Wer fährt schon nach
Rhône-Alpes

Eine seltsame Frage, und doch ist sie berechtigt. Denn wer an
Frankreich denkt, der denkt sofort an Paris, den Dreh- und Angelpunkt
unseres Nachbarlandes. Die meisten, die von Frankreich reden, erwähnen
die erlesenen Weine aus Burgund oder Bordeaux, schätzen den Champagner,
die französische Küche, Parfum und Mode. Wer im Sommer Urlaub in
Frankreich macht, der fährt an die Strände der Normandie, der Bretagne,
der landes oder des Mittelmeeres. Im Winter jedoch fahren nicht wenige
in die bekannten Skigebiete der Alpen wie L’Alpe-d’Huez, Les Deux-Alpes,
La Plagne, Tignes, ohne allerdings daran zu denken, dass sie sich dort
in der Region Rhône-Alpes aufhalten.
Paris, die Normandie, die Bretagne, die Provence, Burgund, die Schlösser
der Loire, das sind bekannte Gebiete. Der Eiffelturm, die Kathedrale von
Chartres, der Mont Saint-Michel, das Schloss von Chambord oder die
Lavendelfelder der Provence locken Besucher an. Zahlreich sind Straßen
und Plätze, die in französischen Städten die Namen der oben genannten
Landschaften tragen.
Spricht man Reisende auf Lyon an, dann erinnern sie sich sofort an
die unangenehmen Staus beim Tunnel de Fourvière, der jahrzehntelang das
große Nadelöhr auf der Autobahn in den sonnigen Süden war, bis dann vor
wenigen Jahren die Ostumfahrung von Lyon eröffnet wurde. Die südlich von
Lyon gelegenen Industrieanlagen taten das ihre, um die Hauptstadt von
Baden-Württembergs französischer Partnerregion als weniger attraktiv
erscheinen zu lassen.
In den Reiseführern spiegelt sich diese der Region zugewiesene
Nebenrolle wider: Es gibt keinen deutschen Reiseführer zu Rhône-Alpes,
sondern nur zu Savoyen, zum Rhônetal, zur Dauphiné. Diese Feststellung
gilt auch für die Reiseführer von Michelin. Wer sich über die
Abteikirche von Brou informieren will, muss bei Burgund nachlesen, wer
etwas über die Chauvet-Grotte in den Ardèche-Schluchten sucht, muss den
Grünen Reiseführer der Provence heranziehen. Die Reiseführer sind also
noch nach historischen oder geographischen Einheiten (Dauphiné, Savoyen
bzw. Rhônetal) gegliedert. Eine wirkliche Ausnahme stellt bis jetzt der
französischsprachige Reiseführer Rhône-Alpes im Verlag Hachette dar.
»Im Flug« über die Partnerregion
Wussten Sie, dass die Region Rhône-Alpes
- mit 43 698 km2 flächenmäßig die zweitgrößte Region Frankreichs und
damit größer ist als Staaten wie die Schweiz, Belgien oder die
Niederlande?
- mit 5,6 Millionen Einwohnern hinter der Ile-de-France an zweiter
Stelle in Frankreich steht und mit Dänemark oder Finnland vergleichbar
ist?
- unter den 22 französischen Regionen in wirtschaftlicher Hinsicht
hinter der Ile-de-France den zweiten Rang einnimmt?
- zu den zehn größten europäischen Regionen gehört?
- gemeinsame Grenzen mit der Schweiz und Italien mit teilweise
französischsprachiger Bevölkerung hat, im Süden an die Provence
grenzt, im Westen an die Auvergne und im Norden an Burgund?
- eine Drehscheibe im europäischen Verkehrsnetz darstellt?
- auf ihrem Gebiet den Montblanc, mit 4810,40 Metern Höhe (jüngstes
Messergebnis dank eines Satelliten) der höchste Berg Europas, Chambéry,
die frühere Hauptstadt des Herzogtums Savoyen sowie das berühmte
Weinbaugebiet des Beaujolais beherbergt und für die Herstellung von
Nougat (Montélimar) berühmt ist?

- ein Netz von Universitäten und Hochschulen besitzt, an denen
nahezu 200 000 Studenten, davon etwa 110 000 im Großraum Lyon,
ausgebildet werden, und inzwischen auch Sitz französischer
Eliteschulen, der Écoles Normales Supérieures, ist?
- viele Forschungseinrichtungen aufweist, in denen 20 000
Wissenschaftler arbeiten?
- etwa ein Drittel des französischen Stroms erzeugt?
Man kann mit interessanten Informationen fortfahren:
-
Interpol
hat in weltweiter Verbindung mit 181 Staaten seit 1989 seinen Sitz in
Lyon.
- Am 19. Dezember 1994 entdeckten Jean-Marie Chauvet und zwei
Freunde im Tal der Ardèche eine inzwischen weltberühmte Grotte mit
einer wahren Bildergalerie von Tierzeichnungen, die über 30 000 Jahre
alt sind. Diese Chauvet-Höhle ist jedoch für die Öffentlichkeit nicht
zugänglich, um sie möglichst unbeschädigt der Nachwelt zu erhalten.
- Hannibal zog im Jahre 218 v. Chr. mit etwa 50 000 Soldaten und 37
Elefanten von der Rhône kommend das Drôme-Tal aufwärts, um die Alpen
zu überqueren und nach Oberitalien einzufallen.
- Die Waldenser, die vor rund 300 Jahren in Frankreich wegen ihres
Glaubens vertrieben und auch in Baden und Württemberg aufgenommen
wurden, führen ihre Religion auf Petrus Valdes zurück, einen
ursprünglich reichen Kaufmann aus Lyon (um 1200).
- Im Jahre 1808 erreichte die Französin Marie Paradis eher zufällig
als erste Frau den Gipfel des Montblanc. Erst 30 Jahre später erstieg
eine wirkliche Alpinistin, Henriette d’Angeville, als zweite Frau den
Gipfel des Berges.
- Dreimal fanden Olympische Winterspiele hier statt: 1924 in
Chamonix, 1968 in Grenoble und 1992 in Albertville.
- Abel Rossignol begann im Jahre 1911 mit der Herstellung eigener
Skier. Die Firma ist heute die Nummer eins auf diesem Gebiet.
- Am 1. Juli 1903 startete im Pariser Vorort
Villeneuve-Saint-Georges die erste Tour de France, deren erste Etappe
über 467 Kilometer nach Lyon führte und die der eingebürgerte
Italiener Maurice Garin in der Zeit von 17 Stunden 45 Minuten gewann.
Dies entspricht einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 26,3 km/h. Nach
dem Start eilte der offizielle Zeitnehmer in Paris sofort zum Bahnhof,
um mit dem nächsten Zug nach Lyon zu fahren, damit er dort die Zeit
bei der Ankunft der Fahrer nehmen konnte.
- Sechs regionale Naturparks auf 650 000 Hektar, was etwa zehn
Prozent der Gesamtfläche entspricht, befinden sich in der Region:
Vercors, Chartreuse, Pilat, Massif des Bauges, Haut-Jura und Monts
d’Ardèche.
- 1789 wurde die Quelle des weltbekannten Evian-Wassers entdeckt.
Etwa 15 Jahre dauert es, bis das Schmelz- oder Regenwasser hoch von
den Alpen durch das Gestein hindurch bis zur Quelle gesickert ist.
- Im Jahre 1901 wurden insgesamt acht Millionen Flaschen abgefüllt,
heute sind es täglich fünf bis sechs Millionen Liter.
-
In
der Gemeinde Hauterives (Drôme) befindet sich eine außerordentliche
Sehenswürdigkeit, das Palais Idéal, in unermüdlicher Arbeit
zusammengebaut von dem Briefträger Ferdinand Cheval (1836–1924). Es
gibt nichts Vergleichbares. Cheval legte jeden Tag beim Zustellen 32
Kilometer zurück, immer in Gedanken an sein Palais Idéal. Warum? Eines
Tages war er über einen Stein gestürzt. Er hob ihn auf und bewunderte
seine Schönheit. Von dem Zeitpunkt an sammelte er 33 Jahre lang jede
Art von mehr oder weniger großen Steinen, meist Kieselsteine, und
baute mit ihnen ohne fremde Hilfe Gebäudeteile, Grotten, Figuren,
Menschen, Tiere und rankende Pflanzen zu einem Ganzen zusammen, das
schließlich 23 Meter lang, bis zwölf Meter breit und zwischen sieben
und elf Metern hoch wurde. Von keinem Geringeren als André Malraux
wurde der Palais Idéal 1969 zum monument historique erklärt. Er ist
ein touristischer Leckerbissen, der inzwischen sogar als Kulisse für
sommerliche Musikveranstaltungen dient.
Im Jahre 1998 wurde der historische Teil von Lyon von der UNESCO ins
Weltkulturerbe aufgenommen, worauf die Stadt sehr stolz ist. Im Rathaus
von Lyon weist eine Tafel im Eingangsbereich darauf hin:
|
L’UNESCO, LE 5 DÉCEMBRE 1998,
A INSCRIT LE SITE HISTORIQUE DE LYON
SUR LA LISTE DU PATRIMOINE MONDIAL
DE L’HUMANITÉ
AU TITRE DE LA CONVENTION
POUR LA PROTECTION
DU PATRIMOINE MONDIAL CULTUREL ET NATUREL
EN PRÉSENCE DE
M. FEDERICO MAYOR,
DIRECTEUR GÉNÉRAL DE L’UNESCO
ET DE M. RAYMOND BARRE, ANCIEN PREMIER
MINISTRE, DÉPUTÉ-MAIRE DE LYON.
LYON, LE 26 MARS 1999 |
Erläuterung
Fast ein Viertel der Bevölkerung von Lyon lebt auf einem Gebiet, das
von der UNESCO am 5. Dezember 1998 zum Weltkulturerbe erklärt wurde.
Dazu gehören:
- der Hügel Fourvière vor allem wegen der römischen
Baudenkmäler
- das Renaissance-Viertel von Vieux-Lyon auf dem
rechten Saône-Ufer
- die Halbinsel zwischen der Saône und der Rhône
- die Hänge des Seidenweberviertels Croix-Rousse
Lyon wurde in die Kategorie »Stadtgebiete« eingewiesen, mit der
neben Lyon bisher nur Venedig, St. Petersburg, Prag und Porto
ausgezeichnet wurden. Die Stadt Lyon und ihre Bewohner sind sehr
stolz auf diese Auszeichnung. Mit einer großen Werbeaktion über
Internet, Zeitungen, Zeitschriften und Karten wurde auf nationaler
und internationaler Ebene eine Werbeaktion durchgeführt, die bereits
nach einem Jahr einen um 20 Prozent größeren Touristenstrom mit sich
brachte. |
Mit der Bahn von Straßburg nach Lyon – eine
Fahrt durch die Geschichte
Bis zur Eröffnung einer Schnellbahnstrecke zwischen Straßburg und
Lyon werden noch Jahre ins Land gehen (‹ vgl. Kapitel »Europäische
Drehscheibe des internationalen Verkehrs«). Der Reisende kann bis dahin
die Schönheiten der alten Streckenführung bewundern, insbesondere bei
der Fahrt entlang des Doubs zwischen Montbéliard und Besançon sowie
zwischen Mouchard und Bourg-en-Bresse, auf teilweise noch eingleisiger
Strecke. Vom Bistro-Wagen aus, avec une tasse de café et des croissants,
lassen sich die Schönheiten der Landschaft, der Dörfer und Städte
genießen.
Wir
starten in Straßburg, der Partnerstadt von Stuttgart. Der Zug heißt
Rouget de Lisle, benannt nach dem Verfasser der Marseillaise. Im April
1792 ist die französische Nationalhymne in Straßburg entstanden als
Kriegsgesang für die französische Rheinarmee. Ihr Verfasser, Rouget de
Lisle, wurde 1760 in Lons-le-Saunier (Jura) geboren, einer Stadt, in der
wir auf unserer Fahrt einen Halt einlegen.
Von Straßburg lässt sich auch der Bogen spannen zu Lyon. Der junge
Johann Wolfgang Goethe studierte 1770/ 71 an der dortigen Universität.
Sein Großvater Fried¬rich Georg Göthé (1657–1730) war knapp ein
Jahrhundert früher aus seiner thüringischen Heimat nach Frankreich
gezogen und im Nachbarland ein sehr tüchtiger und erfolgreicher
Schneidermeister geworden. Zuletzt hatte er in Lyon gelebt und
gearbeitet, bis er 1685, nach der Aufhebung des Edikts von Nantes,
Frankreich verlassen musste. Von Lyon ging Friedrich Georg Göthé nach
Frankfurt.
Belfort, Hauptort des sehr kleinen Départements Terri¬toire de Belfort –
schon diese Bezeichnung weist auf eine Besonderheit unter den
französischen Départements hin – leistete im deutsch-französischen Krieg
von 1870/ 71 hartnäckigen Widerstand und war uneinnehmbar. Deshalb blieb
es bei Frankreich, obwohl Elsaß-Lothringen nach der französischen
Niederlage an Deutschland gefallen war. Diese Widerstandskraft wird in
Belfort symbolisch dargestellt von einem gewaltigen Löwen, den ¬Frédéric
Auguste Bartholdi zwischen 1875 und 1880 geschaffen hat. Von dem in
Colmar geborenen Künstler stammt auch der eindrucksvolle Brunnen auf der
Place des Terreaux in Lyon.
Kurz nach Belfort fährt der Zug in den Bahnhof von Montbéliard ein, auf
den ein gewaltiges Schloss, das Schloss der Herzöge von Württemberg,
herabblickt. Wir sind im einstigen Mömpelgard.
Seit dem Ehevertrag des Jahres 1397 war der Herzog von Württemberg
gleichzeitig Herr der Grafschaft Mömpelgard. Erst 1793 wurde Mömpelgard
französisch. Bis heute ist diese Stadt von der jahrhundertelangen
Verbindung mit Württemberg geprägt. Kein Geringerer als der bekannte
herzoglich-württembergische Baumeister Heinrich Schickhardt (1558–1634)
war in Mömpelgard tätig, beispielsweise beim Schloss und beim Bau der
Martinskirche, der größten lutherischen Kirche in Frankreich.
Montbéliard und Ludwigsburg haben übrigens 1949 die erste
deutsch-französische Städtepartnerschaft begründet.
Schon sehen wir die typischen Kirchtürme der Freigrafschaft Burgund (Franche-Comté),
deren Hauptstadt Besançon jedem Lateinschüler aus Caesars »Bellum
Gallicum« als »Visontium« begegnet ist.
Bald kommen wir in die Bresse, eine wegen ihrer Hühner und Fischteiche
berühmten Landschaft. Ihr Hauptort ist Bourg-en-Bresse, über dessen
historisch bedeutender Abteikirche Brou an späterer Stelle noch zu
sprechen sein wird. Nun sind wir endlich in unserer Partnerregion
Rhône-Alpes angekommen, im Département Ain. Jenseits des Flusses Ain mit
seinem grünen Wasser, erscheinen von weitem die gewaltigen Kühltürme des
Kernkraftwerks Bugey an der Rhône. Gespannt warten wir darauf, den
ersten Blick auf die Rhône zu erhaschen, an der wir dann ein Stück
entlangfahren. Und endlich: LYON est arrivé. Wir sind am Ziel, in Lyon,
der capitale de la région Rhône-Alpes im Herzen der Partnerregion.
Eine Region im Aufbruch
Rhône-Alpes ist keine historisch gewachsene und durch die Ereignisse
von Jahrhunderten geprägte französische Provinz. Vielmehr ist sie eine
verordnete Einheit, die aus acht sehr unterschiedlichen Départements
besteht, wie unten näher ausgeführt wird. Der erste Zuschnitt im Jahre
1956 sah anders aus: Es sollte ursprünglich zwei Regionen geben, die
Région du Rhône und die Région des Alpes. Es gab Auseinandersetzungen um
die Vormachtstellung zwischen Lyon und Grenoble sowie zwischen Grenoble
und Chambéry. Auseinandersetzungen, die eher historisch bedingt waren:
Lyonnais, Dauphiné, Savoyen. 1960 wurde dann die Entscheidung für eine
Region getroffen, eine aus heutiger Perspektive sehr weitsichtige
Entscheidung. Die Namensgebung spiegelt jedoch nicht ganz den
geografischen Rahmen wider, denn es fehlen Hinweise auf die Loire und
das Zentralmassiv.
Es brauchte Zeit, bis diese Region im allgemeinen Bewusstsein der
Menschen verankert war, bis sich ihre Bewohner als Rhônalpins mit ihrer
Region und deren vielfältiger Geschichte identifizierten, bis sie sich
ihrer Bedeutung für Frankreich und ihrer zukünftigen Rolle in Europa
bewusst wurden. Rhône-Alpes ist besonders dadurch gepägt, dass es von
europäischen Verkehrsströmen durchzogen wird: Da ist einmal die
Nord-Süd-Achse, die durch die Täler der Saône und der Rhône zum
Mittelmeer führt, zum andern die Verkehrsachse in West-Ost-Richtung von
Frankreich zur Poebene über Piemont und das Aostatal, einem Gebiet, mit
dem Savoyen vieles gemeinsam hat. Rhône-Alpes ist also ein
Durchgangsland von Paris oder von Deutschland in den Mittelmeerraum.
Dementsprechend sind das Autobahnnetz und das Netz des
Hochgeschwindigkeitszuges TGV Paris–Lyon–Mar¬seille sowie Paris-Alpen
gut ausgebaut. Es fehlt jedoch noch eine schnelle Verbindung von
(Baden-Württemberg) Straßburg nach Lyon, wie oben bereits erwähnt.
Rhône-Alpes ist eine Grenzregion, was im zusammenwachsenden Europa ein
großer Vorteil ist. Dieser Vorteil wird durch historische und
wirtschaftliche Beziehungen mit den Nachbarstaaten verstärkt und durch
die gemeinsame französische Sprache erleichtert. Von Savoyen wird später
noch die Rede sein, aber das französisch sprechende Aostatal sei hier
genannt. Zitat aus einer Werbung: »Vallée d’Aoste (Italie) – Notre coeur
bat en fran¬çais!« Rhône-Alpes, das heißt auch Nachbarschaft zur
Schweiz. Das Gebiet des Genfer Sees (Lac Léman) mit Genf, Lausanne (Sitz
des Internationalen Olympischen Komitees), Vevey (Sitz des weltweit
agierenden Nestlé-Konzerns) und Montreux auf Schweizer sowie mit
Annemasse und Évian (international bekannte Kur- und Kongressstadt) auf
französischer Seite, bildet trotz staatlicher Unterschiede eine große
geografische und kulturelle Einheit. Unvergesslich bleibt der herrliche
Blick auf die französischen Alpen mit dem Montblanc-Massiv, den man vom
Schweizer Seeufer aus hat.
Die Werbung arbeitet mit dieser Einheit des Genfer Sees: »Annemasse aux
portes de Genève«. Damit weiß man, wo diese französische Stadt liegt:
vor den Toren der weltbekannten Konferenzstadt Genf, die auch das
europäische Forschungszentrum für Kern- und Elementarteilchenphysik (CERN)
beherbergt.
Die Départements der Region Rhône-Alpes

Eine tabellarische Übersicht mit Erläuterungen erleichert das
Verständnis dieser Region.
Erläuterungen und Hinweise:
- * Angabe ohne Überseegebiete; Quelle: Insee (www.insee.fr)
** Schätzung für 2001; Quelle: Insee
*** Statistisches Bundesamt, Statistisches Jahrbuch 2002
+/– Bevölkerungsentwicklung gegenüber 1990; Zunahme in Rhône-Alpes
insgesamt 5,5 %
(Vergleich Frankreich insgesamt: 3,4 %); damit ist Rhône-Alpes eine
der französischen Regionen mit der höchsten Bevölkerungszunahme.
- Bevölkerungsdichte der Region Rhône-Alpes:
129 Einwohner/km2
Vergleich mit Frankreich (ohne Überseegebiete):
107 Einwohner/km2
Vergleich mit Baden-Württemberg:
294 Einwohner/km2
Vergleicht man die Bevölkerungsdichte der einzelnen Départements, so
schwankt diese zwischen 51 Einwohnern/km2 (Ardèche) und 485
Einwohnern/km2 (Rhône mit dem Ballungszentrum Lyon).
- In Frankreich gab es zwar immer wieder Reformvorschläge, die
außergewöhnlich hohe Zahl von 36 500 Gemeinden zu verringern, aber
keinem von ihnen war bislang ein Erfolg beschieden. So ist oft die
Situation anzutreffen, dass Gemeinden unmittelbar ineinander übergehen
und dass Häuser auf der linken Straßenseite zur Gemeinde A, die auf
der rechten zur Gemeinde B gehören.
Um die eigene Bedeutung herauszustellen, ist es üblich geworden, bei
Stellenausschreibungen neben der Einwohnerzahl der Stadt die des
gesamten Raumes (agglomération) anzugeben (Beispiel: Saint-Étienne hat
eine Einwohnerzahl von 185 000, die agglomération insgesamt aber eine
solche von 450 000 Einwohnern) oder aber den Rang unter den großen
Städten zu nennen (wieder am Beispiel von Saint-Étienne: 11e ville de
France, 2ème capitale de Rhône-Alpes).
- Die Nummern der Départements sind auf den Kennzeichen der
französischen Kraftfahrzeuge zu finden und stellen außerdem die beiden
ersten Ziffern der fünfstelligen Postleitzahl.
Dafür zwei Beispiele:
Bourg-en-Bresse: 01000 (Sitz der Präfektur des Départements Ain)
Chambéry: 73000 (Sitz der Präfektur des Départements Savoie).
- Auch wegen der unterschiedlichen Bezeichnungen der einzelnen
Départements ist die obige Übersicht inte¬res¬sant. Tragen sechs von
ihnen die Namen von Flüssen, so zeigen zwei Namen noch einen
historischen Bezug, nämlich den zu Savoyen. Warum also diese
Unterschiede? Während der Französischen Revolution wurden alle
historischen Provinzen und Grafschaften zerschlagen. Geschaffen wurden
1790 die Départements mit geografischen Bezeichnungen. Das Herzogtum
Savoyen wurde zwar 1792 von ¬Frankreich annektiert und zum département
du Mont-Blanc umbenannt, doch wurde es 1815 wieder ¬selbstständig.
Erst 1860 ging Savoyen endgültig an Frankreich als Ausgleich für die
Unterstützung, die Kaiser Napoleon III. der Einigung Italiens gewährt
hatte.
Das
Logo der neuen Region ist nicht historisch ausgerichtet, sondern
symbolisch gestaltet. Auf den ersten Blick erweckt es den Eindruck einer
(Hänge-)Brücke. Es besteht aus acht »Mikadostäbchen« in acht
verschiedenen Farben, den Regenbogenfarben, die sich einander zuneigen
und gemeinsam nach oben streben – vielleicht Ausdruck eines gemeinsamen
Handelns der acht Départements. Sie sind über einen großen, leicht
gekrümmten, tiefblauen Strich gelegt – vielleicht die Rhône
symbolisierend oder Wasser allgemein, woran diese Region so reich ist.
Dieses dynamische Logo, das die Region in Bewegung bringen und halten
soll, hat 1989 eine statische Variante abgelöst.
Die Region im Spannungsfeld zwischen Pariser Zentralismus und »Décentralisation«
Es soll im Folgenden dieses Spannungsfeld an wenigen Beispielen
festgemacht werden. Das französische Autobahnnetz und selbst das Netz
der verschiedenen TGV-Strecken wurden vom Zentrum Paris aus gedacht und
entwickelt. Die zahlreichen Verästelungen des TGV Sud-Est in den Raum
der Alpen, also im Bereich der Region Rhône-Alpes, dienen der schnellen
Anbindung der Hauptstadt und ihrer Bewohner an die Skiorte. Auch die
neueste Strecke des TGV Méditerranée bedeutet für Pariser, in drei
Stunden in Marseille zu sein (‹ siehe dazu unten ausführlich
»Europäische Drehscheibe …«).
Wie lange wird es noch dauern, bis eine TGV-Linie von Straßburg Richtung
Lyon mit Anschluss an das dortige TGV-Netz gebaut wird? Hat Paris
überhaupt Interesse daran? In den nächsten Jahren ist damit nicht zu
rechnen. Ein Aufbrechen des Zentralismus lässt sich inzwischen daran
ablesen, dass es nunmehr durchgehende Züge vom Mittelmeerraum nach
Nordfrankreich gibt, die nicht mehr in das Zentrum von Paris
hineinfahren, sondern die französische Hauptstadt im Osten umfahren.
Immer gegenwärtig ist also die Allmacht von Paris.
Minderwertigkeitsgefühle gegenüber der Hauptstadt oder aber Aufbegehren
sind die Folgen. So stand vor einiger Zeit in einer Zeitung zu lesen:
»Lyon will aus dem Schatten von Paris ans Licht treten.«
Im 20. Jahrhundert war der Wunsch nach Bildung größerer geografischer
Einheiten in Form von Regionen in mehrfacher Weise vorgeschlagen worden.
Der Versuch General de Gaulles, bei den Franzosen in einer
Volksabstimmung 1970 die Zustimmung für die Regionalisierung zu
erhalten, endete mit einem Misserfolg. Erst 1982 war die
Regionalisierung mit den heutigen 22 Regionen im Mutterland erfolgreich.
Ein Blick auf Frankreich-Karten, in denen die Regionen eingetragen sind,
zeigt jedoch die großen Unterschiede auf, die nicht nur von Zuschnitt,
Fläche und Bevölkerungszahl her, sondern vor allem auch durch ihre
Wirtschaftskraft bestimmt werden. So lebt ein Drittel der französischen
Bevölkerung in den drei größten Regionen Ile-de-France, Rhône-Alpes und
Provence-Alpes-Côte d’Azur, die ihrerseits fast die Hälfte der gesamten
Wirtschaftskraft Frankreichs aufweisen. (Hierzu: »atlas de la France«,
Editions Magnard. 2000 – Paris, S. 14–22). Daher sind in neuester Zeit
immer wieder Stimmen zu hören, die Zahl der Regionen zu verringern, also
noch größere Einheiten zu schaffen, um sie europaweit konkurrenzfähiger
zu machen. Ein Beispiel dafür wäre die Schaffung einer einzigen Region
Normandie. Die Regionen sind selbstbewusst geworden, manche haben sich
inzwischen aufwändige und geradezu protzende Repräsentationsgebäude als
Zeichen ihrer Macht zugelegt.
Seit 1982 also wurden den einzelnen Gebietskörperschaften mehr
Kompetenzen und Entscheidungsbereiche übertragen. Dies zeigt sich
beispielsweise sehr deutlich bei den Stellen im kulturellen Bereich, die
Städte, Départements und Regionen ausschreiben. Das Statut de la Corse
der früheren Regierung Jospin, das Korsika sogar in der Übernahme und
Umsetzung nationaler Gesetze weit reichende Mitsprache einräumen wollte,
ist gescheitert. Es wäre nicht ohne gravierende Folgen für Forderungen
anderer Regionen geblieben. Einen neuen Schub bekam die
Dezentralisierung im Jahre 2001 durch die Übertragung regionaler
Bahnstrecken an die Regionen.
Dass sich im Verhältnis zwischen dem allmächtigen Zentrum Paris und den
Regionen weitere Veränderungen ergeben werden, zeigt Ministerpräsident
Jean-Pierre Raffarin. Die Regierung will die Dezentralisierung auf
verschiedenen Ebenen weiter voranbringen. Vielleicht kein Zufall, denn
Raffarin kommt aus der province, gehört also nicht zur nach außen
ziemlich abgeschotteten Pariser Elite, die bisher das politische und
wirtschaftliche Leben Frankreichs mehr oder weniger selbstherrlich
bestimmt hat. Raffarin bringt als langjähriger Präsident des
Regionalrates von Poitou-Charentes viel Erfahrung aus dem politischen
Alltag einer großen Region mit. So sind auch seine verschiedenen
Vorschläge zu verstehen, unter anderem einige kleine Départements
(Beispiel: Savoie und Haute-Savoie) oder sogar Regionen zusammenzulegen
(Beispiel: Alsace und Lorraine sowie die beiden Regionen der Normandie).
»La France rêvée de M. Raffarin« kommentierte die Wochenzeitung
L’EXPRESS. Ein Gesetzesvorschlag sieht weit reichende
Kompetenzverlagerungen zu Gunsten der Regionen und Départements ab dem
Jahr 2005 vor.
Die Dezentralisierung hat nicht nur Freunde, sondern provoziert auch
heftige Proteste, wie sich bei Streiks im Frühsommer 2003 gezeigt hat.
Da das nicht-unterrichtende Personal der Schulen in Zukunft von den
Regionen, Départements und Gemeinden angestellt sein wird, befürchten
diese Personengruppen Personaleinsparungen und regional unterschiedliche
Verhältnisse an den Schulen.
Literaturhinweis
Henrik Uterwedde: Dezentralisation in Frankreich: Auf dem Weg zur
bürgernahen Republik? In: Jahrbuch des Föderalismus 2003, Band 4:
Föderalismus, Subsidiarität und Regionen in Europa. Nomos, Baden-Baden
2003, S. 174–185
Die Wahlen auf den verschiedenen Ebenen
|
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* seit 2002 (zuvor betrug die Wahlperiode sieben Jahre)
** ab 2004 gilt ein neues Wahlrecht; die bisherige Verhältniswahl in
einem einzigen Wahlgang wurde abgeschafft. Die Änderung des Wahlgesetzes
erfolgte in der Absicht, auch in den Regionalräten wieder für klare
Mehrheitsverhältnisse zu sorgen, nachdem in einigen Regionen nach dem
bisherigen Verhältniswahlrecht erhebliche Schwierigkeiten aufgetreten
waren, bei der Wahl eines Präsidenten eine Mehrheit ohne die
Unterstützung durch den rechtsextremen Front National zu finden.
*** Eine kleine, aber bedeutende Anmerkung zur Wahl des französischen (Ober-Bürgermeisters,
maire, durch den Gemeinderat: Seine Stellung ist dadurch wesentlich
schwächer als die seiner Kollegin/seines Kollegen in Baden-Württemberg.
Bei wichtigen, vorwiegend finanziellen Grundsatzentscheidungen innerhalb
von Städtepartnerschaften zum Beispiel spielt dieser Unterschied eine
große Rolle.
Entsprechend der Einwohnerzahl der einzelnen Départements setzt sich der
Regionalrat wie folgt zusammen:
| Ain |
Ardèche |
Drôme |
Isère |
| 14 |
9 |
12 |
29 |
| Loire |
Rhône |
Savoie |
Haute-Savoie |
| 22 |
43 |
11 |
17 |
|