Zeitschrift

 

Der Balkan

 

 

 


Heft  49 - 2005

Hrsg.: LpB


 

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Vorwort des Herausgebers
 

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts zeigt sich der Balkan wesentlich ruhiger als am Ausgang des vergangenen Jahrhunderts. Aber immer noch prägen Vorurteile das westliche Bild von dieser Region im Südosten des Kontinents bis heute. In ihrem Buch »Die Erfindung des Balkans. Europas bequemes Vorurteil« vertritt Maria Todorova die These, dass die Balkanstaaten oftmals als das »Andersartige« Europas beschrieben werden, deren Bewohner sich den Wertmaßstäben der so genannten zivilisierten Welt nicht anpassen wollen.

Um das Wesen solcher Stereotypen zu begreifen, empfiehlt sich ein Blick in die Geschichte. Als historisch prägende Vermächtnisse auf dem Balkan erscheint zum einen das byzantinische Zeitalter mit tiefgreifendem Einfluss auf alle gesellschaftlichen Lebensbereiche. Nicht minder bedeutsam zeigte sich das halbe Jahrtausend der osmanischen Herrschaft. Ihm hat das südöstliche Europa nicht nur den neuen Namen Balkan zu verdanken; auch die vorherrschenden Klischees beruhen vornehmlich auf den osmanischen Faktoren oder jenen, die als solche angesehen wurden. Noch immer fließen daher die Grenzen zwischen »Balkan« und »Orient« in der Wahrnehmung oftmals ineinander. Ins westliche Bewusstsein tritt der Balkan meist als Konfliktherd oder »Pulverfass« Europas. Eine solche eindimensionale Sichtweise vernachlässigt jedoch die vielfältigen positiven interethnischen Beziehungen, welche die südosteuropäische Halbinsel im Laufe ihrer Geschichte entwickelt hat.

Der Bildungsplan Baden-Württemberg für das Gymnasium schlägt im Neigungsfach Geschichte für die Lehrplaneinheit 13.7 und im Zwei-Stunden-Fach für die LPE 13.3 »Brennpunkte und Entwicklungen der Gegenwart in historischer Perspektive« unter anderem die Behandlung des Themas »Der Balkan als Konfliktherd« vor. Dabei sollen die Schülerinnen und Schüler die Bearbeitung selbst planen, problemorientiert und selbstständig vorgehen sowie »ihre Ergebnisse in geeigneter Form präsentieren«. Hierfür bietet das vorliegende Heft eine geeignete Grundlage. Es liefert den notwendigen historischen Hintergrund für dieses Thema und zeigt an ausgewählten Fallbeispielen, wodurch die Geschichte des Balkans nachhaltig geprägt ist, so dass die Schülerinnen und Schüler die modernen Entwicklungen in der Region besser verstehen und einordnen können. Dies gilt auch für die vom Bildungsplan 2004 geforderten Kompetenzen. Dabei geht es darum, zu verdeutlichen, dass der Balkan eine Region darstellt, die von einer großen ethnischen Vielfalt geprägt ist, in der nicht nur Christentum und Islam aufeinander treffen, sondern in der sich auch Konflikte zwischen den christlichen Kirchen des Westens und des
Ostens abspielten und abspielen.

Es gilt zu zeigen, dass der Balkan, von unterschiedlichen Kultureinflüssen geprägt, im Grunde zwischen Europa und Asien liegt, obwohl dieser Raum geografisch zu Europa gehört; dass der Balkan in der Vergangenheit im Schnittpunkt fremder Interessen stand und davon nachhaltig beeinflusst wurde; dass die politische Neuordnung des Balkanraumes nach dem Ersten Weltkrieg, dieser »europäischen Urkatastrophe«, keine Lösung der ethnischen und nationalistischen Interessen gebracht hat, und dass auch nach dem Zweiten Weltkrieg trotz der Verdrängung der Deutschen kein echter ethnischer Ausgleich stattgefunden hat. Letztlich wurde ein eher trügerischer Frieden geschaffen, der sich nach Ende der Diktaturen in ethnischen Konflikten und Kämpfen auflöste, wofür besonders das Beispiel Jugoslawiens steht.

Im Neigungsfach Gemeinschaftskunde sieht der Bildungsplan Baden-Württemberg für das Gymnasium für die LPE 13.5 das Thema »Friedenssicherung durch Demokratisierung und Menschenrechtspolitik« vor sowie im Zwei-Stunden-Fach für die LPE 13.2 »Friedenssicherung und Konfliktbewältigung«. Für beide Themenbereiche bietet die vorliegende Publikation insbesondere in Kapitel IV. Informationen und Anregungen.

Seit dem »Wendejahr« 1989 drängen die Staaten des Balkans verstärkt nach Europa. Die Europäischen Union besitzt für viele dieser Länder offenkundig mehr Anziehungskraft als partikulare Interessen. Ein nachhaltiger Ausgleich bestehender Interessengegensätze und politische Stabilität lassen sich nur im Rahmen einer gesamteuropäischen Friedensordnung erreichen. Ihre nach wie vor bestehenden Probleme wie etwa ungelöste Minderheitenfragen, Grenzstreitigkeiten, Aufbau demokratischer Strukturen und Konsolidierung der wirtschaftlichen Situation können die Balkanstaaten allerdings nicht mit dem bloßen Eintauchen in die EU lösen. Vor ihnen liegt noch ein langes Stück Weg nach Europa, wie es Chris Patten, ehemaliger britischer EU-Kommissar für Außenbeziehungen, einmal formuliert hat. Erst dann aber ist die Vision Europa vollständig.

Lothar Frick
Direktor
Landeszentrale für politische Bildung
Baden-Württemberg

Redaktion DEUTSCHLAND&EUROPA

 


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