Der Balkan
Hrsg.: LpB |
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| Einleitung - Der Balkan | |||
| Wenn es einen Wettbewerb gäbe, welche Region Europas die schlimmste sei, der Südosten des Kontinents hätte große Chancen auf einen der vordersten Plätze. »Auf dem Balkan war wieder mal, wie schon so oft, ein Mordsskandal« sang bereits vor mehr als einem Jahrhundert Otto Reuter. Zur selben Zeit festigte Karl May in den Köpfen seiner Leser das Bild einer heruntergekommenen Gegend mit seltsamen Menschen und organisierter Kriminalität. Und Bram Stoker machte das heutige rumänische Transsylvanien zur Heimat Draculas, des Urvaters aller Vampire. Unterentwicklung, Rückständigkeit, Konflikte und Kriege – der Balkan bot und bietet all das reichlich in der Vorstellung vieler West- und Mitteleuropäer bis in die Gegenwart. Allenfalls pittoresk und teilweise urlaubsgeeignet. In Europa und doch fremd. Dieses Heft will nicht nur den Raum,
die Wirtschaft und die Religionen vorstellen (Kapitel I), Dichter und
Werke, die sich mit der Region beschäftigen (Kapitel II), sondern auch
die Geschichte des Balkans für das Verständnis der Gegenwart (Kapitel
III). Dabei kann es nicht um eine chronologische Skizze gehen, sondern
um die Darstellung von Ereignissen, die Weichen stellten.
Erinnerung an Vergangenes – in weiten Teilen Europas ist sie nicht mehr vorhanden. Die Schlacht auf dem Amselfeld fand 1389 statt. Für die Mehrzahl der Serben ist das, als wäre es gestern gewesen: Ein Volk opfert sich für Europa, schmählich von allen verlassen – Legenden bestimmen bis heute politische Entscheidungen. Der Zerfall Jugoslawiens im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts ließ uralte Konflikte wieder aufbrechen, und es zeigte sich, dass der Nationalismus, den man in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg längst für tot gehalten hatte, noch quicklebendig ist. Er war zugleich Beleg dafür, dass das sich formierende Europa auf der internationalen Bühne noch wenig zu bestellen hatte. Der Balkan, das ist freilich nicht nur der Konfliktherd Jugoslawien. Das sind auch seine Nachfolgestaaten und Länder wie Bulgarien und Rumänien1, das ist, wie Kapitel IV zeigt, eine Region im Umbruch: auf dem Weg zu Demokratie, Marktwirtschaft und enger Bindung an Europa, von der NATO bis zur EU. Da liegt eine große Aufgabe – und eine Hoffnung.
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