Zeitschrift

 

Der Balkan

 

 

 


Heft  49 - 2005

Hrsg.: LpB


 

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2. Religionen und Konfessionen
 

1992 überschrieb der Historiker Imanuel Geiss einen Zeitungsartikel über die Konflikte auf dem Balkan mit »Das alte, neue Pulverfaß Europas. Explosives Gemenge von Völkern, Religionen und Kulturen« (I. Geiss, S. 16). Viele erwarteten damals, dass sich der Konflikt in Jugoslawien auch auf andere multiethnische Balkanstaaten ausweiten könnte. Der geografischen Enge steht eine große kulturelle Vielfalt gegenüber, und »der Balkan ist Europas klassische Minderheitenregion« (I. Geiss, S. 16). Zumeist zählt die »Staatsnation« nur etwa 50 Prozent der Einwohner; die andere Hälfte besteht aus Minderheiten, auch aus religiösen. »Allein im heutigen Rumänien rechnet man mit 23 Völkern, Nationalitäten und Volkssplittern. Bosnien-Herzegowina und Makedonien sind ähnlich ethnisch gemischt. [Verschärft wird die Lage] durch die kulturelle Spaltung: Latinität – Orthodoxie« (I. Geiss, S. 16).

Zu allen Zeiten waren die Länder der Balkanhalbinsel Durchzugs- und bevorzugte Siedlungsgebiete, die immer wieder neue Völkerschaften anlockten oder bei anderen Staaten Begehrlichkeiten weckten (Habsburgerreich, Osmanisches Reich, Russland). Zudem sind die heutigen Balkanstaaten zum größten Teil Produkte des Zerfallsprozesses des Osmanischen Reiches und die Grenzen auch Ergebnisse der Interessenpolitik der europäischen Großmächte. Die verschiedenen Imperien haben dabei ihre kulturellen und religiösen Spuren hinterlassen. Daher ist es nicht verwunderlich, dass die Staaten auf dem Balkan weder ethnische noch religiöse Einheiten bilden. Alle sind sie bis heute mehr oder weniger Vielvölkerstaaten mit Bewohnern unterschiedlicher religiöser Zugehörigkeit, deren Miteinander nur selten spannungsfrei war, wie Kapitel III. dieses Heftes aufzeigt. Auch die »Homogenisierungspolitik « der kommunistischen Machthaber wie zum Beispiel Ceaus¸ escu in Rumänien, die alle ethnischen Unterschiede verwischen sollte, war nicht erfolgreich. In Rumänien verschärfte sich seit dem Ende der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts der nationalistische Konflikt mit den Ungarn, wobei die orthodoxe Kirche sich hier und in Siebenbürgen als Verteidigerin der rumänischen Hegemonie aufspielte.

Das Römische Reich hinterließ dem Balkan zwei rivalisierende, religiös geprägte Kulturen: die griechisch-orthodoxe Kultur im Osten und Süden, die römisch-katholische im Norden und Westen. Diese Spaltung verfestigte sich durch das Schisma von 1054 (siehe Kapitel III.1).

Das alte Jugoslawien umfasste über 20 Völkerschaften, »die in jahrhundertelang voneinander getrennten Kulturräumen gelebt hatten« (M.-J. Calic, S. 1). Die Gebiete nördlich von Una, Save und Donau, wo vor allem Slowenen, Kroaten und eine serbische Minderheit lebten, waren von der österreichisch-ungarischen Herrschaft geprägt und hatten sich weitgehend der westlichen, katholischen Zivilisation angeschlossen, während die Regionen südlich von Donau und Save, wo Serben, Montenegriner, Albaner und Makedonier leben, von der byzantinischen und der orthodoxen Kultur bestimmt sind. Hier bilden die Muslime eine starke Minderheit.

Religionen haben schon immer die Gesellschaft und Mentalitäten entscheidend mitgeprägt. Sie haben auf dem Balkan zu einer rund 1500 Jahre dauernden unterschiedlichen Entwicklung geführt und sich in die Strukturen des Denkens und Handelns der Menschen eingeprägt. Während sich im übrigen Europa im 18. und 19. Jahrhundert die Kriegführung um eine weitgehende Trennung von Zivilbevölkerung und Kriegführenden bemühte, brachten auf dem Balkan die Befreiungskriege gegen die Türken und die Konflikte zwischen den aufstrebenden Nationalstaaten untereinander »eine Renaissance des Massakers an unbeteiligter Zivilbevölkerung – Orthodoxe gegen Muslims, Muslims gegen Orthodoxe, orthodoxe Serben gegen orthodoxe Bulgaren, im Zweiten Weltkrieg katholische Kroaten gegen orthodoxe Serben. 1945 dann im Gegenschlag orthodoxe Serben gegen katholische Kroaten« (I. Geiss, S. 16). So entstand ein »Blutgraben« vor allem zwischen Serben und Kroaten, durch das kommunistische Regime Titos notdürftig zugeschüttet, der in den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts nach den Gesetzen der auf dem Balkan nie gänzlich erloschenen Blutrache wieder aufbrach.

Ein weiterer Grund ist in der traumatischen Erfahrung der Serben im späten Mittelalter zu suchen, als nach dem Sieg der muslimischen Osmanen 1389 und 1448 (vgl. Kapitel III. 2) »der überlebende serbische Adel geschlossen zum Islam« übertrat (I. Geiss, S. 16), um auf diese Weise seine soziale Stellung und seine Privilegien zu erhalten. Dadurch fühlten die Serben sich »sozial und kulturell geköpft« (I. Geiss, S. 16). Den Zusammenhalt garantierte von nun an allein die orthodoxe Kirche, die volksnah, antiislamisch und antikatholisch war, was bis heute eine Konfliktlösung zumindest behindert, denn der serbische Nationalismus wird durch die orthodoxe Kirche gestützt, und serbische Chauvinisten haben die Muslime in Bosnien-Herzegowina nicht von ungefähr als Nachkommen der »Verräter« von 1389 und 1448 gebrandmarkt und bekämpft.

Bulgarien hat weniger mit Minderheiten zu kämpfen als Rumänien oder das alte Jugoslawien. Dennoch erwies sich in der unmittelbaren Vergangenheit das Verhältnis zur türkisch-muslimischen Minderheit als ein substanzielles Problem. Seit dem 6. Jahrhundert wurde Bulgarien einerseits von slawischen, andererseits von türkischen Völkerschaften besiedelt, und das im 12. Jahrhundert gegründete bulgarische Reich wurde am Ende des 14. Jahrhunderts osmanische Provinz. Schon von daher kann auch das heutige Bulgarien keine ethnische und religiöse Einheit bilden. Fast 16 Prozent der Bewohner gehören ethnischen oder religiösen Minderheiten an. Dabei bilden die islamischen Türken mit etwa einer Million Menschen die größte Minorität. Sie waren lange Zeit einer »Zwangsbulgarisierung« ausgesetzt, wobei als Begründung angeführt wurde, dass es sich bei der islamischen Minderheit in Wirklichkeit gar nicht um Türken handle, sondern um Bulgaren, die im 16. und 17. Jahrhundert zwangsweise islamisiert worden waren und die nun wieder ihre »bulgarische Identität« gefunden hätten.

Als nach 1989 die bulgarische Politik auf Reformkurs ging, kam es zu einer Staatskrise, die zwar nicht unmittelbar mit den ethnisch-religiösen Problemen zusammenhing, aber doch den alten Konflikt mit der türkischen Minderheit wieder ans Tageslicht brachte. Dabei zeigte sich, dass die großbulgarisch-nationalistische Stimmung, gestützt von der orthodoxen Kirche, sich so verfestigt hatte, dass sich kaum eine politische Gruppierung für die Rechte der türkischen Bevölkerung einzusetzen wagte. Erst der Druck aus dem Ausland zwang die Regierung in Sofia 1990 dazu, den Türken einige Minderheitsrechte zuzubilligen (freie Wahl des Namens, Glaubensfreiheit, Gebrauch der türkischen Sprache im privaten und gesellschaftlichen Leben). Doch schon die Gewährung dieser bescheidenen Rechte löste antitürkische Proteste aus. Seit 1992 betreibt die bulgarische Regierung eine »Anti-Konfrontationspolitik« und setzt auf Integration bei gleichzeitiger Wahrung der islamischen Identität. Als problematisch erweist sich noch heute, dass »die staatliche Modernisierungspolitik nicht den Ansprüchen und Vorstellungen der islamischen Bevölkerung entspricht, die  noch eher in traditionellen Lebensgemeinschaften verwurzelt ist« (I. Oswald, S. 81). Die islamische Minderheit in Bulgarien und in anderen Balkanstaaten unterscheidet sich von der übrigen Bevölkerung unter anderem durch ein relativ niedriges Bildungsniveau mit einer hohen Analphabetenrate und durch ihre Beschäftigung hauptsächlich in der Landwirtschaft.

Literaturhinweise

Calic, Marie-Janine: Das Ende Jugoslawiens. Informationen zur
politischen Bildung aktuell. Bonn 1996
Geiss, Imanuel: Das alte, neue Pulverfaß Europas. Explosives
Gemenge von Völkern, Religionen und Kulturen. In: Das Parlament
Nr. 10–11 vom 28. Februar/6. März 1992, S. 16
Hawkesworth, Celia/Heppel, Muriel/Norris, Harry (Hrsg.): Religious
quest and national identity in the Balkans. London 2001
Kandel, Johannes (Hrsg.): Religionen und Kulturen in Südosteuropa:
Nebeneinander und Miteinander von Muslimen und Christen.
Eine Fachtagung der Friedrich-Ebert-Stiftung, der Katholischen
Akademie in Berlin und der Freien Universität Berlin (Osteuropainstitut).
Berlin 2002
Oswald, Ingrid: Nationalitätenkonflikte im östlichen Teil Europas.
Politik kurz und aktuell 49, hrsg. von der Landeszentrale für politische
Bildungsarbeit Berlin. Berlin 1993
Perica, Vjekoslav: Balkan idols: religion and nationalism in Yugoslav
states. Oxford 2002

 


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