erhalten.
  • Hannibal zog im Jahre 218 v. Chr. mit etwa 50 000 Soldaten und 37 Elefanten von der Rhône kommend das Drôme-Tal aufwärts, um die Alpen zu überqueren und nach Oberitalien einzufallen.
  • Die Waldenser, die vor rund 300 Jahren in Frankreich wegen ihres Glaubens vertrieben und auch in Baden und Württemberg aufgenommen wurden, führen ihre Religion auf Petrus Valdes zurück, einen ursprünglich reichen Kaufmann aus Lyon (um 1200).
  • Im Jahre 1808 erreichte die Französin Marie Paradis eher zufällig als erste Frau den Gipfel des Montblanc. Erst 30 Jahre später erstieg eine wirkliche Alpinistin, Henriette d’Angeville, als zweite Frau den Gipfel des Berges.
  • Dreimal fanden Olympische Winterspiele hier statt: 1924 in Chamonix, 1968 in Grenoble und 1992 in Albertville.
  • Abel Rossignol begann im Jahre 1911 mit der Herstellung eigener Skier. Die Firma ist heute die Nummer eins auf diesem Gebiet.
  • Am 1. Juli 1903 startete im Pariser Vorort Villeneuve-Saint-Georges die erste Tour de France, deren erste Etappe über 467 Kilometer nach Lyon führte und die der eingebürgerte Italiener Maurice Garin in der Zeit von 17 Stunden 45 Minuten gewann. Dies entspricht einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 26,3 km/h. Nach dem Start eilte der offizielle Zeitnehmer in Paris sofort zum Bahnhof, um mit dem nächsten Zug nach Lyon zu fahren, damit er dort die Zeit bei der Ankunft der Fahrer nehmen konnte.
  • Sechs regionale Naturparks auf 650 000 Hektar, was etwa zehn Prozent der Gesamtfläche entspricht, befinden sich in der Region: Vercors, Chartreuse, Pilat, Massif des Bauges, Haut-Jura und Monts d’Ardèche.
  • 1789 wurde die Quelle des weltbekannten Evian-Wassers entdeckt. Etwa 15 Jahre dauert es, bis das Schmelz- oder Regenwasser hoch von den Alpen durch das Gestein hindurch bis zur Quelle gesickert ist.
  • Im Jahre 1901 wurden insgesamt acht Millionen Flaschen abgefüllt, heute sind es täglich fünf bis sechs Millionen Liter.
  • In der Gemeinde Hauterives (Drôme) befindet sich eine außerordentliche Sehenswürdigkeit, das Palais Idéal, in unermüdlicher Arbeit zusammengebaut von dem Briefträger Ferdinand Cheval (1836–1924). Es gibt nichts Vergleichbares. Cheval legte jeden Tag beim Zustellen 32 Kilometer zurück, immer in Gedanken an sein Palais Idéal. Warum? Eines Tages war er über einen Stein gestürzt. Er hob ihn auf und bewunderte seine Schönheit. Von dem Zeitpunkt an sammelte er 33 Jahre lang jede Art von mehr oder weniger großen Steinen, meist Kieselsteine, und baute mit ihnen ohne fremde Hilfe Gebäudeteile, Grotten, Figuren, Menschen, Tiere und rankende Pflanzen zu einem Ganzen zusammen, das schließlich 23 Meter lang, bis zwölf Meter breit und zwischen sieben und elf Metern hoch wurde. Von keinem Geringeren als André Malraux wurde der Palais Idéal 1969 zum monument historique erklärt. Er ist ein touristischer Leckerbissen, der inzwischen sogar als Kulisse für sommerliche Musikveranstaltungen dient.

Im Jahre 1998 wurde der historische Teil von Lyon von der UNESCO ins Weltkulturerbe aufgenommen, worauf die Stadt sehr stolz ist. Im Rathaus von Lyon weist eine Tafel im Eingangsbereich darauf hin:

L’UNESCO, LE 5 DÉCEMBRE 1998,
A INSCRIT LE SITE HISTORIQUE DE LYON
SUR LA LISTE DU PATRIMOINE MONDIAL
DE L’HUMANITÉ
AU TITRE DE LA CONVENTION
POUR LA PROTECTION
DU PATRIMOINE MONDIAL CULTUREL ET NATUREL
EN PRÉSENCE DE
M. FEDERICO MAYOR,
DIRECTEUR GÉNÉRAL DE L’UNESCO
ET DE M. RAYMOND BARRE, ANCIEN PREMIER
MINISTRE, DÉPUTÉ-MAIRE DE LYON.
LYON, LE 26 MARS 1999

 

Erläuterung
Fast ein Viertel der Bevölkerung von Lyon lebt auf einem Gebiet, das von der UNESCO am 5. Dezember 1998 zum Weltkulturerbe erklärt wurde. Dazu gehören:
  • der Hügel Fourvière vor allem wegen der römischen
    Baudenkmäler
  • das Renaissance-Viertel von Vieux-Lyon auf dem
    rechten Saône-Ufer
  • die Halbinsel zwischen der Saône und der Rhône
  • die Hänge des Seidenweberviertels Croix-Rousse

Lyon wurde in die Kategorie »Stadtgebiete« eingewiesen, mit der neben Lyon bisher nur Venedig, St. Petersburg, Prag und Porto ausgezeichnet wurden. Die Stadt Lyon und ihre Bewohner sind sehr stolz auf diese Auszeichnung. Mit einer großen Werbeaktion über Internet, Zeitungen, Zeitschriften und Karten wurde auf nationaler und internationaler Ebene eine Werbeaktion durchgeführt, die bereits nach einem Jahr einen um 20 Prozent größeren Touristenstrom mit sich brachte.

 

Mit der Bahn von Straßburg nach Lyon – eine Fahrt durch die Geschichte

Bis zur Eröffnung einer Schnellbahnstrecke zwischen Straßburg und Lyon werden noch Jahre ins Land gehen (‹ vgl. Kapitel »Europäische Drehscheibe des internationalen Verkehrs«). Der Reisende kann bis dahin die Schönheiten der alten Streckenführung bewundern, insbesondere bei der Fahrt entlang des Doubs zwischen Montbéliard und Besançon sowie zwischen Mouchard und Bourg-en-Bresse, auf teilweise noch eingleisiger Strecke. Vom Bistro-Wagen aus, avec une tasse de café et des croissants, lassen sich die Schönheiten der Landschaft, der Dörfer und Städte genießen.

Wir starten in Straßburg, der Partnerstadt von Stuttgart. Der Zug heißt Rouget de Lisle, benannt nach dem Verfasser der Marseillaise. Im April 1792 ist die französische Nationalhymne in Straßburg entstanden als Kriegsgesang für die französische Rheinarmee. Ihr Verfasser, Rouget de Lisle, wurde 1760 in Lons-le-Saunier (Jura) geboren, einer Stadt, in der wir auf unserer Fahrt einen Halt einlegen.
Von Straßburg lässt sich auch der Bogen spannen zu Lyon. Der junge Johann Wolfgang Goethe studierte 1770/ 71 an der dortigen Universität. Sein Großvater Fried¬rich Georg Göthé (1657–1730) war knapp ein Jahrhundert früher aus seiner thüringischen Heimat nach Frankreich gezogen und im Nachbarland ein sehr tüchtiger und erfolgreicher Schneidermeister geworden. Zuletzt hatte er in Lyon gelebt und gearbeitet, bis er 1685, nach der Aufhebung des Edikts von Nantes, Frankreich verlassen musste. Von Lyon ging Friedrich Georg Göthé nach Frankfurt.
Belfort, Hauptort des sehr kleinen Départements Terri¬toire de Belfort – schon diese Bezeichnung weist auf eine Besonderheit unter den französischen Départements hin – leistete im deutsch-französischen Krieg von 1870/ 71 hartnäckigen Widerstand und war uneinnehmbar. Deshalb blieb es bei Frankreich, obwohl Elsaß-Lothringen nach der französischen Niederlage an Deutschland gefallen war. Diese Widerstandskraft wird in Belfort symbolisch dargestellt von einem gewaltigen Löwen, den ¬Frédéric Auguste Bartholdi zwischen 1875 und 1880 geschaffen hat. Von dem in Colmar geborenen Künstler stammt auch der eindrucksvolle Brunnen auf der Place des Terreaux in Lyon.
Kurz nach Belfort fährt der Zug in den Bahnhof von Montbéliard ein, auf den ein gewaltiges Schloss, das Schloss der Herzöge von Württemberg, herabblickt. Wir sind im einstigen Mömpelgard.
Seit dem Ehevertrag des Jahres 1397 war der Herzog von Württemberg gleichzeitig Herr der Grafschaft Mömpelgard. Erst 1793 wurde Mömpelgard französisch. Bis heute ist diese Stadt von der jahrhundertelangen Verbindung mit Württemberg geprägt. Kein Geringerer als der bekannte herzoglich-württembergische Baumeister Heinrich Schickhardt (1558–1634) war in Mömpelgard tätig, beispielsweise beim Schloss und beim Bau der Martinskirche, der größten lutherischen Kirche in Frankreich. Montbéliard und Ludwigsburg haben übrigens 1949 die erste deutsch-französische Städtepartnerschaft begründet.
Schon sehen wir die typischen Kirchtürme der Freigrafschaft Burgund (Franche-Comté), deren Hauptstadt Besançon jedem Lateinschüler aus Caesars »Bellum Gallicum« als »Visontium« begegnet ist.
Bald kommen wir in die Bresse, eine wegen ihrer Hühner und Fischteiche berühmten Landschaft. Ihr Hauptort ist Bourg-en-Bresse, über dessen historisch bedeutender Abteikirche Brou an späterer Stelle noch zu sprechen sein wird. Nun sind wir endlich in unserer Partnerregion Rhône-Alpes angekommen, im Département Ain. Jenseits des Flusses Ain mit seinem grünen Wasser, erscheinen von weitem die gewaltigen Kühltürme des Kernkraftwerks Bugey an der Rhône. Gespannt warten wir darauf, den ersten Blick auf die Rhône zu erhaschen, an der wir dann ein Stück entlangfahren. Und endlich: LYON est arrivé. Wir sind am Ziel, in Lyon, der capitale de la région Rhône-Alpes im Herzen der Partnerregion.

Eine Region im Aufbruch

Rhône-Alpes ist keine historisch gewachsene und durch die Ereignisse von Jahrhunderten geprägte französische Provinz. Vielmehr ist sie eine verordnete Einheit, die aus acht sehr unterschiedlichen Départements besteht, wie unten näher ausgeführt wird. Der erste Zuschnitt im Jahre 1956 sah anders aus: Es sollte ursprünglich zwei Regionen geben, die Région du Rhône und die Région des Alpes. Es gab Auseinandersetzungen um die Vormachtstellung zwischen Lyon und Grenoble sowie zwischen Grenoble und Chambéry. Auseinandersetzungen, die eher historisch bedingt waren: Lyonnais, Dauphiné, Savoyen. 1960 wurde dann die Entscheidung für eine Region getroffen, eine aus heutiger Perspektive sehr weitsichtige Entscheidung. Die Namensgebung spiegelt jedoch nicht ganz den geografischen Rahmen wider, denn es fehlen Hinweise auf die Loire und das Zentralmassiv.
Es brauchte Zeit, bis diese Region im allgemeinen Bewusstsein der Menschen verankert war, bis sich ihre Bewohner als Rhônalpins mit ihrer Region und deren vielfältiger Geschichte identifizierten, bis sie sich ihrer Bedeutung für Frankreich und ihrer zukünftigen Rolle in Europa bewusst wurden. Rhône-Alpes ist besonders dadurch gepägt, dass es von europäischen Verkehrsströmen durchzogen wird: Da ist einmal die Nord-Süd-Achse, die durch die Täler der Saône und der Rhône zum Mittelmeer führt, zum andern die Verkehrsachse in West-Ost-Richtung von Frankreich zur Poebene über Piemont und das Aostatal, einem Gebiet, mit dem Savoyen vieles gemeinsam hat. Rhône-Alpes ist also ein Durchgangsland von Paris oder von Deutschland in den Mittelmeerraum. Dementsprechend sind das Autobahnnetz und das Netz des Hochgeschwindigkeitszuges TGV Paris–Lyon–Mar¬seille sowie Paris-Alpen gut ausgebaut. Es fehlt jedoch noch eine schnelle Verbindung von (Baden-Württemberg) Straßburg nach Lyon, wie oben bereits erwähnt.
Rhône-Alpes ist eine Grenzregion, was im zusammenwachsenden Europa ein großer Vorteil ist. Dieser Vorteil wird durch historische und wirtschaftliche Beziehungen mit den Nachbarstaaten verstärkt und durch die gemeinsame französische Sprache erleichtert. Von Savoyen wird später noch die Rede sein, aber das französisch sprechende Aostatal sei hier genannt. Zitat aus einer Werbung: »Vallée d’Aoste (Italie) – Notre coeur bat en fran¬çais!« Rhône-Alpes, das heißt auch Nachbarschaft zur Schweiz. Das Gebiet des Genfer Sees (Lac Léman) mit Genf, Lausanne (Sitz des Internationalen Olympischen Komitees), Vevey (Sitz des weltweit agierenden Nestlé-Konzerns) und Montreux auf Schweizer sowie mit Annemasse und Évian (international bekannte Kur- und Kongressstadt) auf französischer Seite, bildet trotz staatlicher Unterschiede eine große geografische und kulturelle Einheit. Unvergesslich bleibt der herrliche Blick auf die französischen Alpen mit dem Montblanc-Massiv, den man vom Schweizer Seeufer aus hat.
Die Werbung arbeitet mit dieser Einheit des Genfer Sees: »Annemasse aux portes de Genève«. Damit weiß man, wo diese französische Stadt liegt: vor den Toren der weltbekannten Konferenzstadt Genf, die auch das europäische Forschungszentrum für Kern- und Elementarteilchenphysik (CERN) beherbergt.

Die Départements der Region Rhône-Alpes

Eine tabellarische Übersicht mit Erläuterungen erleichert das Verständnis dieser Region.

 


Erläuterungen und Hinweise:

  1. * Angabe ohne Überseegebiete; Quelle: Insee (www.insee.fr)
    ** Schätzung für 2001; Quelle: Insee
    *** Statistisches Bundesamt, Statistisches Jahrbuch 2002
    +/– Bevölkerungsentwicklung gegenüber 1990; Zunahme in Rhône-Alpes insgesamt 5,5 %
    (Vergleich Frankreich insgesamt: 3,4 %); damit ist Rhône-Alpes eine der französischen Regionen mit der höchsten Bevölkerungszunahme.
     
  2. Bevölkerungsdichte der Region Rhône-Alpes:
    129 Einwohner/km2
    Vergleich mit Frankreich (ohne Überseegebiete):
    107 Einwohner/km2
    Vergleich mit Baden-Württemberg:
    294 Einwohner/km2
    Vergleicht man die Bevölkerungsdichte der einzelnen Départements, so schwankt diese zwischen 51 Einwohnern/km2 (Ardèche) und 485 Einwohnern/km2 (Rhône mit dem Ballungszentrum Lyon).
     
  3. In Frankreich gab es zwar immer wieder Reformvorschläge, die außergewöhnlich hohe Zahl von 36 500 Gemeinden zu verringern, aber keinem von ihnen war bislang ein Erfolg beschieden. So ist oft die Situation anzutreffen, dass Gemeinden unmittelbar ineinander übergehen und dass Häuser auf der linken Straßenseite zur Gemeinde A, die auf der rechten zur Gemeinde B gehören.
    Um die eigene Bedeutung herauszustellen, ist es üblich geworden, bei Stellenausschreibungen neben der Einwohnerzahl der Stadt die des gesamten Raumes (agglomération) anzugeben (Beispiel: Saint-Étienne hat eine Einwohnerzahl von 185 000, die agglomération insgesamt aber eine solche von 450 000 Einwohnern) oder aber den Rang unter den großen Städten zu nennen (wieder am Beispiel von Saint-Étienne: 11e ville de France, 2ème capitale de Rhône-Alpes).
     
  4. Die Nummern der Départements sind auf den Kennzeichen der französischen Kraftfahrzeuge zu finden und stellen außerdem die beiden ersten Ziffern der fünfstelligen Postleitzahl.
    Dafür zwei Beispiele:
    Bourg-en-Bresse: 01000 (Sitz der Präfektur des Départements Ain)
    Chambéry: 73000 (Sitz der Präfektur des Départements Savoie).
     
  5. Auch wegen der unterschiedlichen Bezeichnungen der einzelnen Départements ist die obige Übersicht inte¬res¬sant. Tragen sechs von ihnen die Namen von Flüssen, so zeigen zwei Namen noch einen historischen Bezug, nämlich den zu Savoyen. Warum also diese Unterschiede? Während der Französischen Revolution wurden alle historischen Provinzen und Grafschaften zerschlagen. Geschaffen wurden 1790 die Départements mit geografischen Bezeichnungen. Das Herzogtum Savoyen wurde zwar 1792 von ¬Frankreich annektiert und zum département du Mont-Blanc umbenannt, doch wurde es 1815 wieder ¬selbstständig. Erst 1860 ging Savoyen endgültig an Frankreich als Ausgleich für die Unterstützung, die Kaiser Napoleon III. der Einigung Italiens gewährt hatte.
     

Das Logo der neuen Region ist nicht historisch ausgerichtet, sondern symbolisch gestaltet. Auf den ersten Blick erweckt es den Eindruck einer (Hänge-)Brücke. Es besteht aus acht »Mikadostäbchen« in acht verschiedenen Farben, den Regenbogenfarben, die sich einander zuneigen und gemeinsam nach oben streben – vielleicht Ausdruck eines gemeinsamen Handelns der acht Départements. Sie sind über einen großen, leicht gekrümmten, tiefblauen Strich gelegt – vielleicht die Rhône symbolisierend oder Wasser allgemein, woran diese Region so reich ist. Dieses dynamische Logo, das die Region in Bewegung bringen und halten soll, hat 1989 eine statische Variante abgelöst.

Die Region im Spannungsfeld zwischen Pariser Zentralismus und »Décentralisation«

Es soll im Folgenden dieses Spannungsfeld an wenigen Beispielen festgemacht werden. Das französische Autobahnnetz und selbst das Netz der verschiedenen TGV-Strecken wurden vom Zentrum Paris aus gedacht und entwickelt. Die zahlreichen Verästelungen des TGV Sud-Est in den Raum der Alpen, also im Bereich der Region Rhône-Alpes, dienen der schnellen Anbindung der Hauptstadt und ihrer Bewohner an die Skiorte. Auch die neueste Strecke des TGV Méditerranée bedeutet für Pariser, in drei Stunden in Marseille zu sein (‹ siehe dazu unten ausführlich »Europäische Drehscheibe …«).
Wie lange wird es noch dauern, bis eine TGV-Linie von Straßburg Richtung Lyon mit Anschluss an das dortige TGV-Netz gebaut wird? Hat Paris überhaupt Interesse daran? In den nächsten Jahren ist damit nicht zu rechnen. Ein Aufbrechen des Zentralismus lässt sich inzwischen daran ablesen, dass es nunmehr durchgehende Züge vom Mittelmeerraum nach Nordfrankreich gibt, die nicht mehr in das Zentrum von Paris hineinfahren, sondern die französische Hauptstadt im Osten umfahren.
Immer gegenwärtig ist also die Allmacht von Paris. Minderwertigkeitsgefühle gegenüber der Hauptstadt oder aber Aufbegehren sind die Folgen. So stand vor einiger Zeit in einer Zeitung zu lesen: »Lyon will aus dem Schatten von Paris ans Licht treten.«

Im 20. Jahrhundert war der Wunsch nach Bildung größerer geografischer Einheiten in Form von Regionen in mehrfacher Weise vorgeschlagen worden. Der Versuch General de Gaulles, bei den Franzosen in einer Volksabstimmung 1970 die Zustimmung für die Regionalisierung zu erhalten, endete mit einem Misserfolg. Erst 1982 war die Regionalisierung mit den heutigen 22 Regionen im Mutterland erfolgreich.

Ein Blick auf Frankreich-Karten, in denen die Regionen eingetragen sind, zeigt jedoch die großen Unterschiede auf, die nicht nur von Zuschnitt, Fläche und Bevölkerungszahl her, sondern vor allem auch durch ihre Wirtschaftskraft bestimmt werden. So lebt ein Drittel der französischen Bevölkerung in den drei größten Regionen Ile-de-France, Rhône-Alpes und Provence-Alpes-Côte d’Azur, die ihrerseits fast die Hälfte der gesamten Wirtschaftskraft Frankreichs aufweisen. (Hierzu: »atlas de la France«, Editions Magnard. 2000 – Paris, S. 14–22). Daher sind in neuester Zeit immer wieder Stimmen zu hören, die Zahl der Regionen zu verringern, also noch größere Einheiten zu schaffen, um sie europaweit konkurrenzfähiger zu machen. Ein Beispiel dafür wäre die Schaffung einer einzigen Region Normandie. Die Regionen sind selbstbewusst geworden, manche haben sich inzwischen aufwändige und geradezu protzende Repräsentationsgebäude als Zeichen ihrer Macht zugelegt.

Seit 1982 also wurden den einzelnen Gebietskörperschaften mehr Kompetenzen und Entscheidungsbereiche übertragen. Dies zeigt sich beispielsweise sehr deutlich bei den Stellen im kulturellen Bereich, die Städte, Départements und Regionen ausschreiben. Das Statut de la Corse der früheren Regierung Jospin, das Korsika sogar in der Übernahme und Umsetzung nationaler Gesetze weit reichende Mitsprache einräumen wollte, ist gescheitert. Es wäre nicht ohne gravierende Folgen für Forderungen anderer Regionen geblieben. Einen neuen Schub bekam die Dezentralisierung im Jahre 2001 durch die Übertragung regionaler Bahnstrecken an die Regionen.

Dass sich im Verhältnis zwischen dem allmächtigen Zentrum Paris und den Regionen weitere Veränderungen ergeben werden, zeigt Ministerpräsident Jean-Pierre Raffarin. Die Regierung will die Dezentralisierung auf verschiedenen Ebenen weiter voranbringen. Vielleicht kein Zufall, denn Raffarin kommt aus der province, gehört also nicht zur nach außen ziemlich abgeschotteten Pariser Elite, die bisher das politische und wirtschaftliche Leben Frankreichs mehr oder weniger selbstherrlich bestimmt hat. Raffarin bringt als langjähriger Präsident des Regionalrates von Poitou-Charentes viel Erfahrung aus dem politischen Alltag einer großen Region mit. So sind auch seine verschiedenen Vorschläge zu verstehen, unter anderem einige kleine Départements (Beispiel: Savoie und Haute-Savoie) oder sogar Regionen zusammenzulegen (Beispiel: Alsace und Lorraine sowie die beiden Regionen der Normandie). »La France rêvée de M. Raffarin« kommentierte die Wochenzeitung L’EXPRESS. Ein Gesetzesvorschlag sieht weit reichende Kompetenzverlagerungen zu Gunsten der Regionen und Départements ab dem Jahr 2005 vor.

Die Dezentralisierung hat nicht nur Freunde, sondern provoziert auch heftige Proteste, wie sich bei Streiks im Frühsommer 2003 gezeigt hat. Da das nicht-unterrichtende Personal der Schulen in Zukunft von den Regionen, Départements und Gemeinden angestellt sein wird, befürchten diese Personengruppen Personaleinsparungen und regional unterschiedliche Verhältnisse an den Schulen.

Literaturhinweis

Henrik Uterwedde: Dezentralisation in Frankreich: Auf dem Weg zur bürgernahen Republik? In: Jahrbuch des Föderalismus 2003, Band 4: Föderalismus, Subsidiarität und Regionen in Europa. Nomos, Baden-Baden 2003, S. 174–185

 

Die Wahlen auf den verschiedenen Ebenen
 

* seit 2002 (zuvor betrug die Wahlperiode sieben Jahre)
** ab 2004 gilt ein neues Wahlrecht; die bisherige Verhältniswahl in einem einzigen Wahlgang wurde abgeschafft. Die Änderung des Wahlgesetzes erfolgte in der Absicht, auch in den Regionalräten wieder für klare Mehrheitsverhältnisse zu sorgen, nachdem in einigen Regionen nach dem bisherigen Verhältniswahlrecht erhebliche Schwierigkeiten aufgetreten waren, bei der Wahl eines Präsidenten eine Mehrheit ohne die Unterstützung durch den rechtsextremen Front National zu finden.
*** Eine kleine, aber bedeutende Anmerkung zur Wahl des französischen (Ober-Bürgermeisters, maire, durch den Gemeinderat: Seine Stellung ist dadurch wesentlich schwächer als die seiner Kollegin/seines Kollegen in Baden-Württemberg. Bei wichtigen, vorwiegend finanziellen Grundsatzentscheidungen innerhalb von Städtepartnerschaften zum Beispiel spielt dieser Unterschied eine große Rolle.

Entsprechend der Einwohnerzahl der einzelnen Départements setzt sich der Regionalrat wie folgt zusammen:
 
Ain Ardèche Drôme Isère
14 9 12 29
Loire  Rhône Savoie Haute-Savoie
22 43 11 17

 


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