Zeitschrift

 

Der Balkan

 

 

 


Heft  49 - 2005

Hrsg.: LpB


 

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III. Entscheidung
7. 1914: Ein Attentat verändert die Welt
 

Am 28. Juni 1914 wurden in der bosnischen Stadt Sarajewo der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand und seine Gattin ermordet. Zwei Tote, denen bald Millionen folgen sollten, weil alle europäischen Großmächte Gründe hatten, das Verbrechen für eigene Interessen auszunutzen. Der Mord war Teil der nationalistischen Politik Serbiens. Damit steht am Anfang der Einigung der Völker »Jugoslawiens« ein Attentat. Das schien das europäische Vorurteil, das bis heute anhält, zu bestätigen: Auf dem Balkan regiert die Gewalt.

In Belgrad diente ein Oberst Dragutin Dimitrijevic´ in der serbischen Armee. Unter dem Decknamen »Apis« leitete er die Geheimorganisation »Ujedinjenje ili Smrt« (»Vereinigung oder Tod«), die von ihren politischen Gegnern »Crna Ruka« (»Schwarze Hand«) genannt wurde. Diese Organisation, der illegale Arm der Organisation »Mlada Bosna« (»Junges Bosnien«), hatte ihre Verbindungsleute überall in den zum Kaiserreich Österreich-Ungarn gehörigen serbischen und kroatischen Gebieten sowie in dem von Österreich 1878 annektierten Bosnien und der Herzegowina. »Apis« schulte auf einem Truppenübungsplatz in der Nähe von Belgrad serbische Gymnasiasten und Studenten für seine Organisation. Er plante, mit Gewalt gegen Österreich-Ungarn vorzugehen, vor allem gegen dessen Thronfolger Franz Ferdinand, in der Hoffnung, so die Doppelmonarchie zerstören und ein großserbisches Reich mit Russland als Schutzmacht ins Leben rufen zu können. Allerdings musste die Verschwörergruppe immer mit Behinderungen durch die serbische Regierung rechnen, die bei allzu aggressivem Verhalten der Gruppe eine militärische Konfrontation mit der Donaumonarchie befürchtete.

Franz Ferdinand, nach dem Selbstmord des Kronprinzen Rudolf zum Thronfolger geworden, wollte nach seinem Regierungsantritt die politischen Verhältnisse in der Doppelmonarchie ändern: Anstelle des Dualismus mit Gleichberechtigung des (deutsch-)österreichischen und des ungarischen Landesteiles wollte er einen Trialismus einführen, mit Gleichberechtigung der slawischen Völkerschaften im Reich. Dieser Plan war in den Kreisen der kroatischen, slowenischen und bosnischen Großbürger und Großgrundbesitzer äußerst beliebt, da sie die Vorteile in einem gemeinsamen Wirtschaftsraum für wichtiger ansahen als die südslawischen Ideen. Außerdem lehnte es das Bürgertum ab, sich von Serbien »balkanisieren« zu lassen, wie es hieß. Immerhin waren die Kroaten katholisch und schrieben lateinisch, die Serben dagegen orthodox
und schrieben kyrillisch.

Gleichzeitig schuf dieser Plan Franz Ferdinand mächtige Gegner bei den Ungarn, die ihre privilegierte Stellung im Osten der Monarchie und ihre Vorherrschaft über die südslawischen Landesteile schwinden sahen, vor allem aber
bei den serbischen Nationalisten in Belgrad. Falls das südslawische Element im österreichisch-ungarischen Staatsverband größere Rechte erhalten hätte, so wären die Pläne, ein großserbisches Reich zu errichten, stark gefährdet und das kleine selbstständige Serbien, das 1913 im zweiten Balkankrieg vergeblich versucht hatte, durch die Besetzung Albaniens einen Zugang zum Mittelmeer zu erreichen, wäre isoliert worden. Deshalb sollte Franz Ferdinand als Galionsfigur des Trialismus beseitigt werden. Auf Schmugglerwegen wurden Mitte Juni 1914 Attentäter nach Bosnien eingeschleust, um beim Staatsbesuch des Thronfolgers am 28. Juni zuschlagen zu können.

Der österreichisch-ungarische Erzherzog Franz Ferdinand war schon einige Tage vor dem 28. Juni in Bosnien und der Herzegowina gewesen, hatte Manövern beigewohnt und bereits zwei Tage vor dem Attentat inoffiziell Sarajewo besucht, um eventuelle Risiken seines Besuchs besser abschätzen zu können. Bosnien war schließlich einer der Konfliktherde Österreich-Ungarns. Er war aber freundlich aufgenommen worden und nichts schien einem Staatsbesuch von ihm und seiner Gemahlin in Sarajewo
im Wege zu stehen.

Am Morgen des 28. Juni 1914 kam Franz Ferdinand in die Stadt. Es war der Vidovdan, St. Veitstag, nach dem alten julianischen Kalender der 15. Juni, an dem 1389 Sultan Murad I. auf dem Amselfeld (Kosovo polje) das serbische Heer geschlagen hatte und selbst von serbischen Attentätern umgebracht worden war. Dieser Tag ist der eigentliche Nationalfeiertag der Serben, ein Tag der Niederlage und nationalen Schmach. Sie hatten, von Europa im Stich gelassen, allein (es waren freilich unter anderem auch Albaner dabei) den Kampf gegen die übermächtigen Armeen des Osmanischen Reiches verloren. Die Verpflichtung, den »Fluch von Kosovo« auszulöschen, ist in allen patriotischen serbischen Gesängen zu lesen. Noch im 19. Jahrhundert wurde das von Ritter Milos Obilic´ begangene Attentat auf den Sultan von dem montenegrinischen Bischof und Dichter Njegosˇ in seinem Epos »Der Bergkranz« besungen:

»Auf den Nacken tratest du dem Sultan,
aufgeschlitzt hast du den Fettwanst,
edles Opfer reiner Pflichterfüllung,
deiner Ritterseele Heldengröße,
stellt in Schatten alle Freiheitskämpfe.« […]

Franz Ferdinands jugendlicher Mörder Gavrilo Princip identifizierte sich mit diesem großen Helden der serbischen Geschichte. In der Schule hatte er das Epos gelesen und verglich Franz Ferdinand mit dem türkischen Sultan, sich selbst mit dem Attentäter. Daher hatte er sich bewusst den Vidovdan als Termin für sein Attentat herausgesucht, unterstützt durch die Instinktlosigkeit des Thronfolgers, ausgerechnet an diesem Tag eine südslawische Stadt zu besuchen.

Langsam fuhr die Autokolonne des Erzherzogs durch die Stadt, der Miljacka entlang zum Rathaus, wo er vom Bürgermeister und den Honoratioren erwartet wurde. Da explodierte in der Nähe der Chumrja-Brücke eine Bombe. Sie war schlecht gezielt worden, verfehlte das Auto des Thronfolgers und verletzte einige seiner Adjutanten im folgenden Fahrzeug. Der Attentäter, ein Kamerad Princips, Cabrinovic´ mit Namen, wurde in der allgemeinen Verwirrung nach der Explosion gefasst, als er durch das Flussbett fliehen wollte. Trotz des Attentatsversuchs entschloss sich Franz Ferdinand, sein Programm wie vorgesehen durchzuziehen. Nach der etwas gespenstisch anmutenden feierlichen Begrüßung im Rathaus wollte er seine verletzten Begleiter im Krankenhaus besuchen. Auf der Fahrt in die Klinik hatte sein Begleitkommando vorsorglich eine andere Route als die ursprünglich geplante gewählt. Auf dem linken Trittbrett des Wagens (dem Bürgersteig zugewandt, in der k. u. k. Monarchie herrschte Linksverkehr) hatte sich der Adjutant des Thronfolgers, Graf Harrach, aufgestellt, um notfalls den Erzherzog mit seinem eigenen Körper schützen zu können. Auf dem rechten Trittbrett stand niemand.

An der heutigen Lateinerbrücke bog der Fahrer irrtümlich nach rechts in die Nebenstraße ein. Graf Harrach ließ halten und den Wagen wenden. In diesem Augenblick kam Gavrilo Princip zufällig vorbei. Er war nach dem Scheitern des ersten Attentatsversuches mutlos weitergelaufen und sah nun das Auto des Thronfolgers ohne besondere Bewachung etwa drei Meter vor sich. Reflexartig riss er seine Pistole heraus und schoss.

Die Lateinerbrücke (nach 1914 in Gavrilo-Princip-Brücke umbenannt, heute wieder Lateinerbrücke): An der Hausecke am jenseitigen Brückenkopf fand das Attentat vom 28. Juni 1914 statt. Foto: Hans Biedert (1975)

Der Erzherzog und seine Frau verbluteten in den Sitzen. Princip wurde gefangen genommen und abgeführt. Die Spießgesellen des Attentäters ( ) telegrafierten nach Belgrad: »Beide Pferde gut verkauft.« Princip wurde der Prozess gemacht, wegen seiner Jugend verurteilte man ihn zu Festungshaft. In der tschechischen Festung Theresienstadt ist er noch vor Ende des Ersten Weltkrieges an Tuberkulose gestorben.

»Glücklich ist, wer ewig lebt. Er hatte Grund, geboren zu werden.« So lautet die Grabinschrift auf dem St.-Markus-Friedhof in Sarajewo, die an die »Helden des Vidovdan« von 1914 erinnert. Denn die Tat weniger Menschen brachte den südslawischen Völkern die endgültige Unabhängigkeit. Noch unter Tito galt Princip als jugoslawischer Held, seine Tat als patriotischer Akt. Das Attentat brachte aber auch Millionen Menschen den Tod und unsägliches Leid. Und so neigt man heute zumindest in Bosnien dazu, den Mord als einen Akt organisierten Terrors zu sehen, vergleichbar dem Geschehen des 11. September 2001 in den USA
( ).

Literaturhinweise

Andics, Hellmut: Der Untergang der Donaumonarchie. Wien/München
1974
Razumovsky, Dorothea Gräfin: Chaos Jugoslawien. München 1991
Wachtel, Andrew Baruch: Making a Nation, Breaking a Nation,
Literature and Cultural Politics in Yugoslavia. Stanford, CA, 1998

Materialien

Auszug aus dem Protokoll des Prozesses gegen Vasa Čubrilović und Cvjetko Popović, die ebenfalls am Attentat von Sarajewo beteiligt waren

Vasa Čubrilović

[…]
Cubr.: (schweigt).
Präs.: Haben Sie während der ganzen Zeit, seit Sie auf die Idee des Attentats kamen, auch die Absicht gehabt, es auszuführen, oder haben Sie den Plan aufgegeben und wieder aufgenommen? Wie war das?

Cubr.: (trotzig): Ja, ich hatte während der ganzen Zeit den Plan. Doch endlich entschloss ich mich fest. Die Ursache davon war, dass man bei der Ankunft des Thronfolgers in Ilidze die serbischen und kroatischen Fahnen einzog.

Präs.: Wie denken Sie von der Religion? Sind Sie Atheist?

Cubr.: (lacht): An Gott glaube ich allerdings; ich glaube alles.

Präs.: Hätten Sie nur ein wenig Glauben gehabt, so hätten Sie nicht einen Totschlag verübt. Sie wissen doch wohl, dass der Glaube den Totschlag verbietet?

Cubr.: (heftig): Und, wer Millionen von Menschen auf den europäischen Kriegsschauplätzen tötet?

Präs.: Daran sind Sie schuld.

Cubr.: (auffahrend): Nicht wir, sondern solche Menschen, wie der Thronfolger war. Ich kann ihn als Menschen bedauern, aber nicht als österreichischer Thronfolger. (Lautes Murren im Saale; der Präsident fixiert ihn einen Augenblick, dann wendet er sich ab): Hat jemand von den Herren noch eine Frage an ihn zu stellen?

Zisler: Was ist das: Serbokroat?

Cubr.: (verwundert): Was das ist, Serbokroat? Doch ein und dasselbe Volk, da wir die nämliche Sprache sprechen.

Zisler: Sie bringen da allerlei durcheinander. Sie sprechen zuerst von den Südslawen, dann von den Serbokroaten, und die Staatsanwaltschaft klagt Sie an, Sie hätten die Absicht gehabt, gewisse Territorien von der österreichisch-ungarischen Provinz abtrennen zu wollen.

Cubr.: Mir ist es gleich, ob Bosnien unter Österreich oder Serbien ist; mir ist nur daran gelegen, dass es unserem Volke gut geht, dass man mit dem Volke gut verfährt.

Zisler: Glaubten Sie, bei der Ausführung des Attentats auf diese Weise Ihr Ziel zu erreichen?

Cubr.: Ich weiß es nicht.

Zisler: Kennen Sie wenigstens im Großen und Ganzen die staatliche Zusammensetzung der österreichischungarischen Monarchie?

Cubr.: Ich kann sagen, dass in der Monarchie nur die Ungarn und die Deutschen herrschen, die doch in der Minderzahl sind, und dass alle übrigen unterdrückt sind.

Malek: Erinnern Sie sich, gesagt zu haben, dass die Studenten aus Tuzla anders sind als die hiesigen?

Cubr.: Ja, das habe ich gesagt, und sie sind auch wirklich anders als die hiesigen. Sie sind kampfbereiter.

Präs.: Jetzt eine kleine Pause von 5 Minuten.

Nach der Pause.

Präs.: Hat jemand an ihn noch eine Frage zu stellen? Nein? Gut. Cvjetko Popovic´ soll kommen.

Cvjetko Popovic´
Präs.: Sind Sie schuldig?

Pop.: Ja.

Präs.: Warum sind Sie schuldig?

Pop.: Wegen des Attentates.

Präs.: Erzählen Sie uns, wie es dazu gekommen ist.

Pop.: Ich redete einmal mit Gjukic´ von der Ankunft des Thronfolgers nach Sarajevo. Er sagte, man solle ihn »empfangen«.

Präs.: Was stellen Sie sich unter diesem »Empfang« vor?

Pop.: Versteht sich, ein Attentat.

Präs.: Welches sind Ihre politischen Ansichten?

Pop.: Ich bin ein Verfechter der Vereinigung der Serben und Kroaten. Ich bin Serbe und Kroate. Und das deshalb, weil man sich gegen die Unterdrückung wehren muss.

Präs.: Gegen welche Unterdrückung?

Pop.: Gegen die Unterdrückung, der wir in Bosnien-Herzegowina und in allen südslawischen Ländern der Monarchie ausgesetzt sind.

Präs.: Reden Sie nicht in Phrasen, sondern erklären Sie uns, was das nach Ihrer Auffassung für eine Bedrückung sei.

Pop.: Die Ausnahmezustände, das Kommissariat, die Protektion der Deutschen.

Präs.: Sie hielten sich also dazu berufen, hierfür Rache zu nehmen?

Pop.: Ja.

Präs.: Haben Sie nicht auch daran gearbeitet, dass Serbien mit Kroatien vereinigt werde?

Pop.: Ich bin überzeugt, dass es einmal dazu kommen wird, allein ich weiß auch, dass dies noch in ferner Zukunft liegt.

Aus: Josef Kohler (Hrsg.): Der Prozess gegen die Attentäter von
Sarajevo. R. v. Decker, Berlin 1918, S. 74 f.

Vasa Čubrilović wurde zu 56 Jahren Kerker verurteilt. Er überlebte den Krieg im Gefängnis von Senitza.

Cvjetko Popović bekam 13 Jahre Kerker; auch er überlebte den Krieg (vgl. Milo Dor: Die Schüsse von Sarajewo. München 1989, S. 294).

Gavrilo Princip – Held oder Terrorist?

»Princip war ein Patriot«, sagt Jovo Jancic, Direktor der Interessenvereinigung Demokratische Initiative der Serben Sarajewos. Tatsache sei, dass der Attentäter als Mitglied der Bewegung Junges Bosnien gegen die damalige österreichisch-ungarische Besatzungsmacht gekämpft habe, seine Tat demnach als legitimer Widerstand betrachtet werden müsse. Jancic sieht den Attentäter als Vorkämpfer eines bosnischen Nationalismus, der auch von Muslimen unterstützt worden sei. Diese Geschichtsinterpretation habe er in der Schule gelernt, sagt er, und daran halte er fest. Solches sei auch die gültige Version gewesen bis zum jüngsten Krieg in den neunziger Jahren. Nun hätten bestimmte Kreise ein politisches Interesse daran, Princip als Terroristen zu brandmarken. Wie aber lässt sich erklären, dass an Princips Grabstätte auf dem St.-Markus-Friedhof wenige Tage vor dem 90. Jahrestag des Attentats keine Blumen zu sehen sind? Noch in den achtziger Jahren, sagt Jancic, hätten das ganze Jahr über Schulklassen das Grab der Helden des Vidovdan und den Ort des Attentats besucht. Doch Sarajewo habe sich seither eben verändert.
Aus: Neue Zürcher Zeitung, 26./27. Juni 2004
Mit Genehmigung der Neuen Zürcher Zeitung

 


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