Zeitschrift

 

Der Balkan

 

 

 


Heft  49 - 2005

Hrsg.: LpB


 

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Einleitung - Der Balkan
 

Wenn es einen Wettbewerb gäbe, welche Region Europas die schlimmste sei, der Südosten des Kontinents hätte große Chancen auf einen der vordersten Plätze. »Auf dem Balkan war wieder mal, wie schon so oft, ein Mordsskandal« sang bereits vor mehr als einem Jahrhundert Otto Reuter. Zur selben Zeit festigte Karl May in den Köpfen seiner Leser das Bild einer heruntergekommenen Gegend mit seltsamen Menschen und organisierter Kriminalität. Und Bram Stoker machte das heutige rumänische Transsylvanien zur Heimat Draculas, des Urvaters aller Vampire.

Unterentwicklung, Rückständigkeit, Konflikte und Kriege – der Balkan bot und bietet all das reichlich in der Vorstellung vieler West- und Mitteleuropäer bis in die Gegenwart. Allenfalls pittoresk und teilweise urlaubsgeeignet. In Europa und doch fremd.

Dieses Heft will nicht nur den Raum, die Wirtschaft und die Religionen vorstellen (Kapitel I), Dichter und Werke, die sich mit der Region beschäftigen (Kapitel II), sondern auch die Geschichte des Balkans für das Verständnis der Gegenwart (Kapitel III). Dabei kann es nicht um eine chronologische Skizze gehen, sondern um die Darstellung von Ereignissen, die Weichen stellten.

Brücke zwischen Europa und Asien war der Balkan schon immer, Ausfallstor (etwa für die Kreuzfahrer des Mittelalters) und Einfallspforte (nicht nur für die Osmanen) und damit auch Ort der Begegnung verschiedener Kulturen. Grenzen verliefen hier und Konfliktlinien, westliche und östliche Interessen und Religionen trafen aufeinander, Feindschaften bildeten sich, die sich zum Teil bis heute erhalten haben.

Sarajewo im März 1996: Abziehende Serben haben zuvor ihr
Haus im Stadtteil Grbavica angezündet.
Aus: C Edizione del Museo Ken Damy, Brescia/Italy 2001
Foto: Livio Senigalliesi, mit Genehmigung des Museo Ken Damy

Erinnerung an Vergangenes – in weiten Teilen Europas ist sie nicht mehr vorhanden. Die Schlacht auf dem Amselfeld fand 1389 statt. Für die Mehrzahl der Serben ist das, als wäre es gestern gewesen: Ein Volk opfert sich für Europa, schmählich von allen verlassen – Legenden bestimmen bis heute politische Entscheidungen.

Der Zerfall Jugoslawiens im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts ließ uralte Konflikte wieder aufbrechen, und es zeigte sich, dass der Nationalismus, den man in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg längst für tot gehalten hatte, noch quicklebendig ist. Er war zugleich Beleg dafür, dass das sich formierende Europa auf der internationalen Bühne noch wenig zu bestellen hatte. Der Balkan, das ist freilich nicht nur der Konfliktherd Jugoslawien. Das sind auch seine Nachfolgestaaten und Länder wie Bulgarien und Rumänien1, das ist, wie Kapitel IV zeigt, eine Region im Umbruch: auf dem Weg zu Demokratie, Marktwirtschaft und enger Bindung an Europa, von der NATO bis zur EU. Da liegt eine große Aufgabe – und eine Hoffnung.

 


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