Zeitschrift

 

Der Balkan

 

 

 


Heft  49 - 2005

Hrsg.: LpB


 

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I. Die Region im Überblick

1. Landschaft und Wirtschaft

 

Der Terminus »Balkan« bedeutet auf Türkisch »Gebirge« (Encyclopaedia universalis France). Diese Bezeichnung bezieht sich bereits seit dem 15. Jahrhundert auf die Stara Planina (Altes Gebirge), den zentralen Gebirgszug Bulgariens, der damit der kompaktesten der mediterranen Halbinseln seinen Namen verlieh. Noch heute zeugt er durch vielfältigste Hinterlassenschaften von der Vergangenheit des Osmanischen Reiches.

Im Jahr 1808 prägte der Geograf August Zeune den Begriff »Balkanhalbeiland«, da er vermutete, dass das Balkangebirge vom Schwarzen Meer bis Istrien reiche und damit eine sinnvolle Nordgrenze der Halbinsel sei (vgl. M. Redepenning, S. 11). Obwohl dies falsch ist, behielt man die Bezeichnung bei. Spricht man vom »Balkan«, so sollte deshalb präzisiert werden, ob es sich um das Gebirge oder die Halbinsel handelt.

Begrenzung und Relief

Konnte man bei der Iberischen und Apenninischen Halbinsel von einer gewissen Abgeschlossenheit und einer relativen Einheitlichkeit ausgehen, so kann festgestellt werden, dass die Balkanhalbinsel sich einerseits geradezu durch die fehlende Abgeschlossenheit und einen daraus resultierenden Übergangscharakter kennzeichnet. Dieser spiegelt sich in der Vielfalt der ethnischen, sozialen und kulturellen Beziehungen wider, die eine Brücke zwischen Europa und Asien bilden. Die physisch-geografische Gliederung des Naturraumes mit seinen zahlreichen Gebirgszügen, Tälern und Becken kann dagegen als Begründung für die Vielfalt und die komplizierten politischen und ethnischen Beziehungen herangezogen werden, da die natürlichen Bedingungen Barrieren für den Austausch zwischen den verschiedenen Gruppen schufen (vgl. Karte Umschlagseite 4).

Brücke über die Valbona in den albanischen Alpen. Aus: Werner Daum u. a. (Hrsg.): Albanien zwischen
Kreuz und Halbmond. Staatliches Museum für Völkerkunde München, München 1998, S. 57

Aus physisch-geografischer Sicht wird als nördliche Grenze der Halbinsel in der Regel der Verlauf der Flüsse Save und Donau angesehen. Es erscheint jedoch zweckmäßig, auch das Zwischenstromland zwischen Drau und Save (nördliche Landesteile Sloweniens und Kroatiens) dem Balkan zuzurechnen, was sich besonders aus kulturgeografischer Sicht rechtfertigen lässt, auch wenn sich die Gebirgszüge dieses Raumes in das tektonische Bild der Halbinsel einordnen lassen.

Geotektonisch wird der Raum von zwei jungen Falten der alpiden Faltung, den Dinariden und den Balkaniden, bzw. durch die von ihnen umschlossene Thrakische Masse (Pelagonisches Massiv,
Rhodopen- und Kykladenmassiv) bestimmt. Während die Ketten des Dinarisch-Hellenistischen Gebirges ausgehend von den südöstlichen Ausläufern der Alpen parallel zur Adriaküste in nordwestlich-südöstliche Richtung streichen, verläuft das Balkangebirge in West-Ost-Richtung. Im Süden treten die Ketten etwas zurück, und es öffnet sich in Albanien eine relativ große Ebene mit tertiären Hügelländern. Der balkanische Faltenstrang bildet den südlichen Teil des wie ein »S« gekrümmten Karpatenbogens, der am Donaudurchbruch, dem Eisernen Tor, auf die Balkanhalbinsel übergreift, womit der Balkan zur Fortsetzung des Nordalpen-Karpatenbogens wird. Das Balkangebirge teilt sich in drei aufeinander folgende Teile. Während der westliche Teil (zwischen Timok- und Iskerdurchbruch) durch kristalline Gesteine charakterisiert ist, weist der Hohe Balkan eine kristalline, mit nach Osten hin zunehmend mit mesozoischen Sedimenten verfaltete Kernzone auf. Im Kleinen Balkan tritt kristallines Gestein nicht mehr zutage. Das Gebirge löst sich durch Längstäler in parallele Ketten auf und nur die Hauptkette, der Enime-Balkan, erreicht die Küste des Schwarzen Meeres (Kap Enime). In diesem Ostteil der Halbinsel dominiert eine Abfolge westöstlich angelegter Landschaften mit Gebirgscharakter und einer südlich des Balkans anschließenden Reihe von Becken.

Klima

Aus der geografischen Lage und den geotektonischen Bedingungen folgt, dass das Klima stark durch die Höhenlage beeinflusst und kontinentalen Einwirkungen unterworfen ist. Dies gilt für weite Teile der Halbinsel, da der küstenparallele Verlauf des Dinarischen Gebirges, das Fehlen größerer Küstenebenen oder sich zur Adria weit öffnender Flusstäler den mediterranen Klimaeinfluss im gesamten Westen auf einen wenige Kilometer breiten Streifen beschränkt. Zum Teil sind daher kaum 30 Kilometer landeinwärts deutlich spürbar kontinentale Verhältnisse anzutreffen. Die Küstenstadt Zara weist ein Jahresmittel der Temperatur von 6,7 °C auf, während im 25 Kilometer landeinwärts liegenden Caspic´, beeinflusst durch den Gebirgscharakter, eine mittlere Temperatur von –3,2 °C herrscht. Insgesamt beschränkt sich der mediterrane Einfluss des Klimas auf die adriatische Küste, die griechische Halbinsel und die ägäischen Randlandschaften südlich der Rhodopen, während besonders die breite Basis verstärkt kontinentalen Charakter aufweist. Das Balkangebirge stellt seinerseits eine wirksame Klimabarriere gegen das Eindringen kalter, winterlicher Festlandluftmassen dar.

Hinsichtlich der Niederschläge besteht ein starker Unterschied zwischen Ost- und Westseite. Die Küste bei Kotor (Montenegro) empfängt mit zirka 4700 Millimetern die größte Niederschlagsmenge in Europa, während Athen
nur 390 Millimeter erhält.

Wirtschaftliche Aspekte –
Landwirtschaft

Verglichen mit der Apenninischen und der Iberischen Halbinsel bilden die klimatischen Voraussetzungen, das bewegte Relief, die räumliche Gliederung der Landschaften und die vorherrschenden Grundgesteine wenig vorteilhafte Bedingungen für die Erschließung und Nutzung des Raumes. Dies gilt besonders für die Landwirtschaft, aber auch für andere wirtschaftliche Aktivitäten, da das Relief Verkehrsbeziehungen behindert. Eine wichtige Rolle spielen auch die vor allem im Westen stark ausgeprägten Karsterscheinungen, die durch die Umwandlung des festen Kalziumkarbonates unter Einwirkung von Kohlenstoffdioxid in das lösliche Bikarbonat entstehen. Die sich dabei bildenden Dolinen oder Poljen prägen das Landschaftsbild ebenso wie Höhlen- und unterirdische Entwässerungssysteme. Dies verdeutlicht, dass der relative Wasserreichtum bestimmter Regionen nicht immer direkt nutzbar gemacht werden kann, da das Wasser nicht als Oberflächenwasser abfließt. So ist beispielsweise in den Karstgebieten Hochkroatiens und in der Hochkarstzone bestellbarer Boden rar, und oft kann nur in den im Winter überschwemmten Poljen mit ihren fruchtbaren Schwemmlandböden Ackerbau betrieben werden. Da die Böden auf der Kalksteinbasis selten fruchtbar sind, eignen sich die Karstflächen eher für Kleinviehhaltung mit
Ziegen oder Schafen.

Günstigere Bedingungen findet man im tertiären Hügelland und in den größeren Becken, so im Zwischenstromland im Norden Kroatiens, das zugleich auch dessen dicht besiedeltes Kernland darstellt. Hier wird intensive Landwirtschaft mit dem Anbau von Zuckerrüben, Getreide und Kartoffeln, in günstigen Lagen auch Kulturen wie Obst und Wein betrieben. Die östlich an die Hochkarstzone anschließende innerdinarische Zone Bosniens und der Herzegowina erweist sich im Norden als relativ siedlungsfreundlich mit guten Anbaumöglichkeiten, wobei die landwirtschaftliche Produktion durch den Krieg fast zum Erliegen gekommen ist.

In Serbien bieten ausgedehnte Becken günstige Bedingungen. Hier herrschen teilweise fast submediterrane Verhältnisse, die den Anbau von Wein, Tabak und Baumwolle ermöglichen. Die angrenzenden Gebirge eignen sich jedoch nur für extensive Weidewirtschaft. Das fruchtbare Hügelland im Norden des Landes, der Sumadija, ist vor allem für die Kultur von Pflaumenbäumen zur Produktion des Pflaumenschnapses Sliwowitz bekannt.

Neuere wirtschaftliche Entwicklungen

Nach dem Ende des Kalten Krieges und dem Zerfall des alten Jugoslawiens unterlagen die Länder der Balkanhalbinsel schwerwiegenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen. In den kommunistischen Ländern des Balkans existierte eine »Überindustrialisierung
«. Der Industriesektor war um ein Viertel bis ein Drittel stärker ausgeprägt als in marktwirtschaftlichen Ländern und das bei hohem Ressourcenverbrauch mit einer relativ geringen Wertschöpfung (vgl. K. Grunewald, S. 25). Daraus folgte, dass mit der Öffnung zur Marktwirtschaft eine umfassende Restrukturierung der Unternehmen zur Erhöhung der Wettbewerbsfähigkeit unabdingbar war. Durch Privatisierung und Schließung von unrentablen Firmen musste zum Beispiel die bulgarische Stahlindustrie ihre Mitarbeiterzahl von 1990 bis 2000 von 40 000 auf knapp 19 000 reduzieren (vgl. J. Köhli, S. 32).

Noch schlimmer gestaltete sich die Entwicklung in den vom Krieg gezeichneten Ländern des ehemaligen Jugoslawiens.  In Bosnien-Herzegowina war das Bruttoinlandsprodukt (BIP) 1998 um 60 Prozent niedriger als vor dem Krieg (vgl. S. Marti 1999, S. 45). Obwohl die Wirtschaft langsame Fortschritte macht, betrug die Arbeitslosigkeit im Jahr 2000 noch etwa 50 Prozent (vgl. S. Marti 2001, S. 50). Im Jahr 1998 fiel in Serbien-Montenegro das BIP auf das Niveau von 1971 zurück (vgl. S. Marti 1999, S. 45). Der internationale Schuldenerlass 2001 sowie die 2002 eingeleiteten Wirtschaftsreformen führten zu einer leichten Verbesserung der Situation. Doch bereits im Jahr 2003 ging das Wachstum auf nur noch ein Prozent zurück.

Besonders schwerwiegende Konsequenzen zeigten die kriegerischen Auseinandersetzungen für Albanien, obwohl es nicht direkt am Krieg beteiligt war. Zwar hat sich die Wirtschaftskraft in den vergangenen zehn Jahren langsam positiv entwickelt (BIP 1990: 2740 Mio. US-Dollar/Person; 1999: 3192 Mio. US-Dollar/Person) (Fischer Weltalmanach 2003), doch haben sich die Anteile der unterschiedlichen Sektoren stark verändert (siehe Tabelle nach Fischer Weltalmanach 2003).
 

Das Bruttoinlandsprodukt Albaniens wies 2003 eine reale Wachstumsrate von sechs Prozent auf, wobei 80 Prozent des BIP im privatwirtschaftlichen Bereich erwirtschaftet wurden, eine auf der Balkanhalbinsel vergleichsweise
neue Entwicklung.

Literaturhinweise

Baratta, Mario von (Hrsg.): Der Fischer Weltalmanach 2003.
Frankfurt 2002
Brockhaus-Wissen 2004, CD-Rom 1, Politik
Encyclopaedia universalis France. Volume 2. Paris 1979
Grunewald, Karsten: Umweltprobleme und Transformation in Bulgarien.
In: Geographische Rundschau 11/2001. Braunschweig
Köhli, Jörg: Stahlindustrie in Bulgarien: Umstellung vor dem EUBeitritt.
In: Geographische Rundschau 11/2001. Braunschweig
Marti, Serge (Hrsg.): Bilan du Monde. Edition 1999 und Edition
2001, o. O.
Redepenning, Marc:Was und Wie ist der Balkan? In: Geographische
Rundschau 7–8/2002. Braunschweig
Rumiz, Paolo: Masken für ein Massaker. Der manipulierte Krieg:
Spurensuche auf dem Balkan. München 2000
Todorova, Maria: Die Erfindung des Balkans. Europas bequemes
Vorurteil. Darmstadt 1999


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